Sachbuch

Aus dem Leben einer Rebellin

Dem Eröffnungskapitel, das im Sommer 1870 spielt, schickt der Autor ein Zitat der polnisch-französischen Physikerin Marie Curie voraus: »Ich beschäftige mich nicht mit dem, was getan worden ist. Mich interessiert, was getan werden muss.« Treffender kann man die Motivation der deutsch-jüdischen Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Sozialaktivistin Lina Morgenstern nicht beschreiben.

Dabei ist die Gründung und Unterstützung der Fröbelʼschen Kindergartenbewegung nur eines ihrer ehrgeizigen Projekte. Von ihrem Biografen Gerhard J. Rekel erfährt die Leserschaft, dass Lina Morgenstern »klein, rundlich, lustig, voller Energie, spontan, weltoffen und in manchen Bereichen chaotisch« gewesen sei. Eigenschaften, die bei Frauen im männerdominierten 19. Jahrhundert nicht immer als vorteilhaft empfunden wurden.

Unkonventionelle Ehe

Lina Morgenstern führte mit ihrem Ehemann Theodor eine eher unkonventionelle Ehe (»deren Geheimnis sich die beiden bis zum Schluss bewahrten«), zog liebevoll fünf Kinder groß, bevorzugte gutes Essen. Manchmal vergaß die energiegeladene Aktivistin zu schlafen. So kümmerte sich Lina Morgenstern fast rund um die Uhr um die Volksküchen, den Kinderschutzverein und die Fortbildungsschulen für junge Frauen und in diesem Kriegssommer zudem um die Versorgung der preußischen Soldaten mit Speis und Trank.

Die Gründung und Unterstützung der Fröbelʼschen Kindergartenbewegung war nur eines ihrer ehrgeizigen Projekte.

Morgensterns Geschichte beginnt in Breslau, wo sie im November 1830 geboren wird und eine traditionelle jüdische Kindheit verlebt. Sie besucht die »Synagoge zum Weißen Storch« und wird von ihrem Religionslehrer Abraham Geiger »zum selbstständigen Nachdenken über ethische Bestimmungen ermutigt«. Geistige Anregungen findet sie in der Lektüre der Briefe von Rahel Varnhagen und den Traktaten der Bettina von Arnim. Bald schreibt sie auch eigene Geschichten auf. Später wird Lina Morgenstern, nach dem wirtschaftlichen Bankrott ihres Gatten als Modehändler, die Familie als Kinderbuchautorin durchbringen.

Daneben interessiert sie sich bereits seit den 1850er-Jahren für die Publikationen der Pädagogen Friedrich Fröbel und Johann Heinrich Pestalozzi. Davon inspiriert unternimmt sie den Versuch, einen ersten Kindergarten zu gründen. In Preußen war das damals eine politische Provokation, hatte doch der konservative Kultusminister Karl Otto von Raumer derartige Bestrebungen amtlicherseits verboten.

Dem Fröbelʼschen Ideal, das dieser Bewegung zugrunde lag, wurde unterstellt, »atheistisch und demagogisch« zu sein. Lina hält dagegen – und das letztlich mit Erfolg. Sie initiiert auch zahlreiche Organisationen für Frauen in Notlagen und bringt die erste Zeitung ausschließlich für Frauen heraus.

Situative Bilder, teils fiktive Locations und Reportagestil

Gerhard J. Rekel schreibt Drehbücher für das deutsche Fernsehen und verfasste bereits mehrere Romane. Nun also die »Geschichte einer Rebellin«, wie seine Morgenstern-Biografie im Untertitel heißt. Der Autor entwirft situative Bilder und verfällt gelegentlich in einen durchaus lesenswerten Reportagestil.

Um Bildhaftigkeit bemüht, kreiert er Locations, die notgedrungen teils einen fiktiven Charakter haben müssen. Nicht fiktiv hingegen – das beweisen nicht weniger als 745 Quellenangaben – sind die geschilderten Lebensdaten der Lina Morgenstern.

So entstand die Geschichte einer kämpferischen jüdischen Frau, die das durch Abraham Geiger angeregte selbstständige Denken optimal genutzt hat. Und dies zu einer Zeit, als es Frauen noch nicht zugestanden wurde.

Gerhard J. Rekel: »Lina Morgenstern. Die Geschichte einer Rebellin«. Kremayr & Scheriau, Wien 2025, 259 S., 26 €

TV

Was der Dschungel mit den Primaries zu tun hat

»Ich habe halt seeehr wenig Follower«, sagt Nicole Belstler-Boettcher als sie das Camp verlassen muss. Das Dschungelcamp serviert uns in ungewöhnlichem Rahmen einiges zur Demokratietheorie

von Martin Krauß  01.02.2026

Kino

»EPiC: Elvis Presley In Concert« feiert Kinostart

Laut Regisseur Baz Luhrmann ist das Werk weder eine reine Dokumentation noch ein klassisches Konzertfilm-Format, sondern ein tiefgründiges Porträt des 1977 verstorbenen jüdischen Stars. Die Kritiker sind beeindruckt

 31.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  31.01.2026

Aufgegabelt

Früchtebrot

Rezepte und Leckeres

 31.01.2026

Rezension

Israel lieben und an Israel zweifeln

Sarah Levys Buch »Kein anderes Land« ist ein persönliches Zeitdokument – von Sommer 2023 bis zum 7. Oktober und dem Gaza-Krieg

von Eugen El  31.01.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  31.01.2026

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  29.01.2026

Kairo/Berlin

Ägypten verbietet Buch zu Gaza-Krieg - Autoren: Das Interesse ist riesig

Ihr Streitgespräch über den Nahostkonflikt sorgte in Deutschland für viel Aufmerksamkeit - doch Ägyptens Zensur verbietet das Buch von Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad. Die Autoren nehmen es eher gelassen

 29.01.2026 Aktualisiert