Frankreich

Verkehrsunfall oder antisemitisches Verbrechen?

Ein tödlicher Straßenbahnunfall im Pariser Vorort Bobigny wirft Fragen auf. Foto: imago images / viennaslide

Der Tod eines behinderten jüdischen Mannes im Pariser Vorort Bobigny hat in Frankreich politische Diskussionen ausgelöst. Es gibt Spekulationen über einen möglichen antisemitischen Hintergrund.

VIDEO Jérémy Cohen war am Abend des 16. Februar in Bobigny von einer Straßenbahn überfahren und tödlich verletzt worden. Zunächst gingen die Ermittler allerdings von einem Unfall aus. Am Montag dieser Woche wurde dann aber in den sozialen Netzwerken ein Video veröffentlicht, auf dem zu sehen ist, wie mehr als ein Dutzend Jugendliche aus einem Haus herauskommen, Cohen umringen und ihm Schläge zufügen. Als das Opfer flieht, wird es von einer vorbeifahrenden Tram erfasst und verstirbt wenige Stunden später im Krankenhaus.

In einer Erklärung teilte die Staatsanwaltschaft in Bobigny mit, die nun vorliegenden Elemente deuteten darauf hin, dass das Opfer wenige Augenblicke vor dem Unfall Gewalt erfahren habe. Man ermittle deshalb nun auch wegen vorsätzlicher Gewalt mit Todesfolge. Die Ermittler gingen bislang aber nicht auf die Frage ein, ob Judenhass als Motiv eine Rolle spielte.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Jérémy Cohens Behinderung sei nicht auf den ersten Blick sichtbar gewesen, hieß es in französischen Medien unter Bezugnahme auf die Familie. Im jüdischen Radiosender »Radio Shalom« sagte aber Raphaël Cohen, einer der beiden Brüder des Opfers, dass Jérémys Kippa am Tatort gefunden worden sei. Er wisse zwar nicht, ob sein Bruder sie zum Zeitpunkt des Angriffs aufhatte. Die Polizei habe aber die Angelegenheit als Verkehrsunfall betrachtet und wichtige Elemente übersehen. »Ein paar Tage nach dem Tod meines Bruders wurde uns mitgeteilt, dass der Fall als Verkehrsunfall und nicht als Angriff betrachtet werde, und das, bevor man sich überhaupt die Videoaufnahmen aus dem Zug und anderes Beweismaterial angesehen hatte«, sagte er.

ERMITTLUNGEN Cohens Vater hatte am 31. März im gleichen Sender dazu aufgerufen, dass mögliche Zeugen des Vorfalls sich melden sollten. Zuvor hatte die Familie bereits auf eigene Faust Ermittlungen angestellt – und zahlreiche Reaktionen aus der Bevölkerung erhalten. »Wir kamen am Tatort an und begannen, mit den Leuten zu sprechen. Wir verteilten Flugblätter und baten um Informationen von Menschen, die den Unfall beobachtet hatten, auch per Post«, sagte Raphaël Cohen. »Erstaunlicherweise erhielten wir Antworten. Zuerst gab es nur Spekulationen, aber schließlich bekamen wir die Aussage eines Zeugen, der den Vorfall mit der Kamera festgehalten hatte - und das hat die Ermittlungen wieder in Gang gebracht«, fügte er hinzu.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Die französische Politik nimmt die Angelegenheit mittlerweile sehr ernst – auch, weil sie mitten in den Präsidentschaftswahlkampf fällt. Amtsinhaber Emmanuel Macron, der sich am kommenden Sonntag um eine weitere fünfjährige Amtszeit als Staatschef bewirbt, wies sein Büro an, die Eltern von Jérémy Cohen zu kontaktieren und ihnen sein Mitgefühl auszusprechen. Er bat zudem den Justizminister, ihn über den Fortgang der Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten. »Unter Wahrung der Unabhängigkeit der Justiz« würden, so Macron in einem Statement, alle Ermittlungsmittel eingesetzt, um die Urheber des Angriffs zu identifizieren und die Angelegenheit vollständig aufzuklären.

Der jüdische Rechtsaußenkandidat Eric Zemmour, der in den jüngsten Umfragen Boden eingebüßt und aktuell kaum noch Chancen hat, in die Stichwahl am 24. April zu kommen, hatte zuvor französische Medien und Politiker dagegen, den Angriff auf Cohen unter den Teppich kehren zu wollen. »Ist er tot, weil er Jude ist?« fragte Zemmour - und suggerierte, der Tod des jungen Mannes zeige die Malaise, an der Frankreich aktuell leide. Seine Konkurrentin im rechten Lager, Marine Le Pen, warf auf Twitter dieselbe Frage auf: Handelte es sich um einen antisemitischen Mord? Auch die Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon und Yannick Jadot forderten die lückenlose Aufklärung der Todesumstände.

Frankreich

Haftbefehle wegen »Beihilfe zum Genozid«

Die Justiz wirft zwei französisch-israelischen Frauen vor, Hilfslieferungen in den Gazastreifen behindert zu haben

 05.02.2026

USA

»Get the fuck out of Minneapolis!«

Jacob Frey ist Bürgermeister der Stadt, die derzeit für das aggressive Vorgehen der ICE steht. Der Demokrat stellt sich energisch gegen die Immigrations-Politik von US-Präsident Donald Trump

von Eva Schweitzer  05.02.2026

Washington D.C.

Gates: »War dumm von mir, Zeit mit Epstein zu verbringen«

In den jüngst veröffentlichten Dokumenten zum Fall des verstorbenen Sexualstraftäters Epstein tauchen viele prominente Namen auf - auch der des Microsoft-Mitgründers. Nun äußert er sich dazu

 05.02.2026

London

Epstein-Skandal stürzt Starmer in die Krise

Obwohl der britische Premier von der Freundschaft Peter Mandelsons zu Jeffrey Epstein wusste, ernannte er ihn zum Botschafter in den USA. Selbst in den eigenen Reihen ist der Ärger groß

 05.02.2026

Wien

US-Flüchtlingsorganisation HIAS muss ihr Europa-Büro schließen

Die US-Regierung hat das historische Programm für religiöse Minderheiten aufgekündigt. Damit sind aktuell Hunderte Juden im Iran gestrandet

 04.02.2026

Geschichte

Kühe und das große jüdische Erbe

In Endingen und Lengnau liegt die Wiege des Schweizer Judentums – von dort ging es in die Welt. Zu Besuch bei einem der letzten Viehhändler im Surbtal

von Nicole Dreyfus  03.02.2026

Alltag in Zürich: Orthodox gekleidete Juden im Stadtteil Wiedikon, wo sihc der jüngste Vorfall ereignete.

Schweiz

Jüdischer Mann in Zürich mit Fäusten attackiert

Am Montagabend kam es in Zürich auf einer Straße erneut zu einem Vorfall antisemitischer Gewalt

 03.02.2026

USA

Coole Saftas

Wie jüdische Großmütter endlich das Kino erobern

von Sarah Thalia Pines  01.02.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  31.01.2026