Literatur

Als die Aliens kamen

»Juden spielen in der Geschichte ausnahmsweise mal keine Rolle«, sagt der Wiener Autor Rabinovici über sein Buch. Interessant ist es trotzdem. Foto: imago

Wer braucht schon Brot, wenn er Salzstangen hat? Salzstangen, die während einer TV-Sendung gegessen werden, in der es buchstäblich ums Überleben geht. Denn die Kandidaten, die sich durch mehrere Wettbewerbsrunden mit unterschiedlichen Herausforderungen bis ins Finale vorarbeiten müssen, wissen: Der Verlierer wird geopfert. Er wird geschlachtet und von Außerirdischen verzehrt. Zum Vorteil und zur Verbesserung der Menschheit – so zumindest lautet die Bedingung, die die Aliens mehrere Wochen nach ihrer Landung auf der Erde der Weltbevölkerung stellen.

Dieser blutige Wettkampf steht im Mittelpunkt von Doron Rabinovicis neuem Roman, der ebenso unaufgeregt wie verstörend beginnt. »Sie kamen über Nacht. Wir schliefen tief. Eng umschlungen. Der Hund des Nachbarn schlug nicht an. Der Säugling aus dem ersten Stock, der uns so oft schon aufgeschreckt hatte, blieb ruhig«, schreibt Rabinovici über die Ankunft der Außerirdischen.

»Nichts war zu hören; kein Lärm, keine Schreie, keine Schüsse. Nicht das Brummen von Maschinen. Im Rückblick war das einzig ungewöhnliche die Stille, die über uns lag. Beklemmend bis heute, heimgesucht worden zu sein, ohne irgendetwas bemerkt zu haben. Als wir aufwachten, war über uns entschieden.«

schlachtung Der 1961 geborene Wiener Schriftsteller und Historiker lässt sich immer viel Zeit zwischen seinen Romanen. 1997 kam Suche nach M heraus, sieben Jahre später Ohnehin, weitere sechs Jahre später Andernorts und nun eben Die Außerirdischen. Dessen Hauptfigur Sol ist Gourmetkritiker und für die kleine Homepage smack.com tätig.

Sols und des Online-Magazins große Stunde schlägt, als er mit Brandheiß ein neues Live-TV-Format einführt, eine lärmende Diskussionssendung am Puls der Zeit, und so die Meinungsführerschaft übernimmt angesichts der neuen, alles bestimmenden Frage: ob dem Vorschlag der Aliens – keineswegs grüne Männchen, sondern sehr menschenähnlich – nachzugeben ist, ob ein solcher Wettbewerb ethisch vertretbar ist und ob die Vor- oder die Nachteile überwiegen.

Teil des zynischen Spiels: Wer sich für die Aliens opfert, der bekommt vor seinem Tod Luxusferien auf einer einsamen Insel mit weißen Stränden geschenkt. »Die anschließende Schlachtung«, heißt es in dem Roman, »erfolgt vollkommen schmerzfrei. Nach den allerneuesten Methoden.« Es wartet viel Geld auf die Hinterbliebenen.»

Doch im Lauf der Zeit werden Anschläge auf die Teilnehmer verübt, die Regierungen schlagen mit immer repressiveren Maßnahmen zurück. Kritiker und mutmaßliche Terroristen werden auf eine Vernichtungsinsel deportiert. Auch Sol und seine Frau Astrid geraten in diesen Auslöschungssog, überleben die Insel nur knapp. Am Ende werden die Spiele infolge globaler Aufstände eingestellt, die Außerirdischen ziehen sich von der Erde zurück. Wobei bis zum Ende in der Schwebe bleibt, ob es sie überhaupt gegeben hat oder ob alle bestialischen Taten allein von Menschen begangen wurden.

tradition Nun hat der dystopische Roman eine große Tradition. Zu diagnostizieren sind beim Österreicher Rabinovici Echos von George Orwell über Margaret Atwoods Der Report der Magd bis hin zu Suzanne Collins’ Tribute von Panem plus einer deutlichen Prise aus Richard Bachmans (alias Stephen Kings) Running Man, zu Deutsch: Menschenjagd, der 1987 mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Bemerkenswert ist, wie souverän Rabinovici – sonst eher den Themen Israel, Österreichs NS-Vergangenheit und dem Aufstieg der Rechtspopulisten von der FPÖ verbunden – das für ihn neue Genre beherrscht (O-Ton Rabinovici: «Juden spielen in der Geschichte ausnahmsweise mal keine Rolle»).

Doch ganz so überraschend ist der Genrewechsel beim genaueren Hinsehen dann doch wieder nicht. Während des Schreibens habe er gemerkt, dass die Geschichte der Realität, die ihn umgibt, immer näher rücke, so der Autor. «Der neue Totalitarismus kommt als Freizügigkeit daher. Die neuen Diktatoren sagen nicht: Parlament ist eine Quatschbude. Die neuen Diktatoren treten als die wahren Demokraten auf, die die Mehrheit so repräsentieren, dass die Minderheit gar nicht mehr gebraucht wird.»

spannend Rabinovici liefert schön gallige Miniaturen öffentlicher Personen, von Politikern unterschiedlicher Lager, von Gewerkschaftsbossen, modischen, am Absatz ihrer Bestseller interessierten Pseudo-Philosophen wie von Aktivistinnen diverser Ausrichtung, vor allem aber von extrem opportunistischen wie zynischen Journalisten.

Mediensatire, Politsatire, Gesellschaftssatire, Kapitalismus-Satire, anthropologische Entblößung von Schwarm-Dummheit und jäh aufschießender, unter dünnem zivilisatorischem Firnis verborgener Brutalität der Massen – Rabinovici schultert in Die Außerirdischen vieles, aber nicht zu viel; er erzählt die Geschichte spannend und mitreißend, ohne je beliebig oder holzschnittartig zu werden.

Etwas verdrießlich ist allein das Schielen Rabinovicis auf ein breites Publikum. Er befleißigt sich manieriert kurzer Sätze à la Raymond Chandler, Lee Child oder Robert B. Parker. Ganz kurzer Sätze. Kürzestsätze. Ganz vieler. Ausdauernd. Hintereinander. Das wirkt zuweilen so unelegant, wie es ermüdend ist. Der Eindruck setzt sich fest, dass sich Rabinovici bewusst stilistisch unterfordert hat.

Doch das ist Klagen auf hohem Niveau. Die Außerirdischen ist ein kluger und intelligent erzählter Roman, der im Grunde viel mehr über den Menschen und die Conditio humana erzählt als über fremdartige Lebewesen von anderen Planeten. Am Ende erkennt Sol, der Erzähler, dass im Grunde wir selbst das Fremde und Unheimliche sind. Die Aliens, das sind wir. «Es geht gar nicht mehr darum, ob die Außerirdischen da waren oder da sind, das Erschreckende ist, dass wir da sind und da bleiben. Und das allein kann unheimlich genug sein.»

Doron Rabinovici: «Die Außerirdischen». Suhrkamp, Berlin 2017, 255 S., 22 €

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