Interview

»Auf dem Klavier kann ich nix«

Hat auch schon einmal für eine Hip-Hop-Platte gespielt: Michael Barenboim Foto: Janine Escher

Herr Barenboim, wie oft werden Sie gefragt, warum Sie als Sohn der Pianisten Daniel Barenboim und Elena Bashkirova ausgerechnet Geige spielen?
Eigentlich immer. Damit muss ich leben, so wie ich auch mit dem Namenszusatz »Sohn von Daniel Barenboim« leben muss.

Haben Sie es mal mit dem Klavier versucht?
An der Musikhochschule hatte ich das Pflichtfach Klavier, aber ich kann auf diesem Instrument noch immer nix.

Geige ist nicht gerade das einfachste Instrument. Wie viele Stunden üben Sie täglich?
Ich bin, glaube ich, im Mittelfeld, was das Üben angeht. Weil ich eher ein Spätstarter bin. Nach der Schule habe ich für zwei Jahre Philosophie in meiner Geburtsstadt Paris studiert. Ich muss sehr viel Zeit investieren. Ich mache das sehr gerne, aber oft sind es vier bis sechs Stunden täglich.

Bleibt da noch Zeit für Ihre Arbeit als Konzertmeister des von Ihrem Vater gegründeten West-Eastern Divan Orchestra (WEDO)?
Die Arbeit für das Orchester und die Auftritte als Solist und mit meinem Erlenbusch-Quartett wechseln sich ab. Da bleibt schon genügend Zeit.

Warum ist Ihnen das WEDO so wichtig?
Ich glaube, dass im Nahen Osten in den letzten Dekaden sehr viel falsch gemacht wurde. Es ist zu einer Situation gekommen, in der es beiden Seiten an Verständnis und Kenntnis voneinander fehlt. Brutale Ignoranz führt dazu, dass die Menschen aufeinander losgehen. Das alternative Denkmodel des WEDO besteht darin, dass die Menschen, egal woher sie stammen, einander zuhören. Durch das Zuhören lernt man, sein eigenes Denken und seine eigene Geschichte differenzierter zu betrachten.

Und das funktioniert?
Das Orchester gibt es seit 1999, und ungefähr seit 2003 gibt es einen Kern an Musikern, der immer wiederkommt. Irgendwann weiß man, was diese Leute denken. Ich muss die Argumente nicht jedes Mal wieder hören – ich kenne sie ja schon. Interessant ist vielmehr die Transformation der Neuankömmlinge. Sie kommen ins WEDO mit vorgefertigten Meinungen, denn die Propaganda in dieser Region ist unfassbar einflussreich. Mit diesen vorgefertigten Informationen kommen sie bei uns an, aber dann merken sie bald, dass das kompletter Blödsinn ist.

Wie harmonieren die Orchestermitglieder musikalisch? Spielt die Herkunft dabei eine Rolle?
Unsere Musiker, egal ob sie Juden oder Araber sind, haben alle eine klassische Ausbildung. Und wenn sie klassische Musik spielen, dann kannst du nicht hören, woher diese Musiker kommen. Ich jedenfalls kann das nicht hören. Einem arabischen Musiker wie dem Cellisten Nassib Ahmadieh, mit dem ich viel zusammengearbeitet habe, ist seine Herkunft nicht anzumerken, weil er seine musikalische Ausbildung hierzulande erhalten hat. Die Musik ist das Wichtigste. Der Interpret ist dazu da, die Musik ins Leben zu rufen, und nicht, um die Musik für seine eigene Sache zu missbrauchen.

Trotzdem ist das WEDO auch ein politisches Projekt, oder?
2005 haben wir ein Konzert in Ramallah gespielt. Das war deshalb so erstaunlich, weil es für einen Großteil des Orchesters illegal war, dorthin zu reisen. Man darf als israelischer Bürger nicht in die besetzten Gebiete reisen – vermutlich sollen sie nicht sehen, was da los ist. Und als syrischer oder libanesischer Bürger darf man ohnehin nicht nach Israel rein. Man muss sich mal vorstellen, dass die Entfernung von Jerusalem nach Ramallah ungefähr zehn Kilometer ist. Man könnte sich also einfach treffen, doch diese Mauer ist nicht nur aus Beton, sondern sie ist vor allem im Kopf. Vor diesem Hintergrund ist ein Projekt wie das WEDO umso wertvoller.

Lassen Sie uns vom WEDO, dem Projekt Ihres Vaters, zu einer Veranstaltung Ihrer Mutter kommen, dem »Intonations«-Festival, bei dem Sie bis zum 11. Mai im Jüdischen Museum jeden Abend spielen.
Letztes Jahr habe ich wenig gespielt, dieses Jahr umso mehr. Das macht mir sehr viel Spaß. Man bekommt dort nicht immer nur die gleichen kanonisierten Stücke geboten.

Wie ist es, mit der eigenen Mutter aufzutreten?
Eine Probe ist eine Probe, da wird über nichts anderes als Musik gesprochen. Als Musiker hat man sich bei den Proben professionell zu verhalten. Die Hierarchie ergibt sich durch die Musik und nicht durch das Verhältnis der Menschen zueinander. Das gilt selbst, wenn ein Star wie András Schiff mitspielt, mit dem wir das Brahms-Klavierquintett aufführen.

»Intonations« ist eine Veranstaltung des Jerusalem International Chamber Music Festivals. Worin unterscheiden sich die Festivals in Jerusalem und Berlin?
Das Berliner Festival ist kürzer und stärker an die Stadt Berlin gebunden, weil viel mehr Musiker aus Berlin dort spielen. Da das Festival in Jerusalem viel länger dauert, kann man in der Programmatik viel mehr machen. Das längere Zusammenbleiben der Musiker erlaubt es, einander besser kennenzulernen.

Sie spielen mit Ihrer Mutter zusammen, auch mit Ihrem Vater, nur nicht mit Ihrem Bruder David, einem Hip-Hop-Produzenten. Warum?
Das ist schwierig. Was er macht, ist mit dem, was ich mache, nicht kompatibel. Aber ich habe schon mal auf einem seiner Songs mitgespielt, weil eine Live-Geige einfach besser klingt als eine elektronisch eingespielte. Es liegt nicht an einer Weigerung von uns beiden, sondern daran, dass Klassik und Hip-Hop musikalisch nicht zusammenpassen.

Das Gespräch führte Jonathan Scheiner.

Intonations – das Jerusalem International Chamber Music Festival, Jüdisches Museum Berlin, 7. bis 11. Mai
www.jmb.de

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