Würdigung

Tapfer, klar, integer: Maram Stern wird 70

Maram Stern Foto: Marco Limberg

Würdigung

Tapfer, klar, integer: Maram Stern wird 70

Er ist Diplomat, Menschenfreund, Opernliebhaber und der geschäftsführende Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses. Zum Geburtstag eines Unermüdlichen

von Evelyn Finger  29.08.2025 07:13 Uhr

Wenn es jemanden gibt, der keinen Wert legt auf große Worte und öffentliche Gratulationen, dann ist er es. Getöse in eigener Sache, das widerspricht nicht nur seinem Charakter, sondern auch seinem Job. Maram Stern ist Diplomat. Aber nicht irgendeiner. Er wirbt für jüdische Interessen, dort, wo es am schwierigsten ist, und dort, wo es aussichtslos scheint.

In den 1990er Jahren rang er gemeinsam mit Kardinal Walter Kasper um die Öffnung der vatikanischen Akten aus der Zeit Papst Pius XII. Es ging um die Frage, was der Vatikan über die Schoa gewusst hatte. Als die Geheimarchive endlich aufgingen, im Jahr 2020, auf Geheiß von Papst Franziskus und noch immer gegen heftige Widerstände in der Kurie, stellte sich heraus: alles. Pius XII. und seine Leute wussten einfach alles, sie waren über die nationalsozialistischen Judenverfolgungen von Anfang an genauestens unterrichtet worden, vor allem durch die Verfolgten selbst, die in zahllosen flehentlichen Briefen aus ganz Europa ihre Lage schilderten.

Es ist eine erschütternde Lektüre, und wer heute meint, das Wesentliche über die Grausamkeiten von damals zu wissen, auch über das Ausmaß des schweigenden Opportunismus, der wird eines Schlechteren belehrt.

Sohn zweier Auschwitz-Überlebender

Maram Stern ist der Sohn zweier Auschwitz-Überlebender, geboren 1955 in Berlin. Dass er sich trotz allem um ein gutes Verhältnis zwischen Juden und Christen bemüht hat, dass er auch heute im Vatikan noch das Gute vermutet und vertrauenswürdige Partner sucht, sagt eigentlich alles über ihn.

Ausgerechnet im Oktober 2023 eröffnete dank seiner Bemühungen nahe dem Petersdom ein Büro des Jüdischen Weltkongresses. Dessen Präsident Ronald Lauder und Maram Stern als geschäftsführender Vizepräsident traten gemeinsam mit dem Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin vor die Gäste. Da wusste man noch nicht, wie wenig die Kirchen den überfallenen Israelis helfen würden, und dass Papst Franziskus sich wochenlang weigern würde, auch nur die Angehörigen von Geiseln zu empfangen.

Maram Stern ahnte da längst, dass es schwer werden würde, nach dem 7. Oktober Unterstützung für Israel zu bekommen – nicht nur bei der Kirchenspitze in Rom, auch bei den mächtigen muslimischen Partnern. Sehr schwer.

Als ich am 9. Oktober 2023 mit ihm telefonierte, da war Maram Stern bereits auf dem Weg in die Golfstaaten. In Israel kämpften sie sich gerade erst aus dem Schock heraus, sicherten ihre Grenze zu Gaza und bargen die Toten. Noch war unklar, wer ermordet worden war und wer alles entführt. Maram Stern, der geschäftsführende Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, hatte selber mehrere tote Mitarbeiter zu beklagen.

Er hat sich das Unmögliche zur Aufgabe gemacht: den Geiseln zu helfen

Doch Zeit zum Trauern blieb ihm nicht. Er begann sofort, für jene zu kämpfen, die es besonders schlimm getroffen hatte: die in den Gazastreifen verschleppten Geiseln. Schon am Tag des Massakers meldeten sich hilfesuchende jüdische Familien bei ihm aus aller Welt, die Angehörige vermissten. Bis heute ist Maram Stern einer der wichtigsten Adressaten für die Not jener, die weiter aushalten müssen, dass ihre Kinder, ihre Liebsten in den Tunneln von Gaza gefoltert werden. Denn er hat sich das Unmögliche zur Aufgabe gemacht: den Geiseln zu helfen, indem er bei den politisch Einflussreichen vorstellig wird, auch bei Unterstützerstaaten der Hamas, und überhaupt in der arabischen Welt.

Maram Stern ist neben den ganz wenigen direkten Geiselverhandlern Israels, der USA und Großbritanniens der wohl wichtigste Verhandler des Westens. Er selbst, wenn man mit ihm darüber spricht, wiegelt ab. Er sei kein Verhandler im klassischen Sinne, denn er habe nichts anzubieten, er habe auch keine Druckmittel, er könne nur bitten.

Ja, das tut er. Er hat Prinzen, Emire und Staatschefs gesprochen, den Generalsekretär der Vereinten Nationen, die Außenminister der mächtigsten Länder der Welt. Persönlich und immer wieder. Er war in Katar und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Frankreich und Polen, er pendelt zwischen Brüssel, Berlin und New York.

Ohne ihn wären noch weniger Geiseln frei

Wie hält er das aus? Höflich zu bitten und sich zugleich rechtfertigen zu müssen für einen Krieg, den die Hamas erzwungen hat? Freundlich zu bleiben im Angesicht der Grausamen und Gleichgültigen? Zu erleben, was schon damals geschah: dass jüdischen Opfern keiner hilft?

Wenn man Maram Stern fragt, wie es ihm geht, sagt er nur: Es schmerzt. Und wenn man mit ihm über die aktuelle Lage der Geiseln spricht, behauptet er zuweilen: Ich habe nichts erreicht. Er sagt das ganz sachlich, als Feststellung. Trotzdem stimmt es nicht. Er mag zwar nicht alles erreicht haben für die in Gaza Verschollenen, was er erhoffte. Aber er hat alles Menschenmögliche und mehr getan. Ohne ihn wären noch weniger Geiseln frei – ob er das zugibt oder nicht.

Ich kenne Maram Stern durch meine journalistische Arbeit, habe ihn auch bei den letzten Sicherheitskonferenzen in München erlebt. Es gibt wohl nichts Schwierigeres, als ein gemeinsames Abendessen zu organisieren für Geiselfamilien und für Politiker, die vielleicht helfen könnten. Vielleicht. Wie muss das sein, die Mächtigen um Beistand zu bitten und zu fürchten: Die wollen gar nichts tun? Und am Ende hängt ja alles an den Geiselnehmern, an den Judenhassern der Hamas.

Ein Menschenfreund, aber nie rührselig

Wir haben über solche Befindlichkeiten nicht miteinander gesprochen, sondern stets über das, was noch zu tun bleibt. So ist Maram Stern: ein Menschenfreund, aber nie rührselig; ein Kämpfer, aber nie aggressiv. Auch unter größtem Druck angenehm im Umgang. Und doch die Lage nicht beschönigend. Tapfer, klar, integer.

Zu seinem 70. Geburtstag wünsche ich ihm, dass er gerade jetzt Mitstreiter hat, die ein bisschen so sind wie er selbst. Er mag übrigens, das hat er im Interview preisgegeben, die Oper. Und gute Schokolade. Lieber Maram Stern, Glückwunsch! Danke, dass es Sie gibt.

Die Autorin ist Ressortleiterin bei der Wochenzeitung »Die Zeit«.

»Imanuels Interpreten« (24)

Stan Getz: Der Saxofon-Poet

Wenn Getz live spielte, wollten alle da sein und zuhören. Der Vollblutmusiker kämpfte jedoch über Jahrzehnte hinweg mit Dämonen, die ihn zerstörten

von Imanuel Marcus  07.09.2026

Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Die Journalistin und feministische Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Mit ihrem Magazin »Ms.« veränderte sie den Blick auf Frauen nachhaltig

 04.09.2026

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Der neunjährige Nathan Hertig ist eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die die Profis des FC Zürich ins Stadion begleiten durften. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis

von Nicole Dreyfus  03.09.2026

Terezín 2050

Theresienstadt: Zwischen Gedenken und Weiterleben

Einst Habsburger Festung, dann NS-Ghetto, heute tschechische Kleinstadt: Terezín (Theresienstadt) ist Erinnerungsort und lebendige Stadt zugleich. Internationale Forscher suchen nach Perspektiven für den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

 03.09.2026

Ungarn

Jüdisches Leben nach Orbán

Die neue Regierung verspricht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Judenhass – und Partnerschaft auf Augenhöhe

von György Polgár  03.09.2026

USA

Warum Punk so jüdisch ist

In New York fing es an. In London wurde es Modetrend. Aber was hat eigentlich Lenny Bruce damit zu tun?

von Sarah Thalia Pines  31.08.2026

Interview

»Die Lage der schwedischen Juden ist schrecklich«

Schwedens Bildungs- und Integrationsministerin Simona Mohamsson über den Davidstern und die Vermischung von Israel-Kritik und Antisemitismus

von Michael Thaidigsmann  31.08.2026

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026

Social Media

Prozess: Mark Zuckerbergs Meta will knapp 17 Milliarden Dollar zahlen

Das historische Verfahren zwischen Tech-Gigant Meta und fast allen US-Bundesstaaten gilt rechtlich nur für die USA. Doch es könnte auch globale Auswirkungen haben

 28.08.2026