Großbritannien

Hoffen auf ein Wunder

Noch Synagoge: Bethaus in der Nelson Street Foto: daniel@dzx2.net

In einer Nebenstraße in Ost-London steht ein unauffälliger zweistöckiger Ziegelbau. Nur ein blaues Metallschild über dem Eingang mit Davidstern und Jahreszahlen sowie ein weiteres Schild rechts mit Gebetszeiten und dem Namen »East London Central Synagogue« geben den Charakter des Hauses preis. Könnte man in die abgesperrte Synagoge hineingehen, würde man hinter einem Vorhang den neoklassizistischen Innenraum entdecken, mit einer Bima umgeben von je fünf engen Sitzreihen aus dunklem Eichenholz. Über dem Aron Hakodesch, zu dem man über halbrunde Marmorstufen gelangt, brüsten sich zwei goldene Löwen, eine Krone und ein Davidstern.

Als während der Pandemie ein Teil der himmelblauen Decke herabfiel, bedeutete es das Ende der Nutzung dieses beeindruckenden Gebäudes. Es wird auch Nelson-Street-Synagoge genannt und ist neben der sefardischen Brevis-Marks-Synagoge das einzige noch übrig gebliebene Bethaus, das als solches erbaut wurde. Es war auch bekannt für seine hervorragende Akustik.

Nur noch drei von ehemals 100 Synagogen

In den engen und von Menschen überfüllten Gassen Ost-Londons hatten sich bis zu 200.000 jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa angesiedelt. Nur noch drei von ehemals 100 Synagogen bieten Gottesdienste an. Nelson Street integrierte über die Jahre rund 20 Gemeinden, deren Mitgliederzahl sich drastisch reduziert hatte. Dadurch verschmolz sefardische Gebetstradition aus der Zeit der Synagogeneröffnung von 1923 mit der aschkenasischen. Doch bereits in den 90er-Jahren war es Glückssache, überhaupt noch einen Minjan zusammenzubekommen. Heute ist diese Gegend das Zuhause von Menschen neuerer Einwanderungswellen, größtenteils aus Bangladesch und Somalia – und muslimisch geprägt.

Der Besitzer des Gebäudes, die orthodoxe Federation of Synagogues, hat vor einiger Zeit beschlossen, die leere Synagoge aufzugeben und die Einnahmen dort einzusetzen, wo viele ihrer Mitglieder heute leben. Inzwischen hat die benachbarte, größtenteils somalisch-islamische Religionsgemeinde Ashaadibi eine Kaution in Höhe von umgerechnet 287.000 Euro gezahlt. Wenn sie bis Oktober Spenden von knapp vier Millionen Euro für Ankauf und Renovierung zusammenbekommen sollte, könnte die Synagoge bald ein islamisches Gebets-und Gemeindezentrum werden. Ungewiss ist noch, inwiefern das Innen­leben der Synagoge dabei geschützt werden müsste, da ein Antrag auf Denkmalschutz derzeit auf Genehmigung wartet.

Lesen Sie auch

Der 73-jährige ehemalige Gemeindevorsteher Leon Silver sagte der »Jüdischen Allgemeinen«, er hoffe, dass es nicht so kommen wird. »Vielleicht kann ein Philanthrop oder eine gemeinnützige Organisation bei der Erhaltung des Gotteshauses helfen. Es könnte ein idealer Ort für ein Museum über das einst jüdische East End werden, mit der Option, den Raum für besondere Anlässe wie Barmizwa-Feiern, Hochzeiten oder Gedenktage weiter zu nutzen«, schlägt er vor. So wie in Manchester, wo eine Synagoge aus dem Jahr 1874 in ein jüdisches Museum umgewandelt wurde. Silver sagt, dass möglicherweise auch deutsche Verbindungen helfen könnten, da einer seiner Vorgänger ein Flüchtling aus Deutschland war, und es wiederholt eine enge Zusammenarbeit mit der deutsch-katholischen Kirche Londons, St. Bonifatius, gegeben habe.

Wandel der Zeit

Sollte dies nicht geschehen, würde In London ein weiteres Mal eine Synagoge zu einer Moschee umgewandelt werden. In anderen Stadtteilen ist dies bereits passiert. So war die Brick Lane Moschee bis 1976 die Great Spitalfield Synagoge, die wiederum bis 1897 eine Hugenotten-Kapelle gewesen war. 2015 hatte die East London Mosque die neben ihr stehende Fieldgate Street Synagogue aus dem Jahr 1899 gekauft. Zwar ist die alte Außenaufschrift auf Hebräisch und Englisch gerade noch zu sehen, markanter ist jedoch ein großer Nothilfeaufruf für Menschen in Gaza an der Tür.

Manche meinen, es sei einfach der Wandel der Zeit, wenn auch Nelson Street eine Moschee werde. Andere, die wie Silver an nostalgischen Erinnerungen hängen, hoffen auf ein Wunder.

Ranking

Das sind die 50 einflussreichsten Juden weltweit

von Michael Thaidigsmann  23.09.2026

Buenos Aires

Argentinien: Richter ordnet Prozess wegen Terroranschlags von 1994 an

Über 32 Jahre ist es her, dass Terroristen einen Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires verübten. 85 Menschen wurden ermordet. Nun entschied ein Richter, den Prozess gegen die Verdächtigen zu eröffnen

 22.09.2026

Kanada

Schüsse vor Synagoge: Polizist und mutmaßlicher Angreifer schwer verletzt

Der Vorfall ereignete sich am Sonntagabend, während sich rund 25 Menschen in der Sons of Jacob Synagogue zum Jom Kippur versammelt hatten

 22.09.2026

Österreich

Bericht: Wien wird zur Anlaufstelle für deutsche Juden

Wien als sicherer Hafen für Juden? Immer mehr jüdische Familien zieht es dem Vernehmen nach aus Deutschland in die österreichische Hauptstadt. Antisemitismus nimmt aber auch hier zu

 20.09.2026

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald bittet um Spenden für Kyryl Romantschenko

Die Familie Romantschenko ist der Gedenkstätte Buchenwald seit Jahrzehnten eng verbunden. Nun benötigt der 18-jährige Kyryl Romantschenko Unterstützung

 19.09.2026

Großbritannien

Burnham will Beschränkungen für katholische und jüdische Premiers abschaffen

Die Regierung in London legt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung religiöser Beschränkungen vor, die aus dem 19. Jahrhundert stammen

 18.09.2026

Synagoge in Mailand (Archiv)

Mailand

»Niemand wird mich hier erniedrigen«

Nach antisemitischer Attacke durch arabische Männer: Jetzt spricht der angegriffene Rabbiner

 17.09.2026 Aktualisiert

Nachruf

Peter Max: Der Künstler hinter den bunten Bildern der Hippie-Ära

Peter Max Finkelstein ist tot. Er wurde in Berlin geboren. Seine Familie und er flohen vor den Nazis nach Shanghai und kamen später über Israel nach Amerika.

 17.09.2026

München

Rabbiner: Plan gegen islamistischen Terror ist Vorbild für Europa

Mit einem Zehn-Punkte-Plan sollen in Deutschland Radikalisierung und islamistischer Terror bekämpft werden. Zustimmung kommt von Rabbinern, die über die Landesgrenzen hinaus denken

von Leticia Witte  17.09.2026