Argentinien

Sprengstoff in Pralinenschachteln

Bergungsarbeiten nach dem Anschlag 1994 Foto: picture-alliance / dpa

Argentinien

Sprengstoff in Pralinenschachteln

Eine interne Mossad-Studie beschreibt detailliert, wie die Terroranschläge Anfang der 90er-Jahre in Buenos Aires geplant wurden

von Andreas Knobloch  11.08.2022 08:07 Uhr

Die beiden schwersten Terroranschläge in der Geschichte Argentiniens – auf die israelische Botschaft und das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires in den 90er-Jahren – gehen auf das Konto einer Hisbollah-Zelle. Entgegen weit verbreiteten Behauptungen erhielt sie weder vom Iran noch von argentinischen Bürgern operative Unterstützung vor Ort, so eine Untersuchung des israelischen Geheimdienstes Mossad.

Die interne Mossad-Studie, deren Ergebnisse kürzlich die »New York Times« veröffentlichte, beschreibt detailliert, wie die Anschläge geplant wurden, und enthält bisher unbekannte Details – einschließlich der Frage, wie das Material für den Sprengstoff nach Argentinien geschmuggelt wurde.

Autobombe Die israelische Botschaft in Buenos Aires wurde am 17. März 1992 in die Luft gesprengt, nachdem ein Selbstmordattentäter eine Autobombe gezündet hatte. Bei dem Anschlag wurden 29 Menschen getötet und fast 250 verletzt. Zwei Jahre später, am 18. Juli 1994, war es ebenfalls eine Autobombe, die das AMIA-Gebäude in der argentinischen Hauptstadt zerstörte und 85 Menschen tötete.

Den von der New York Times veröffentlichten Schlussfolgerungen des Berichts zufolge verübte die Hisbollah die beiden Anschläge, um israelische Operationen im Libanon gegen Mitglieder der Organisation zu rächen. Sie nutzte eine geheime Infrastruktur, die sie über Jahre in Buenos Aires und anderen lateinamerikanischen Städten aufgebaut hatte.

Demnach schmuggelten Hisbollah-Agen­ten den Sprengstoff, getarnt in Shampooflaschen und Schokoladenschachteln, auf regulären Linienflügen aus Europa nach Südamerika. Die beiden Selbstmordattentäter wurden in Brasilien kontaktiert und reisten mit falschen Pässen nach Argentinien ein.

libanon Die für die Organisation der beiden Anschläge Verantwortlichen verließen Buenos Aires Tage später und leben heute im Libanon, ohne jemals vor Gericht gestellt worden zu sein. Der Befehlshaber der Hisbollah-Operationen wurde später bei einer gemeinsamen israelisch-amerikanischen Operation getötet, so die New York Times.

Die jüdischen Dachverbände DAIA und AMIA kritisieren den Zeitungsartikel über die Anschläge in Buenos Aires.

Die jüdischen Dachverbände DAIA (Delegación de Asociaciones Israelitas Argentinas) und AMIA (Asociación Mutual Israelita Argentina) kritisieren den Zeitungsartikel über die Anschläge in Buenos Aires. DAIA-Präsident Jorge Knoblovits fordert gerichtliche Aufklärung der nun publik gewordenen Informationen. »Ohne das Eingreifen der Ermittlungsbehörden werden wir nicht in der Lage sein, die Wahrheit zu erfahren.«

»Unsere Kritik richtet sich im Wesentlichen gegen die Behauptung, der Iran habe nichts mit dem Bombenanschlag zu tun«, so AMIA-Anwalt Miguel Bronfman im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Während es in einem Absatz heißt, es habe keine Aktivitäten ›vor Ort‹ gegeben, heißt es in einem anderen, die Hisbollah habe allein und ohne iranische Unterstützung gehandelt. Dies steht im Widerspruch zu allen Beweisen, die in den 28 Jahren der Ermittlungen in der Gerichtsakte gesammelt wurden und die zweifelsfrei auf eine gemeinsame Verantwortung des Iran und der Hisbollah hinweisen.«

IRAN Wenige Tage nach Erscheinen des Artikels erfolgte eine Klarstellung von israelischer Seite. Für Jerusalem ist »der Iran der Urheber der Terroranschläge auf die israelische Botschaft und die AMIA«, sagte der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Lior Haiat, der Mediengruppe Clarín.

Der Beamte bestätigte auch, dass es sich um ein Missverständnis nach der Veröffentlichung des Artikels in der New York Times handelte. »Aus dem Artikel geht eindeutig hervor, dass der Iran hinter den Anschlägen steckt und dass in beiden Fällen der terroristische Arm des Iran, die Hisbollah, die Anschläge verübt hat«, so Haiat. »Der Artikel enthält keine neuen Erkenntnisse über die Täter. Ich spreche von einer Makrobetrachtung«, fügte er hinzu und stellte klar, dass aus seiner Sicht vor allem neu ist, wie der Sprengstoff nach Argentinien geliefert wurde.

»Angesichts der späteren Klarstellungen Israels scheint es sich letztlich um ein Missverständnis gehandelt zu haben«, sagt auch Bronfman. Der Sprengstoff-These aber kann er wenig abgewinnen. »Die Theorie, wie der Sprengstoff ankam, erscheint wenig glaubwürdig. 300 Kilo Sprengstoff sind für das AMIA-Attentat verwendet worden – es ist schwer zu glauben, dass sie in Shampooflaschen und Pralinenschachteln gebracht wurden.«

Flüge

US-Airline nimmt Route Tel-Aviv-New York wieder auf

Pünktlich zu Rosch Haschana gibt es wieder Direktflüge zwischen New York und Tel Aviv von anderen Anbietern als El Al

 09.08.2026

Großbritannien

Verdacht: Britische Hilfsorganisation könnte Hamas unterstützt haben

Die Anti-Terror-Polizei Londons untersucht, ob eine muslimische Hilfsorganisation von der Terrorfinanzierung mit ihren Spenden wusste oder nicht

 09.08.2026

Griechenland

Warnung an Israelis in Griechenland

Weil »propalästinensische« Organisationen zu einem »Tag des Zorns« aufgerufen hätten, sollen sich Israelis bedeckt halten, warnt das israelische Außenministerium

 09.08.2026

Jerusalem

Großeltern umgebettet: Theodor Herzls letzter Wille ist erfüllt

Die Überreste von Schimon und Rikva Herzl, Vorfahren väterlicherseits des Zionismus-Begründers und prägende Gestalten in Theodor Herzls Jugend, wurden von Serbien nach Israel überführt und auf dem Herzlberg beigesetzt

 06.08.2026

Palma

Michael Douglas ist Ehrenbotschafter Mallorcas

Der Hollywood-Star mit jüdischem Familienhintergrund wird für seine enge Verbindung zu der spanischen Insel und sein Engagement für deren kulturelles Erbe geehrt

 06.08.2026

Frankreich

Eine Abrechnung mit dem Judenhass der neuen Linken

Nach 41 Jahren verlässt der anerkannte Journalist Jean Quatremer die beliebte Tageszeitung »Libération«. Er wirft Kollegen einen »entfesselten Antisemitismus« und eine ideologische Schreckensherrschaft vor

 06.08.2026

USA

Seitenwechsel

In Stanford hetzte Taryn Thomas auf Studentenprotesten gegen Israel. Dann sah sie die Nova-Ausstellung – und wurde zur »Verräterin«

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  06.08.2026

Großbritannien

Tories wegen Nominierung von Ex-Neonazi in der Kritik

Die Chefin der Konservativen Partei hält ihn für resozialisiert, doch die jüdische Labour-Politikerin Luciana Berger ist skeptisch, was eine Kandidatur des früheren Rechtsextremisten Joshua Bonehill-Paine bei der Kommunalwahl 2027 anging

von Michael Thaidigsmann  06.08.2026

Litauen

Bima der Großen Synagoge von Vilnius endlich freigelegt

Während die Ausgrabungen voranschreiten, geht die Debatte über die Zukunft des Ortes weiter. Soll dort ein Gemeindezentrum entstehen, ein religiöses Zentrum oder eine Erinnerungs- und Bildungsstätte?

 05.08.2026