USA

Zurück an den Herd

»Tradwives«: Junge Mütter in perfekten Outfits zelebrieren konservative Frauen- und Gesellschaftsbilder. Foto: Getty Images

Eine junge Mutter im Blümchenkleid und mit leicht zerzaustem Haar. Weiches Licht fällt in die blank geputzte Küche. Ein Baby im Tragetuch und dazu ein Haufen weiterer Kinder, die im Hintergrund friedlich spielen – die Social-Media-Kanäle sind voll von sogenannten Tradwives (traditionelle Hausfrauen), ihren Kindern und ofenfrischen Broten. Immer mehr Frauen, vor allem in den USA, kneten sich in ihren Beiträgen tiefenentspannt durchs Familienleben und modellieren dabei ein altes, besonders konservatives Rollenbild neu, das für die meisten von uns längst in eine verstaubte Schublade gehört.

Doch Influencerinnen wie Hannah Neeleman, Nara Smith, Estee Williams und sogar Meghan, die Duchess von Sussex, haben das Narrativ der von Küche und Kinder erfüllten Vollzeit-Hausfrau, die sich die Zuständigkeiten nicht mit dem Mann teilt, entstaubt und versuchen, es mit dem passenden Insta-Filter wieder zum Strahlen zu bringen. Offensichtlich mit Erfolg, was nicht zuletzt daran liegt, dass diese Ehefrauen und Mütter mit den altmodischen Einmachgläsern und Karoschürzen auch millionenschwere Geschäftsfrauen sind, die für ihre Insta-Beiträge hohe Summen kassieren.

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Doch was fasziniert moderne Frauen eigentlich an diesem Leben, das nur der Familie und letztlich auch dem Ehepartner dient? Der Trend stammt aus den USA und ist nun auch in Europa angekommen. Sind die bastelnden, backenden, sorgenden Hausfrauen und ihre zwischen Bienen und Blumen herumtollenden Sprösslinge ein Bullerbü reloaded?

Mehr als Lifestyle-Idylle und der Wunsch nach einem ruhig dahinplätschernden Familienleben

Vermutlich geht es um mehr als die Lifestyle-Idylle und den Wunsch nach einem ruhig dahinplätschernden Familienleben. Die Influencerinnen und Geschäftsfrauen bedienen zwar das Narrativ der erzkonservativen Hausfrau, was Feministinnen auf den Plan ruft, doch der Hype kratzt vielleicht auch am Anspruch, in Karriere, Familie, Partnerschaft und Aussehen gleichermaßen erfolgreich zu sein. So steht der Tradwife-Hype im diametralen Gegensatz zur gesellschaftlichen Erwartung, als Frau immer allem gerecht werden zu müssen.

Die perfekte Performance im Berufs- und Familienleben ist heute für viele Frauen kaum realisierbar, weil es die familiären oder finanziellen Umstände nicht zulassen. Überforderung und Stress gehören zum Alltag, genauso wie das Austarieren verschiedener Zuständigkeiten innerhalb der Partnerschaft. Die perfekt inszenierte Darstellung eines traditionellen Lebens, eingebettet in traditionelle Werte, entspricht daher wohl auch einem tiefen Bedürfnis nach Einfachheit, insbesondere in einer sich immer schneller drehenden Welt.

So erstaunt es nicht weiter, dass viele dieser amerikanischen Tradwives sich an einem konservativ-christlichen Wertekodex orientieren, der mit traditionellen Geschlechterrollen korreliert. Neeleman und viele ihr gleichgesinnte Influencerinnen sind überzeugte Christinnen, die Geld und Gott miteinander vermengen wie einen Kuchenteig.

Ein Beispiel ist Abigail Shapiro

Doch die Idee der Rückkehr zum konservativen Frauenbild findet auch in jüdischen Lebenswelten Anklang – wenn auch nicht ohne Spannungen und Kritik. Ein Beispiel ist Abigail Shapiro, ehemalige Opernsängerin und Schwester von Ben Shapiro, dem prominenten, ultrarechten US-Journalisten. Ihr Insta-Kanal heißt »Classically Abby«.

Der Großteil der Inhalte der 32-Jährigen aus Los Angeles konzentriert sich auf die Befürwortung einer frauenorientierten Form von Konservatismus. Sie hat knapp 100.000 Follower. Bis vor Kurzem fütterte sie auch einen You­Tube-Kanal, den sie mittlerweile aufgegeben hat. Ihre Videos beschäftigten sich – neben Hairstyling- und Make-up-Tipps – mit veralteten Vorstellungen von Geschlechterrollen, Populärkultur und gelegentlich auch dem Judentum.

Das wiedererwachte Interesse am Ideal der Haus- und Ehefrau wirft komplexe Fragen auf.

Obwohl sie sich mit ihrem Motto »Let’s Be Classic« vom Etikett »Tradwife« zu dis­tanzieren scheint, steht Shapiros Opposition zum modernen Feminismus in einer Reihe mit jener anderer Tradwives. Im Sinne von »feminin statt feministisch« preist auch sie mit sanfter Stimme vor perfekt ausgeleuchteter Kulisse den Wert konservativer Geschlechterrollen und unterscheidet sich kaum von ihren christlichen »Kolleginnen«.

Der auffälligste Unterschied besteht darin, dass Shapiro, die im modern-orthodoxen Judentum aufgewachsen ist, niemanden zum Judentum bekehren will. Trotzdem wirkt auch sie dogmatisch. Ihre Aufrufe zur Rückkehr zu einer strengeren, traditionellen Gesellschaftsordnung mögen oberflächlich mit orthodoxen Praktiken übereinstimmen, dienen aber eher als Deckmantel für Stereotype und Vorurteile. So entspricht beispielsweise ihre Begründung für sittsame Kleidung auf den ersten Blick dem traditionellen orthodoxen Wert der Zniut (Bescheidenheit), ist aber ein Trojanisches Pferd für ganz andere Ideen.

In einem Q&A-Video antwortet Shapiro auf die Frage »Warum Sittsamkeit predigen, wenn verschiedene Kulturen unterschiedliche Meinungen darüber haben, was sie bedeutet?«, dass Brüste, Po und Bauch in der westlichen Kultur sexuelle Bereiche seien, die nur der Ehemann sehen sollte. Shapiro weiß offenbar genau, für wen sie ihre Inhalte erstellt.

Eine orthodoxe Krankenschwester aus Brooklyn

Theoretischer geht die TikTok-Persönlichkeit Miriam Ezagui ans Thema Judentum heran. Die 38-jährige orthodoxe Krankenschwester aus Brooklyn, New York, hat im Gegensatz zu Abigail Shapiro ihren Beruf nicht aufgegeben. Sie bildet ihre 1,3 Millionen Followerinnen und Follower nicht nur in Entbindungstheorie aus, sondern gibt auch Einblick in ihre Ansichten über das Judentum. Ihre Influencer-Karriere begann, als die US-Schauspielerin Whoopi Goldberg 2022 in einer Talkshow sagte, der Holocaust sei nicht rassistischen Ursprungs gewesen, er habe die »Unmenschlichkeit des Menschen gegenüber anderen Menschen« gezeigt, innerhalb »zwei Gruppen weißer Menschen«.

Ezagui veröffentlichte daraufhin ihr erstes Erklärvideo und schlüsselte darin auf, warum der Holocaust ein Versuch war, das gesamte jüdische Volk zu eliminieren. »Ich habe als Jüdin eine Verpflichtung«, sagt sie in dem dreiminütigen Clip. »Als Enkelin nicht einer, sondern zweier Holocaust-Überlebender habe ich das Gefühl, dass meine Stimme gehört werden muss.« Seitdem postet Ezagui regelmäßig Inhalte zum Jüdischsein in ihrem Alltag, erklärt orthodoxe Bräuche und schildert Szenen aus ihrem Leben als traditionell-jüdische Mutter.

Das wiedererwachte Interesse am Ideal der traditionellen Ehefrau und Mutter wirft komplexe Fragen auf: Handelt es sich um eine Rückgewinnung der Würde im häuslichen Leben? Oder besteht die Gefahr, dass veraltete Machtstrukturen gestärkt werden? Im jüdischen Denken gibt es Raum für die Ehrung der Tradition und die Akzeptanz von Veränderungen – eine Spannung, die das jüdische Leben in der modernen Welt bis heute prägt.

Ohne sozialen oder religiösen Zwang

Für jüdische Feministinnen ist die Schlüsselfrage deshalb nicht, ob Hausfrauenrolle oder Mutterschaft wertvoll sind, sondern ob Frauen die Freiheit haben, diese Wege ohne sozialen oder religiösen Zwang zu wählen. Autonomie liegt in der Selbstbestimmung. Vor diesem Hintergrund sollte das Ideal der »Tradwives« hinterfragt werden. Handelt es sich um einen authentischen Akt der Selbstdefinition oder verbirgt es verinnerlichtes Patriarchat und begrenzte gesellschaftliche Alternativen?

Wählt eine Frau aus Überzeugung den traditionellen Lebensstil, kann diese Entscheidung als feministisch betrachtet werden. Sind jedoch enge Erwartungen, Gender-Essentialismus oder das Fehlen anderer Optionen der Grund, dann ist die Entscheidung keine Entscheidung, sondern eine Konsequenz.

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