Polen

Solidarität in Warschau

Demo gegen Homophobie in Warschau (2020) Foto: imago images/ZUMA Wire

Am 19. Juni wird in Warschau mit Fahnen, Transparenten und lauter Musik wieder der Gleichheitsmarsch durch die Straßen ziehen. »Gleichheitsmarsch« – so heißt in Polen die Christopher-Street-Day-Parade. Auch der 19-jährige Piotr wird wieder dabei sein und die Regenbogenfahne mit dem groß aufgedruckten blauen Davidstern schwenken.

Jedes Jahr sind es mehr Mitglieder der jüdischen Gemeinden, die sich aus Solidarität mit der LGBTIQ-Community dem Marsch anschließen. Lesbisch, schwul oder transsexuell lebende Menschen werden in Polen offen diskriminiert. Seit sich immer mehr Kleinstädte zu »LGBT-« oder »LGBTIQ-freien Zonen« erklären oder eine sogenannte Familiencharta verabschieden, wehren sich auch viele Juden. Sie erinnern an die »judenfreien Städte« in Nazideutschland und warnen vor einer Wiederholung der Geschichte.

Vorgeschichte Dass die liberale Warschauer Gemeinde Ec Chaim seit dem 1. Juni einen ganzen Monat lang der schwulen und lesbischen Opfer weltweit gedenkt, zugleich aber auch deren Selbstbehauptung und neuen Stolz feiern will, hat eine Vorgeschichte. Als Lech Kaczynski 2002 Oberbürgermeister Warschaus wurde, verbot er immer wieder die friedlichen Regenbogen-Demonstrationen – absurderweise mit dem Argument, er könne die Sicherheit der Demonstranten nicht gewährleisten.

Damit schützte er vor allem die Nationalisten, die den Schwulen und Lesben oft genug »im Namen Gottes« den Krieg erklärten und sie mit Tomaten, Flaschen und Steinen attackierten. Auch Kaczynski, der 2010 als Präsident Polens bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, sah sich auf der Seite der heterosexuell »Anständigen«. Doch seine offene Diskriminierung von sexuellen Minderheiten rief immer mehr Gegner auf den Plan, auch bereits die ersten Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Polen.

Präsident Andrzej Duda hatte mit fremdenfeindlichen und homophoben Sprüchen Wahlkampf für eine zweite Amtszeit gemacht.

»Die jüdische Tradition lehrt uns, dass jeder Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde und daher auch jedem Menschen die gleiche Ehrerbietung und Würde zukommt«, heißt es in einer rosafarbenen Erklärung von Ec Chaim auf Facebook. »Seitdem unsere liberale Gemeinde besteht, war und ist sie ein offener Ort für alle Juden – unabhängig von ihren politischen Ansichten, ihrer Herkunft oder ihren sexuellen Orientierungen.« Das in einen Regenbogen geänderte Profilbild auf Facebook solle auch nach außen zeigen, dass Ec Chaim am Monat der Gleichheit aktiv teilnimmt.

Orthodoxe Auch die jüdisch-orthodoxe Gemeinde Warschaus unterstützt seit einigen Jahren die polnische Regenbogen-Bewegung und nimmt sie immer wieder in Schutz. Vor genau einem Jahr sorgten die orthodoxen Juden Warschaus für landesweites Aufsehen, als sie öffentlich gegen die zunehmende Diskriminierung von Homosexuellen im Land protestierten.

Präsident Andrzej Duda hatte mit fremdenfeindlichen und homophoben Sprüchen Wahlkampf für eine zweite Amtszeit gemacht und über LGBTIQ gesagt: »Man versucht uns einzureden, das seien Menschen, aber das ist ganz einfach eine Ideologie.«

Kurz darauf schickte die jüdische Gemeinde ihren Protestbrief an die Medien, kritisierte offen den homophoben Wahlkampf Dudas und erklärte: »Wir Juden – Überlebende des Holocaust und deren Nachkommen – wollen und können nicht gleichgültig bleiben angesichts der entmenschlichenden Worte gegenüber den LGBTIQ-Menschen.«

protest Fast alle Medien zitierten den Protest, einige zwar mit negativem Kommentar, die meisten jedoch sehr positiv und zustimmend. Denn weiter hieß es: »Wir wehren uns gegen die Hassreden, die Vorurteile und Aggressionen. Wir wissen, dass das Entwürdigen und Entmenschlichen einer bestimmten Gruppe in der Mehrheitsgesellschaft, aber auch das Schüren einer vollkommen unbegründeten Angst vor dieser Gruppe zu unabwendbaren Tragödien und Pogromen führt.«

Die letzten Sätze verstanden viele als Appell, sich so zu verhalten wie Polens Juden: »Wir haben die Pflicht, unsere Solidarität all jenen gegenüber zu zeigen, die Opfer von Ungerechtigkeit, Stereotypen und Gewalt wurden. Wir haben das Recht, ›Nein‹ zur Diskriminierung der LGBTIQ-Personen zu sagen.«

Meinung

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026