TV-Tipp

Arte-Doku über Emilie Schindler - Nicht nur »die Frau von«

Ihren Ehemann kennen viele Menschen: Oskar Schindler. Er bewahrte in der Nazi-Zeit rund 1.200 Jüdinnen und Juden vor dem Tod. »Schindlers Liste« - darauf standen ihre Namen, damit sie nicht ins Vernichtungslager gebracht wurden. Mit der Begründung, sie seien unentbehrlich für die Herstellung »kriegswichtiger Güter« in Schindlers Fabrik im mährischen Brünnlitz. Welchen Anteil seine Frau Emilie an der Rettung hatte, ist dagegen nicht so bekannt.

Dabei erkannte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Emilie Schindler 1993 wie ihren Mann auch schon als »Gerechte unter den Völkern« an. Diesen Titel bekommen Nichtjuden, die unter Einsatz ihres Lebens Jüdinnen und Juden vor der Vernichtung gerettet haben. Nun erscheint die Arte-Dokumentation »Emilie Schindler - Die vergessene Heldin«. Sie ist ab Montag in der Mediathek verfügbar und wird am selben Tag um 23.00 Uhr im Fernsehen ausgestrahlt.

Zu Wort kommen vor allem Historiker sowie Überlebende des Nazi-Terrors, aber auch Emilie Schindlers Nichte Traude Ferrari sowie ihr argentinischer Pfleger Leandro Coseforti. Denn in das südamerikanische Land gelangte das Ehepaar nach dem Zweiten Weltkrieg. Später verließ Oskar Emilie in Richtung Deutschland - nicht ohne ihr Schulden zu hinterlassen, wie es in der Doku heißt. Demnach wusste nach dem Krieg lange Zeit kaum jemand, wer die Frau war, die zurückgezogen und sehr bescheiden in einem kleinen Häuschen lebte.

»Ich habe nicht gewusst, sind das Tote oder Lebende«

Die Zeitzeugen sind sich einig: Emilie Schindler sei eine Heldin gewesen. Denn sie habe mit dafür gesorgt, dass so viele Menschen nicht hätten sterben müssen. Nicht nur diejenigen auf der Liste. Sondern auch mehr als 100 Häftlinge, die im Januar 1945 in Eisenbahnwaggons festsaßen und beinahe erfroren wären. Emilie Schindler habe sich, so die Doku, der SS in den Weg gestellt und gesagt, diese Gefangenen würden als Schindlers Arbeiter benötigt. Sie habe sie mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt.

Ferrari, damals ein Kind, sagt: »Ich habe nicht gewusst, sind das Tote oder Lebende.« Teilweise seien die Menschen an der Waggonwand angefroren gewesen. Der Überlebende Michael Klein erinnert sich an das heiße Wasser unter der Dusche nach all den lebensgefährlichen Tagen in Eiseskälte.

Regisseurin Annette Baumeister zeigt viele Bilder aus der NS-Zeit. Später dann auch Fotos und Bewegtbilder von Emilie Schindler, etwa in Argentinien. Zu sehen ist eine Frau in höherem Alter, deren Tierliebe mehrfach hervorgehoben wird. Geboren wurde sie als Emilie Pelzl am 22. Oktober 1907 in Mähren. Oskar, der damals bereits einen Ruf als Frauenheld hatte, heiratete sie 1928.

Ein vielschichtiges Bild

Ihr früherer Pfleger Coseforti sagt, dass all ihre Erlebnisse sie hart und zugleich zerbrechlich gemacht hätten: das Leid von Jüdinnen und Juden unter den Nazis; ihr Leben an der Seite ihres Mannes, der selbst im Krieg ein Lebemann blieb und zugleich seine guten Kontakte zu hochrangigen Nazis - der brutale Kommandant des Lagers Plaszow bei Krakau, Amon Göth, war einer seiner Trinkkumpane - nutzte, um »seinen« Juden zu helfen. Emilie Schindler wiederum stellte sich gut mit den Ehefrauen, um Einfluss zu gewinnen, wie die Doku ausführt.

Sie sei eine starke Frau gewesen, die sich arrangiert habe, sagt die Historikerin Kirsten Heinsohn. Sie habe die »Frau Direktor« sein wollen und nicht die verlassene Ehefrau. Im Zuge von Steven Spielbergs Film »Schindlers Liste«, der vor 31 Jahren in die deutschen Kinos kam, rückte Emilie wieder ins Licht. Sie erhielt nach dem Titel »Gerechte unter den Völkern« weitere Ehrungen, etwa das Bundesverdienstkreuz. Am 5. Oktober 2001 starb sie in Strausberg bei Berlin.

Die dramatischen Geschehnisse während des Holocaust stehen für sich. Auf die beinahe dauerhafte Untermalung mit ebensolcher Musik hätte in der Doku daher verzichtet werden sollen, zumal sie zunehmend aufdringlich wirkt. Nicht jedermanns Geschmack dürften auch nachgesprochene Zitate Emilie Schindlers aus dem Off sein, die gleichwohl Zugang zu ihrem Inneren ermöglichen. Die Dokumentation entwirft ein vielschichtiges Bild von Emilie Schindler mit Hilfe unterschiedlicher Gesprächspartner. Am Ende sagt ihr früherer Pfleger: »Sie rettete 1.200 Juden und einen Argentinier.«

»Emilie Schindler - Die vergessene Heldin«, Mittwoch, 23. April, 22.15 - 23.10 Uhr, Arte.

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