Kanada

Wenn Schafe Alija machen

Und der Engel Gottes sprach im Traum zu mir: ›Jakob!‹ Und ich sprach: ›Hier bin ich.‹ Und er sprach: ›Hebe doch deine Augen auf und sieh: Alle Böcke, welche die Herde bespringen, sind gestreift, gesprenkelt und getüpfelt …‹» (1. Buch Mose 31, 11–12). So steht es in der Tora geschrieben, im Buch Bereschit. Und bis auf die Tatsache, dass die dort genannten Böcke vor gut 3000 Jahren in Kanaan und später in Ägypten sprangen, hat sich in Abbotsford in der kanadischen Provinz British Columbia wenig geändert.

Die Nachkommen von Jakobs Herde jedenfalls sehen genauso aus, wie in der Tora beschrieben. Sie sind gesprenkelt und haben jene schwarzen Bänder um die Füße, die die biblischen Quellen erwähnen. Rabbiner wie modernste Genetik haben bestätigt, dass die Tiere auch wirklich jener nahöstlichen Ur-Herde entspringen, die in der Genesis beschrieben wurde. Die uralte Rasse ist in Nahost längst ausgestorben. Über Spanien und England verschlug es die Schafe mit den vier bis sechs Hörnern über die Jahrtausende nach Kanada.

Nun sollen sie wieder nach Israel – zumindest die 120-köpfige Herde von Gil und Jenna Lewinsky. Die beiden 31-Jährigen sind überzeugt davon, dass die Tiere in ihr Ursprungsland zurückgehören und dass es eine Mizwa sei, dafür zu sorgen.

Anfänge Gil war ursprünglich Journalist, Jenna Steuerberaterin und Mitarbeiterin im israelischen Außenministerium. Wie wird man da zum Schaffarmer in Kanada? «Ich lernte meine Frau in Israel kennen, als ich für die Jerusalem Post arbeitete», erzählt Gil. Als ihre Arbeitsverträge ausliefen, zogen sie zunächst nach Südafrika, wo Jenna geboren wurde, und dann nach Kanada.

«Da die wirtschaftliche Lage etwas angespannt war, entschlossen wir uns, Farmer zu werden. Ich schenkte Jenna zum Valentinstag ein paar Kaninchen. Die vermehrten sich aber dermaßen schnell, dass wir für sie eine Unterkunft suchten», erzählt Gil.

Und so kamen sie in Kontakt mit einer Frau, die einen historischen Tierpark betrieb – und Jakobschafe hatte. Ihr verkauften sie die Kaninchen. Einige Monate später wechselte die Geschäftsführung des Tierparks, und man wollte die Jakobschafe loswerden. «Die Frau erinnerte sich an uns», sagt Gil. «Sie kannte die biblische Geschichte der Schafe, wusste, dass wir jüdisch waren, und fand, dass das gut zusammenpassen würde.»

So kamen die Schafe zurück zu ihren «historischen Besitzern», schildert Gil die Reaktion befreundeter Farmer. Nach etlichen Jahrtausenden Odyssee blökten jene Abkömmlinge biblischer Zeugen wieder in jüdischer Umgebung.

Vorgeschichte Aber dieses «Zurück zu den historischen Besitzern» sollte nicht in Abbotsford, British Columbia, enden. Nachdem die Tiere aus der biblischen Epoche zunächst von Arabern gehalten und so in die Neuzeit gerettet worden waren, gelangten sie im 14. Jahrhundert durch Handel nach Spanien und von dort nach England. Im 20. Jahrhundert kamen die robusten und recht kleinen Tiere schließlich nach Kanada. Im Heiligen Land sind sie seit vielen Jahrhunderten ausgestorben.

«Zunächst wollten wir die Tiere in Kanada züchten», sagt Gil. Doch dann änderte ein Nahtod-Erlebnis alles. «Ich war mit einem Herzfehler im Krankenhaus – und klopfte schon an die Himmelstür. Als ich entlassen wurde, wusste ich: Die Tiere müssen wieder in ihre angestammte Heimat.»

Die Lewinskys fingen an zu recherchieren. Je mehr ihnen die religiöse Bedeutung der Tiere bewusst wurde, desto konkreter wurden ihre Pläne. «Dass nicht nur das biblische Volk Israel in die Welt zerstreut wurde, sondern auch dessen Tiere – das fanden wir eine bemerkenswerte Parallele.» Und so sei es ihnen ein Ansporn gewesen, «die biblische Prophezeiung zu erfüllen, dass G’tt die Tiere wieder zu den Hügeln Israels zurückbrächte, auf dass sie in Frieden grasen können, wie es beim Propheten Ezechiel heißt».

Also entschlossen sie sich, einen Erlebnispark im Golan ins Leben zu rufen. «Dort soll jeder die Schafe sehen und mit ihnen interagieren können», sagt Jenna. «Es wird eine Mischung aus Streichelzoo, historischem Park und einer Therapieeinrichtung», ergänzt Gil. «Die Tiere eignen sich wegen ihrer Gutmütigkeit ausgezeichnet zur Traumatherapie. Und das ist etwas, was Israel ja wirklich gut gebrauchen kann.»

Hürden Vor dem hehren Ziel stapelten sich allerdings noch jede Menge irdischer Hürden. Strenge Quarantänegesetze schienen das Vorhaben im Keim zu ersticken, da es zwischen Kanada und Israel kein Importabkommen für lebende Tiere gibt und die Einfuhrbestimmungen nach Israel wegen der Blauzungenkrankheit äußerst strikt sind. Außerdem kostet der Transport der Tiere ein Vermögen.

Bereits zwei Jahre dauert der Kampf um die Alija der Schafe. Trotz eines erfolgreichen Fundraising-Projekts und der einmaligen Ausnahmeerlaubnis der israelischen Behörden, die Tiere zu importieren, drohte der Plan kürzlich fast zu scheitern: Die Transportkosten waren zu hoch. Allein die Reise auf dem 5000 Kilometer langen Landweg von Vancouver nach Toronto, von wo die Herde per Direktflug nach Tel Aviv gebracht werden soll, kostet rund 7500 Euro.

Doch wer sich so für eine idealistische Sache einsetzt, dem wird häufig auch geholfen. Gerade erklärte sich die israelische Fluggesellschaft EL AL bereit, 90 Prozent der Flugkosten zu übernehmen.

Wenn alles gut geht, fliegen Gil und Jenna Lewinsky mit ihren Schafen Ende August nach Israel. In speziellen Boxen kommen die Tiere dann nach Ramla in die neue israelische Quarantäneeinrichtung. Acht Tage später könnten sie dann weiter. Doch fürs endgültige Happy End fehlt weiterhin Geld. Die restlichen Flugkosten sowie die für Sicherheit und Quarantäne sind noch nicht beglichen. Dafür haben Lewinskys inzwischen eine Crowdfunding-Seite eingerichtet.

«Wir haben bisher so viele Probleme überwunden. Da werden wir auch den Rest schaffen», ist Jenna überzeugt. «Der wahre Hirte dieser Herde ist Gott.»

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