Frankfurt

Warum wies die Lufthansa Juden ab?

Über die Vorgeschichte, die zum zeitweiligen Ausschluss von jüdischen Passagieren aus New York führte, gibt es unterschiedliche Versionen. Foto: picture alliance/dpa

Trotz der Entschuldigung der Lufthansa geht die öffentliche Diskussion über den Umgang mit jüdischen Passagieren am Frankfurter Flughafen vergangene Woche unvermindert weiter.

Am vergangenen Mittwochmorgen war der Flug LH401 aus New York in Frankfurt gelandet. Im Anschluss wollten zahlreiche Passagiere nach Budapest weiterfliegen. Dem überwiegenden Teil der gebuchten Fluggäste – ausnahmslos orthodoxe Juden – verweigerte das Lufthansa-Bodenpersonal aber den Weiterflug. Stattdessen kamen rund zwei Dutzend mit Maschinengewehren bewaffnete Beamte der Bundespolizei an den Flugsteig, um dort das Verbot des Weiterfluges durchzusetzen.

STATEMENT Die Lufthansa hatte in einer Stellungnahme am Dienstagabend erklärt, man bedauere »die Umstände der Entscheidung, die betroffenen Passagiere vom Flug [nach Budapest] auszuschließen«, und arbeite »intensiv weiter an der Aufklärung« des Vorfalls.

Es sei bedauerlich, dass eine größere Gruppe von Passagieren mit Sanktionen belegt worden sei und nicht nur Einzelne. »Wir entschuldigen uns bei allen Gästen nicht nur dafür, dass sie nicht weiterreisen konnten, sondern auch, dass ihre persönlichen Gefühle verletzt wurden.« Das Unternehmen will sich nun mit den Fluggästen in Verbindung setzen.

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Fast 130 Passagiere, die vom New Yorker John F. Kennedy-Flughafen kommend in Frankfurt am Main gelandet waren, wurde die Weiterbeförderung verweigert. Offenbar wurden all jene abgewiesen, die ausweislich ihrer Kleidung als Juden zu erkennen waren. Im Gegensatz zu rund 30 anderen Passagieren konnten sie ihre Reise nach Budapest nicht wie geplant in Frankfurt fortsetzen.

VORSCHRIFTEN In den vergangenen Tagen wurden im Internet zahlreiche Videos von empörten Passagieren veröffentlicht, die gegen den kollektiven Ausschluss der jüdischen Passagiere protestierten. Eine Lufthansa-Mitarbeiterin wies darauf hin, dass mehrere Passagiere sich auf dem Flug von New York nach Frankfurt geweigert hätten, die Vorschriften zum Tragen von Masken einzuhalten.

Nach Informationen der Jüdischen Allgemeinen aus verschiedenen Quellen gab es während des gesamten Flugs wiederholte und nachdringliche Aufforderungen vonseiten des Kabinenpersonals, sich an die Maskenpflicht und andere Vorschriften an Bord zu halten. Eine Passagierin sagte dieser Zeitung, die meisten der in ihrem Blickfeld sitzenden Fluggäste seien der Kleidung nach zu urteilen ultraorthodoxe Juden gewesen.

»Ich habe vielleicht 50 oder 60 Leute um mich herum wahrgenommen. Von denen trugen die allermeisten ihre Maske gar nicht oder nur unterhalb der Nase. Ich habe mich nicht sehr wohlgefühlt an Bord«, berichtete die schwangere Frau, die gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer dreijährigen Tochter an Bord war. »Ich wollte mich nicht anstecken.«

DURCHSAGEN Wiederholt habe das Lufthansa-Kabinenpersonal versucht, auf die Betreffenden einzureden – »sehr freundlich und mit einer Engelsgeduld«–, jedoch ohne Erfolg. Die Mitarbeiter der Fluggesellschaft seien ausnahmslos sehr freundlich gegenüber den renitenten Passagieren gewesen. Der Pilot habe in mehreren Durchsagen auf Deutsch und auf Englisch versucht, auf die Passagiere einzuwirken, und auf die Masken- und Anschnallpflicht sowie andere Vorschriften hingewiesen.

Zudem hätten einige betende Juden die Gänge im Flugzeug blockiert und sich den Aufforderungen der Besatzung widersetzt, die Korridore freizuhalten. Insgesamt sei es oft sehr laut gewesen, sagte die Frau (ihr Name ist der Redaktion bekannt) der Jüdischen Allgemeinen.

Bei der dritten Durchsage habe der Kapitän schließlich angekündigt, dass Passagieren, die sich über diese Bestimmungen hinwegsetzten, eventuell der Weiterflug versagt werde. »Eine Nachtruhe war nicht möglich«, schilderte die Frau ihre Eindrücke. »Es war wirklich verstörend, was da alles passiert ist.«

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Eine andere Passagierin, die eine Gruppe von Maskenverweigerern bat, einen Mundschutz aufzusetzen, sei durch die barsche Reaktion der Angesprochenen zum Weinen gebracht und daraufhin vom Kabinenpersonal umgesetzt worden.

VERHALTEN AN BORD Heftig widersprach die Passagierin Aussagen anderer Fluggäste, nur ganz wenige der rund 150 ultraorthodoxen Juden an Bord hätten die Vorschriften missachtet. »Das stimmt ganz sicher nicht; es waren nicht nur ein paar. Mein Eindruck war vielmehr, dass sich zumindest in dem Bereich, in wir saßen, fast keiner zu 100 Prozent korrekt verhalten hat.«

Im Gegensatz dazu sei die Reaktion der Lufthansa-Stewardessen sehr professionell gewesen. »Ich hätte es nicht geschafft, so ruhig zu bleiben«, so die Frau. »Nach Ankunft in Frankfurt war ich wirklich froh, dass ich endlich da raus war.«

Die Erfahrungen während des Fluges seien für sie sehr verstörend gewesen. Sie habe auch die Berichterstattung in einigen Medien als sehr einseitig und verzerrend wahrgenommen. Dennoch, so fügte die Frau hinzu, wolle sie nicht die anschließende Entscheidung der Lufthansa bewerten, fast alle jüdischen Reisenden mit einem Weiterflugverbot nach Budapest zu belegen.

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An just diesem Punkt hat sich in den letzten Tagen die Kritik an der deutschen Fluglinie festgemacht. Jüdische Passagiere seien in »Sippenhaft« genommen worden, obwohl es sich nicht um eine einzige Reisegruppe gehandelt habe.

MASKENPFLICHT Auf der Webseite »Dan’s Deals« wird berichtet, dass zwei in New York ansässige Reisebüros insgesamt rund 110 Tickets für den Flug von JFK nach Budapest via Frankfurt verkauft hätten. Zudem hätten andere Juden ihre Reise selbst gebucht oder mit Bonusmeilen bezahlt und seien deshalb nicht Teil einer der beiden Gruppenbuchungen gewesen. Insgesamt waren laut dem Reiseblog zwischen 135 und 170 Juden für die beiden Lufthansa-Flüge gebucht und machten damit den Großteil der Reisenden aus.

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Zwei Passagiere des Fluges von New York nach Frankfurt wurden von »Dan’s Deals« mit den Worten zitiert, in der Ersten Klasse des Flugzeuges sei die Maskenpflicht nicht vom Kabinenpersonal überprüft und auch nicht angemahnt worden.

Ein weiterer jüdischer Passagier gab an, er sei nach Ankunft einer der Ersten am Flugsteig für den Anschlussflug nach Budapest gewesen, sei aber dort gefragt worden, ob er zur »Gruppe aus NYC« gehöre. Er habe zu diesem Zeitpunkt seinen Tallit und Tefillin getragen. Nachdem er diese abgelegt und zum Gate zurückgekehrt sei, habe man ihm mitgeteilt, dass er nicht an Bord der Maschine nach Budapest könne.

ENTSCHEIDUNG In ihrer Stellungnahme am Dienstag bedauerte die Lufthansa zwar, dass die meisten jüdischen Passagiere am Weiterflug gehindert wurden. Das Statement ging aber nicht näher auf die Beweggründe ein, warum sämtliche als Juden erkennbaren Passagiere mit einem temporären Flugverbot belegt wurden und nicht nur jene Personen, die an Bord des Fluges LH401 aus New York die Regeln missachtet hatten.

Uwe Becker, ehemaliger Frankfurter Bürgermeister und hessischer Antisemitismusbeauftragter, teilte am Dienstagabend mit, eine ganze Gruppe von Menschen sei wegen ihres Glaubens für Dinge verantwortlich gemacht worden, die nur einzelne Reisende betroffen hätten. Becker nannte den Vorgang »diskriminierend und keine Bagatelle«. Er forderte die Lufthansa-Führung auf, »klar und unmissverständlich« Stellung zu beziehen. »So etwas darf sich nicht wiederholen«, so Becker.

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