Kulturkolumne

Annemarie, Napoleon und ich

»Napoleon Bonaparte auf der Brücke von Arcole«: Gemälde von A. J. Gros Foto: picture alliance / akg-images

Kulturkolumne

Annemarie, Napoleon und ich

Gute Bücher wachsen mit, hat mein Großvater immer gesagt. Warum »Desirée« von Annemarie Selinko uns alle überleben wird

von Sophie Albers Ben Chamo  12.06.2025 09:59 Uhr

Als ich 13 Jahre alt war, gab meine Mutter mir einen Band aus dem großen Bücherregal im Wohnzimmer. Ein ernst zu nehmender Foliant mit blau ledernem Rücken und hellgrauen Deckeln. Der Titel? Désirée. Die Autorin? Hat mich nicht interessiert. So wie Bücher generell nicht. Aber dem Hausfrieden zuliebe fing ich zögernd an zu lesen – und hörte nicht mehr auf. Denn meine Mutter, der im gleichen Alter die Buddenbrooks aufgezwungen wurden, hatte offensichtlich aus ihrem Leid gelernt.

Diese Heldin war so alt wie ich, redete so wie ich und wollte von den Erwachsenen endlich ernst genommen werden. So wie ich. Ich verstand sie. Sie war irgendwie cool. Und dann trifft sie auch noch einen jungen General – die Geschichte beginnt in Marseille nach der Französischen Revolution – mit blitzenden Augen. Natürlich verlieben sie sich. Aber dann geht alles schief, und Désirée fährt heimlich nach Paris, um ihn zurückzugewinnen, was auch nach hinten losgeht. Aber ein Typ namens Bernadotte verhindert, dass sie sich in die Fluten der Seine stürzt. Ach, und der General heißt Napoleone Buonaparte. Jedenfalls zu Beginn.

Désirée war mein Bridgerton. Allerdings anders als Bridgerton konnte ich es immer wieder goutieren. Es ist so gut recherchiert und komponiert, funktioniert auf so vielen Ebenen und liest sich trotzdem in einem Rutsch, sodass es in meiner persönlichen Lebensbibliothek steht. Gute Bücher wachsen mit, hat mein Großvater immer gesagt. Désirée war Ratgeber und Medizin. Als meine beste Freundin üblen Liebeskummer hatte, habe ich ihr das Buch verordnet.

»Désirée« war mein »Bridgerton«. Allerdings anders als »Bridgerton« konnte ich es immer wieder goutieren.

Nun haben Désirée und ich uns wiederentdeckt, und diesmal ist mir endlich der doppelte Boden aufgefallen. Nach den ersten Seiten habe ich mich gefragt, wer eigentlich diese Autorin Annemarie Selinko ist, die von der ersten Liebe schreibt und gleichzeitig von politischer Willkür, von Modefragen und der Bedeutung der Menschenrechte, die Frankreich der Welt geschenkt hat, von anstrengenden Geschwistern und Opportunismus der Eliten, von goldenem Lidschatten und einem Volk, das nach dem Verlust der Menschlichkeit so tut, als sei nichts gewesen.

Selinko wurde 1914 als Tochter einer jüdischen Familie in Wien geboren, war früh schreibverrückt, wurde Journalistin und veröffentlichte ihren ersten Roman mit 23. Ihr Name wurde in einem Atemzug mit dem von Vicky Baum genannt. Zum Glück ging Selinko 1938 der Liebe wegen nach Dänemark, zum Unglück ihre Mutter und ihre Schwester nicht.

Gleich zu Beginn von Désirée, das 1951 erschien, schreibt Selinko von den Brüdern Levi, die nach der Verkündung der Menschenrechte endlich gleichberechtigte Bürger sind. Und Désirées Vater sagt: »Wann immer und wo immer in späterer Zeit Menschen ihren Brüdern das Recht der Freiheit und Gleichheit nehmen – niemand wird von ihnen sagen: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Meine kleine Tochter, seit der Verkündung der Menschenrechte wissen sie es nämlich genau.« Wen wundert es da, dass die deutsche Nachkriegspresse Désirée als »Frauenliteratur« abtun wollte.

Trotzdem wurde Selinkos letzter Roman zum Welterfolg und in 25 Sprachen übersetzt. 1954 kam Hollywoods Cinemascope-Ausgabe in die Kinos, mit Jean Simmons als Désirée und Marlon Brando als Napoleon. Selinko starb 1986 in Dänemark. Aber dieses Buch, das mit den Menschenrechten beginnt und endet, über eine Frau, die ihr Leben lang eine renitente Teenagerin bleiben durfte, sogar als sie auf dem Thron sitzt, wird uns alle überleben. So wie der universelle Anspruch auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Zahl der Woche

7 Wochen

Fun Facts und Wissenswertes

 28.07.2026

Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

In seinem Tatsachenroman erzählt der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano die Geschichte einer verschwundenen Frau

von Knut Elstermann  28.07.2026

Aufgegabelt

Marokkanische Bällchen

Rezepte und Leckeres

 28.07.2026

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026

New York

Carly Simon hat Parkinson

Die Sängerin und Songschreiberin mit jüdischem Familienhintergrund kämpft mit zwei gesundheitlichen Problemen. Trotzdem hat es sie es geschafft, ein neues Album aufzunehmen

 28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026