Frankreich

Suggestive Suchoptionen

Foto: dpa

Vier französische Menschenrechtsorganisationen haben den Internetriesen Google verklagt. Sie kritisieren die automatische Such-Funktion »Google Suggest«. Diese schlägt in Frankreich bei der Suche häufig hinter dem Namen eines Prominenten als Erstes den Begriff »Jude« vor.

Wenn man beispielsweise den Namen des neuen Staatspräsidenten François Hollande bei Google eintippt, ist das Wort »juif« die erste Ergänzungsmöglichkeit. Politiker, Unternehmer, Showgrößen – zahlreiche französische Prominente werden bei der Google-Suche mit einer jüdischen Herkunft in Verbindung gebracht, oft zu Unrecht.

Rassismus Google verstärke so bei vielen Nutzern ein antisemitisches Denken. Das jedenfalls finden die Kläger, der jüdische Studentenverband UEJF, die Organisation SOS Racisme sowie die »Action Internationale pour la Justice« (AIPJ) und die Bewegung gegen den Rassismus und für die Freundschaft zwischen den Völkern (MRAP).

Der Menschenrechtsanwalt Patrick Klugmann vertritt sie vor Gericht. Er sagt: »Wir glauben, dass es sich hier um eine Datenbank handelt, die nach ethnischen Kriterien sortiert. Und nicht nur das: Es ist die größte ›Juden-Kartei‹, die es jemals gegeben hat. Das ist nach französischem Gesetz untersagt.«

Tatsächlich verbietet die französische Verfassung jegliche »Ungleichbehandlung aufgrund von Rasse oder Herkunft«. Mit Verweis darauf hatte das Verfassungsgericht 2007 auch die Einführung jeglicher »ethnischer Statistiken« verboten. Darüber wird seit Jahren in Frankreich heftig diskutiert.

Algorithmus Google verteidigt sich. Aus Sicht des US-Konzerns habe die automatische Suchvervollständigung einzig und allein den Zweck, die Suche im Internet zu vereinfachen. Es gebe keinerlei ideologischen Zusammenhang. Ein Sprecher von Google betont: Alles sei eine Frage des Algorithmus. Und der würde lediglich die häufigsten Suchanfragen der Internetnutzer verarbeiten.

Dieses Argument will Menschenrechtsanwalt Patrick Klugmann nicht gelten lassen. »Der Algorithmus macht doch nur das, was man ihm sagt. Auch für den Algorithmus von Google sind Menschen verantwortlich: die Programmierer, die Chefs. Es geht ganz einfach um die Frage, ob Google bestimmte Werte respektiert oder ob ein Land, in dessen Gesetz diese Werte verankert sind, sie verliert.«

Zumindest eine moralische Verantwortung hat Google aus Sicht des französischen Politologen Jean-Yves Camus. Angesichts der europäischen Geschichte hält er jegliche Judenkartei für etwas, gegen das man kämpfen müsse. Es sei ein großes Problem, dass radikale Antizionisten Listen jüdischer Prominenter erstellen und weiterverbreiten. Deren Ziel sei es, bestimmte Leute zu diskreditieren.

Besatzung Aus Camus’ Sicht gibt es allerdings eine Erklärung dafür, weshalb die Franzosen über die Google-Suche überhaupt so häufig herausfinden wollen, ob ein Prominenter jüdischer Herkunft ist. »Während der Besetzung durch die Nazis sind die Juden deportiert worden. Und ich glaube, im kollektiven Bewusstsein wirkt die Registrierung der Juden damals bis heute nach.« Auch heute wieder suche man die Juden in allen Bereichen der Gesellschaft, in denen es um Macht gehe: in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien.

Es gebe allerdings in diesem Zusammenhang auch einen positiven Aspekt: Die jüdische Gemeinschaft sei generell sehr viel sichtbarer geworden, nicht zuletzt im kulturellen Umfeld. »Man kann heute sehr viel leichter öffentlich machen, dass man Jude ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg, bis in die 70er-Jahre hinein, war das aufgrund der Schoa nahezu unvorstellbar«, so Camus.

Prozess Menschenrechtler gegen Google: Vergangene Woche hat in Paris der Prozess begonnen. Das Ergebnis des ersten Verhandlungstags: die Einschaltung eines Mediators. Jean-Pierre Mattei, der ehemalige Präsident des Handelsgerichts, soll bei der nächsten Anhörung am 27. Juni zwischen den Streitparteien vermitteln. Dabei wird es weniger um die Frage gehen, wer recht hat, als um philosophische und moralische Aspekte. Falls das nichts bringt, gibt es ein Urteil.

Schon einmal hat Google in Frankreich einen Prozess wegen »Google Suggest« verloren. In diesem Fall war hinter dem Firmennamen direkt als Erstes das Wort »arnaque« (Betrug) vorgeschlagen worden. Der Stromversorger Direct Energie hatte Google deshalb verklagt. Mit Erfolg: Google musste die Vorschläge ändern.

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026