Musik

Ausgerechnet Mandoline

Für einen Grammy nominiert: Avi Avital Foto: Alessia Bottaccio

Ausgerechnet die Mandoline hat sich Avi Avital ausgesucht, dieses fipsige Instrument, das auf der Kitsch‐Skala gleich hinter der Panflöte rangiert. Doch bei dem jungen, schwarzhaarigen Mann klingt nichts nach Kitsch. Der 1978 geborene Israeli bearbeitet die acht Saiten seines Instruments nach allen Regeln der Kunst. Das hat ihm vor Kurzem sogar eine Grammy‐Nominierung eingebracht – die erste überhaupt für Mandoline. Wer Avital beim Spielen zuhört, wird sich denn auch hüten vor dem Klischee, dass die Mandoline nur die Gitarre der Kleinen Mannes sei.

neu‐berliner Avi Avital ist 33 Jahre alt. Er stammt aus Beer Sheva, doch sein aktueller Wohnsitz ist Berlin‐Mitte. Wie viele israelische Künstler hat es ihn in die deutsche Hauptstadt gezogen, nachdem er zuvor acht Jahre lang in Italien gelebt hatte. »Mir wurde klar, dass in dieser Stadt etwas wirklich Außergewöhnliches stattfindet. Hier gibt es eine Menge Platz für Kreativität, sehr viele inspirierte Menschen, Künstler leben und arbeiten hier und inspirieren die ganze Community. Berlin ist wirklich der angesagteste Ort heutzutage.«

Seine musikalische Ausbildung erhielt Avi Avital an der Musikakademie von Jerusalem und am Konservatorium von Padua. Er hat schon mit großen Orchestern gespielt wie dem Israel Philharmonic Orchestra. Antonio Vivaldi gehört ebenso zum Repertoire wie Johann Nepomuk Hummel oder Johann Sebastian Bach. Doch festgelegt auf Klassik ist er nicht. »Die Schönheit der Mandoline besteht darin, dass man sie mit vielen musikalischen Traditionen verknüpfen kann. Die Mandoline war auch ein sehr populäres Instrument in Osteuropa am Ende des vorletzten Jahrhunderts. Es gibt viele Bilder von jüdischen Mandolinen‐Orchestern. Es war also auch schon immer ein populäres Klesmerinstrument.«

Da passt es, dass Avi Avital regelmäßig mit David Orlowsky zusammenarbeitet, einem Klarinettisten, der wie er selbst Grenzgänge zwischen Klesmer und Klassischer Musik unternimmt. 2008 hat Orlowskys Album »Noema« den Echo‐Preis in der Kategorie Klassik ohne Grenzen gewonnen: Mit dabei: Avi Avital und seine Mandoline.

»Ich habe Klesmer in Europa entdeckt und nicht in Israel, wie man meinen könnte. Das hat auch damit zu tun, dass ich ein sefardischer Jude bin, meine Eltern sind in Marokko geboren, wo Klesmer keine Bedeutung hat.«

feidman Zu der osteuropäisch‐jüdischen Musik gebracht hat Avital Giora Feidman. »Er ist der Grund, warum ich mit anderer Musik als Klassik anfing. Ich habe Feidman vor sieben oder acht Jahren getroffen, ihn in seinem Haus nahe Tel Aviv besucht, habe ihm vorgespielt und es hat sofort Klick gemacht. Wir haben den ganzen Nachmittag zusammen verbracht und zusammen gespielt. Es gab eine sehr unmittelbare Chemie zwischen uns. Er ist mein Mentor, adoptierter Großvater, Kollege, Freund, alles zusammen.« Mit dem Klesmerstar hat Avi Avital schon eine Reihe von CDs aufgenommen. Im Mai tourt Feidman zwei Wochen durch Deutschland, die Schweiz und Österreich, wo er zu seinem 75. Geburtstag groß aufspielen wird. Mit dabei in seinem Schatten ein Mann mit Mandoline, der keine Angst zu haben braucht, ins Rampenlicht zu treten.

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