Film

»A Letter To David«: Die Stärke liegt im Ungezeigten

Regisseur Tom Shoval erhielt den Ophir Award für den besten Dokumentarfilm: »A Letter To David« dreht sich um die Geisel David Cunio. Foto: Marco Limberg

Tom Shovals »A Letter to David« ist ein Dokument, entstanden aus der Verzweiflung. Ein filmischer Brief, adressiert an einen, der nicht erreichbar ist. Sein Adressat, der israelische Schauspieler David Cunio, wurde am 7. Oktober 2023 von der Hamas aus dem Kibbuz Nir Oz verschleppt. Seither fehlt von ihm jede Spur. Shoval hatte David und dessen Zwillingsbruder Eitan vor zwölf Jahren in seinem Spielfilm »HaNoar« (Jugend) als junge Männer inszeniert, die aus finanzieller Not ein orthodoxes Mädchen entführen, um Lösegeld zu erpressen. Und daran scheitern. Nun richtet Shoval eine filmische Botschaft an den Verschwundenen.

Als 21-Jährige beim Casting: Eitan (l.) und David Cunio wurden für die Hauptrollen im Film »HaNoar – Youth« (2013) von Tom Shoval ausgewählt.Foto: Berlinale/© Orit Azoulay

Die Form ist persönlich, beinahe intim: Archivaufnahmen vom Set von »HaNoar«, ein von Cunio zuvor gedrehtes Video, in dem er seinen Alltag im Kibbuz mit seiner Familie festhält, treffen auf die Stimmen von Angehörigen, die in der Gegenwart versuchen, seine Abwesenheit in Worte zu fassen. Das Wechselspiel von Kino und Realität, Vergangenheit und Heute verleiht dem Film eine eigentümliche Spannung: Hier das Bild eines »Davor«, dort die Leerstelle eines »Danach«.

Ästhetische Zurückhaltung als ethisches Statement

Bemerkenswert ist dabei Shovals Verzicht auf Voyeurismus. In einer Medienwelt, die von Gewaltbildern übersättigt ist, entscheidet er sich, nicht das Grauen des 7. Oktober selbst zu zeigen, sondern seine Spuren: Stimmen, Geräusche, Erinnerungen. Diese ästhetische Zurückhaltung ist ein ethisches Statement. Der Film wehrt sich gegen die Ökonomie des Schreckens und beharrt darauf, dass Würde nicht durch Bilder zerstört werden darf.

Damit bewegt sich Shoval auf schwierigem Terrain. Das persönliche Porträt Davids gewinnt seine Kraft durch den Fokus auf den fehlenden Freund und dessen Familie. Gleichzeitig bleibt vieles ausgespart: die politischen Ursachen, die Eskalation der Gewalt, das Leid auf allen Seiten. Das hat ihm den Vorwurf eingebracht, einseitig zu wirken. Tatsächlich verweigert er die große Analyse. Nicht aus Ignoranz, sondern aus bewusster Entscheidung. »A Letter to David« will gar kein geopolitisches Panorama sein, kein Film über »den Konflikt«, sondern über einen einzelnen Menschen. Shoval riskiert damit Missverständnisse, aber er macht eine Haltung sichtbar: Inmitten kollektiver Katastrophen darf der individuelle Verlust nicht hinter Zahlen und Statistiken verschwinden, er plädiert vehement gegen das Vergessen. Gerade angesichts lautstarker propalästinensischer Proteste, die den Terror der Hamas und das Leid der israelischen Geiseln ignorieren.

Lesen Sie auch

Publikum soll Lücken füllen

Die politische Dimension ist dennoch in jeder Einstellung spürbar, aber Shoval entscheidet sich, sie nicht explizit auszuformulieren. Stattdessen überlässt er es dem Publikum, die Lücken zu füllen. Ein Brief, der seinen Empfänger womöglich nie erreicht, dafür ein noch nicht gänzlich polarisiertes Publikum umso mehr. Zur Weltpremiere auf der Berlinale im Februar solidarisierten sich auf dem roten Teppich Festivalleiterin Trisha Tuttle und andere Prominente aus der Filmbranche mit Cunio und den anderen Geiseln. Nun kommt Shovals Film in die deutschen Kinos, am 7. Oktober, dem zweiten Jahrestag der Terroranschläge der Hamas. Noch ist Cunios Schicksal unklar, noch gibt es einen Rest Hoffnung.

London

Gericht verurteilt Amy Winehouses Vater zu Millionenzahlung nach gescheiterter Klage

Mitch Winehouse muss das Geld an zwei langjährige Vertraute seiner Tochter überweisen

 30.07.2026

Beziehungen

Es geht nicht um Leben oder Tod

Gute Freunde sind ein Geschenk. Und wenn es Krach gibt, sollte man tief durchatmen – und ein paar Tage später wieder anrufen

von Adriana Altaras  30.07.2026

Zahl der Woche

7 Wochen

Fun Facts und Wissenswertes

 28.07.2026

Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

In seinem Tatsachenroman erzählt der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano die Geschichte einer verschwundenen Frau

von Knut Elstermann  28.07.2026

Aufgegabelt

Marokkanische Bällchen

Rezepte und Leckeres

 28.07.2026

Vladimir Shikhman

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026

New York

Carly Simon hat Parkinson

Die Sängerin und Songschreiberin mit jüdischem Familienhintergrund kämpft mit zwei gesundheitlichen Problemen. Trotzdem hat es sie es geschafft, ein neues Album aufzunehmen

 28.07.2026

Meinung

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026