Migration

Aufrischender Ostwind

Viele kennen den alten Witz über den auf einer einsamen Insel gestrandeten Juden: Kaum berappelt, macht er sich an den Bau von drei Synagogen. In die erste geht er jeden Schabbat zum Beten. Die zweite besucht er, wenn er der ersten überdrüssig geworden ist. Und über die dritte kann er schimpfen: »Hier setze ich nie wieder einen Fuß hinein!«

Die im Witz aufgegriffene Pluralisierung jüdischen Lebens kommt vielen deutschen Gemeindemitgliedern gar nicht zum Lachen vor. Denn die Vervierfachung der deutschen Judenheit durch die russische Immigration hat neben der allseits beschworenen Revitalisierung auch Konflikte mit sich gebracht: Liberale gegen Orthodoxe, Zugewanderte gegen Alteingesessene – es wird viel gemurrt dieser Tage. Doch was heißt eigentlich »alteingesessen« in einem Land, in dem fast alle angestammten Juden durch die Naziverfolgung entweder ermordet wurden oder geflohen waren und sich die wenigen neuen Gemeinden nach 1945 vor allem aus osteuropäischen Displaced Persons zusammensetzten? Jüdische Geschichte ist immer Migrationsgeschichte.

ostjuden Nicht nur in Deutschland. Frankreichs Juden haben im 20. Jahrhundert gleich zwei große Zuwanderungswellen erlebt, aus denen sich durchaus Lehren für die hiesige Debatte ziehen lassen. Die erste Welle kam aus Osteuropa. Zwischen 1919 und 1939 wanderten bis zu 200.000 Juden aus Russland, Polen und Rumänien nach Frankreich ein. 80 Prozent von ihnen sprachen Jiddisch. In Ballungszentren wie Paris, wo die Zuwanderer 1930 zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung ausmachten, änderte sich deren kulturelle und soziale Zusammensetzung eklatant: Seit ihrer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung durch die Revolution 1789 waren den französischen Juden Aufklärung und bürgerliche Arriviertheit in Fleisch und Blut übergegangen. Die neuen Glaubensgenossen aber waren arm, ungebildet, Handwerker oder gar Proletarier und standen im Ruf sozialistischer Umtriebe.

Nachdem sie zunächst erfolglos dafür plädiert hatten, die Einwanderungsströme um Frankreich herumzuleiten, bewegten sich die eingesessenen Juden nun selbst: geografisch nach Westen und politisch nach rechts. Sie verließen die traditionellen jüdischen Viertel im Osten von Paris, die auch die Neuankömmlinge ansteuerten, und zogen in die reicheren Gegenden am anderen Ende der Stadt. Aus Angst, das Einströmen der »unzivilisierten« Ostjuden könne dem in Frankreich virulent werdenden Antisemitismus Vorschub leisten, hielten die eingessenen »Israeliten«, wie sie sich statt »Juden« lieber nannten, ostentative Distanz zu ihren unerwünschten Brüdern.

Nicht selten stimmten sie sogar in den chauvinistischen Chor der Nationalisten und Veteranenverbände ein. Den zugewanderten Ostjuden, die immer eindringlicher auf die Gefahr des handgreiflichen Antisemitismus von rechts hinwiesen – waren sie doch bereits in ihrer alten Heimat dessen Opfer geworden – blieb nichts anderes übrig, als sich in eigenen Vereinen, Gemeinden und Komitees zu organisieren, von denen viele heute noch bestehen. Erst die Besatzung durch die Nazis und die Schoa schufen dann die traurige Einheit beider Gruppen.

sefarden Rund 40 Jahre später, bei der Masseneinwanderung nordafrikanischer Sefarden aus den ehemaligen Kolonien Algerien, Tunesien und Marokko, meisterte Frankreichs jüdische Gemeinschaft die Integrationsaufgabe erheblich besser. Dabei half, dass die Juden des Maghreb im Rahmen der französischen Kolonialherrschaft schon kulturell gallisiert worden waren. Von der Haskala und missionarischem Zivilisierungseifer beseelt, hatte sich 1860 die Alliance Israélite Universelle gegründet, die sich die kulturelle Besserung der orientalischen Glaubensgenossen zum Ziel machte.

Um die vermeintliche Rückständigkeit der maghrebinischen Sefardim zu bekämpfen, etablierte die Alliance in Nordafrika eine Gemeindestruktur nach französischem Vorbild und errichtete Schulen, in denen nach französischen Lehrplänen unterrichtet wurde. Dadurch entwickelten die nordafrikanischen Juden in nur kurzer Zeit eine starke Bindung zu Frankreich, adaptierten die Sprache und bekamen in Algerien 1870 gar, anders als einheimische Muslime, die französische Staatsangehörigkeit zuerkannt. Deshalb orientierten sich die meisten frankofonen Sefardim nach der Entkolonialisierung in den 50er- und frühen 60er-Jahren nicht nach Israel, sondern Richtung Frankreich.

geschichtsbild Auch diese zweite Einwanderungswelle hat den Charakter der französischen Judenheit nachhaltig verändert. Die bis dahin dominierenden Aschkenasim kultivierten zwar ein florierendes Kulturjudentum, vielen war jedoch der Bezug zur Religion verloren gegangen. Die glaubensstarken Einwanderer aus Nordafrika wirkten wie eine spirituelle Frischzellenkur. Mit der Eröffnung neuer Synagogen und koscherer Läden, vor allem in den Vorstädten, sorgten sie für eine neue Sichtbarkeit des Judentums in Frankreich.

Eingesessene und Zuwanderer haben nach anfänglichen Widerständen auch die Historie der jeweils anderen in ihre eigene Erinnerung integriert. Ist die Rede von jüdischer Vergangenheit, denken mittlerweile auch die Aschkenasim an mehr als nur an das Schtetl, während die historisch verschont gebliebenen Juden nordafrikanischer Herkunft die Schoa in ihr Geschichtsbild aufgenommen haben. Als starke identitätsstiftende Klammer wirkt auch seit dem Sechstagekrieg 1967 die Solidarität mit Israel.

Deutschlands Juden können viel von der französischen Erfahrung lernen. Man muss ethnische, kulturelle und religiöse Pluralität nicht fürchten, schon gar nicht versuchen, alles zu vereinheitlichen. Die Feier des »Sieges im Großen Vaterländischen Krieg« mag in Bad Kreuznach genauso irritieren wie im normannischen Le Havre die Erinnerung an die Schönheit der Kasbah von Algier. Aber sie entspringen beide der Lebenswelt einer Mehrheit der Gemeindemitglieder.

Was zählt für die Integration der Zuwanderer, ist eine gute Sprachaneignung, erleichterte Einbürgerung und soziale Rechte. Dann könnten auch Deutschlands Juden, ob hier geboren oder in der Ex-Sowjetunion, nach der alten jiddischen Hoffnung »lebn vi Got in Frankrajch« – mit zwei Synagogen, drei oder keiner.

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