In Europa ist Nepal vor allem als Trekking-Destination bekannt – nicht zuletzt als Ausgangspunkt für Expeditionen auf den Mount Everest. Wer sich intensiver mit Asien beschäftigt, weiß vielleicht auch, dass der Himalaja-Staat geopolitisch eine bedeutende Pufferzone zwischen Indien und China bildet. Doch welche Verbindung gibt es zwischen Nepal und dem Judentum?
Eine beeindruckende: Seit einigen Jahrzehnten findet in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, einer der größten Sederabende weltweit statt. Dieses bemerkenswerte Renommee verdankt die hinduistisch geprägte Metropole mit rund einer Million Einwohnern zum einen dem Klima – die beste Reisezeit für Trekkingtouren fällt in die Zeit um Pessach –, zum anderen der chassidischen Chabad-Bewegung. Im Vorfeld von Pessach organisiert Chabad rund 10.000 öffentliche Sederabende an rund 350 Orten weltweit – von Thailand über Peru bis New York.
Erhebliche logistische Herausforderung
In Nepal beginnen die Vorbereitungen bereits Monate im Voraus, um die rechtzeitige Ankunft von Mazzot, Wein und anderen notwendigen Zutaten sicherzustellen. Angesichts der geografischen Lage und des vielfältigen Klimas stellt dies eine erhebliche logistische Herausforderung dar. Man stelle sich nur vor, wie viele Gebetsbücher und Tische für Feiern mit mehr als 2000 Teilnehmenden benötigt werden – ganz zu schweigen von den Mengen an süßem Wein, Palmöl oder koscherem Rindfleisch, die importiert werden müssen.
Den Anfang machte 1989 der israelische Botschafter in Kathmandu, Shmuel Moyal, der erstmals einen Sederabend für Rucksackreisende und Mitarbeitende internationaler Organisationen organisierte. Schon bald zeigte sich jedoch, dass die diplomatische Vertretung dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Immer mehr jüdische Touristen fanden sich auf dem »Dach der Welt« ein, um ihren Seder im Schatten der höchsten Berge zu feiern – nicht selten unter den neugierigen Blicken zahlreicher Nepalesen, die sich das ungewohnte Geschehen nicht entgehen lassen wollten.
Vor allem Israelis, aber auch Juden aus Europa, den USA und Südamerika zieht es seit Jahren – nicht zuletzt zwecks Eskapismus angesichts von Krisen und Kriegen in der Heimat – nach Nepal. Für viele Israelis, die es sich leisten können, ist eine Reise auf den indischen Subkontinent oder durch Südostasien längst zum festen Übergangsritual nach dem Militärdienst geworden. In den Straßen Kathmandus ist Hebräisch allgegenwärtig, und nicht wenige Restaurants begrüßen ihre Gäste mit einem herzigen »Bruchim Haba’im«. Das Außenministerium in Jerusalem geht davon aus, dass jährlich zwischen 8000 und 10.000 Israelis Nepal besuchen.
Im Jahr 2000 eröffneten Rabbi Chezki Lifshitz und seine Frau Chani das erste Chabad-Zentrum in Kathmandu. Seither organisiert das Ehepaar hier imposante und fast schon legendäre Pessachfeiern, längst nicht mehr nur in der Hauptstadt, sondern auch an entlegeneren Orten wie Pokhara oder Manang. Die Errichtung eines Chabad-Außenpostens in dem auf über 3500 Metern gelegenen Dorf Manang geriet dabei selbst zu einer Art Expedition: Esel und Motorräder kamen dabei zum Einsatz.
Zur Ausrichtung des Seders kamen Motorräder, Esel und sogar ein Helikopter zum Einsatz.
Dass die Versorgung für den Seder bis heute einem Abenteuer gleicht, hat Rabbi Lifshitz immer wieder eindrücklich geschildert. Einmal kippte ein Lastwagen auf dem beschwerlichen Weg aus Indien um, und nur der Einsatz eines Helikopters machte die rechtzeitige Lieferung überhaupt möglich. Ein anderes Mal landete eine Sendung irrtümlich in Malaysia und traf erst eine Woche nach Pessach in Kathmandu ein. Aus der Not heraus begann der Rabbiner schließlich, selbst koscheren Wein herzustellen – gelagert wird er in jenen Tanks, die sonst das Wasser auf den Hausdächern der Hauptstadt speichern. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu, das größte Problem sei aber immer noch, Israelis dazu zu bringen, Gefilte Fisch zu essen.
Familie Lifshitz, mittlerweile zu neunt – einschließlich eines adoptierten nepalesischen Jungen –, ist weit mehr als ein eingespieltes Organisationsteam für die Feiertage. Sie hat sich zu einer festen Institution im Alltag der jüdischen Reisenden entwickelt: mit ganzjährigen Tora-Kursen, Gottesdiensten nicht nur an Schabbat und zu Feiertagen, sondern jeden Tag, und zwei koscheren Restaurants in Kathmandu. Darüber hinaus kümmern sich die Lifshitzs um die praktischen und spirituellen Bedürfnisse der Trekking-Touristen – von der Beratung und Gepäckaufbewahrung bis hin zur Bereitstellung von Satellitentelefonen für Notfälle.
Hilfe in Ausnahmesituationen
Besonders in Krisenzeiten wurde ihre Rolle in Nepal sichtbar: Während und nach den verheerenden Erdbeben 2015, kaum zwei Wochen nach Pessach, erwies sich die Familie als wichtige Stütze im Land und leistete Hilfe in jenen Ausnahmesituationen, mit denen Wanderer und Bergsteiger im Himalaja immer wieder konfrontiert sind.
Im Januar dieses Jahres berichtete die »Times of Israel«, das Chabad-Zentrum in Kathmandu habe infolge eines Streits mit dem Vermieter geräumt werden müssen. Rasch fiel das Wort »Antisemitismus« – doch Rabbi Lifshitz widersprach und erklärte, dass der Eigentümer lediglich darum gebeten habe, die hebräischen Schilder zu entfernen, aus Sorge, das Gebäude könne ins Visier möglicher Angreifer geraten. »Der Vermieter selbst ist nicht antiisraelisch eingestellt«, so der 52-Jährige. Tatsächlich gilt Nepal seit Langem als eines der israelfreundlichsten Länder weltweit. Entsprechend zuversichtlich klang Lifshitz beim Auszug: Man werde wachsen und neu beginnen. Und er sollte recht behalten, neuer Raum wurde gefunden.
Im Kern authentisch
So werden jüdische Reisende auch in diesem Jahr in Kathmandu, Pokhara und Manang zum Sederabend zusammenkommen. Wegen des Krieges in Nahost deutlich weniger als 2000, sagte Rabbi Lifshitz im Gespräch mit dieser Zeitung, aber unter anderem werde eine Gruppe von 15 aus Deutschland erwartet.
Für Chani Lifshitz liegt der Kern ihrer Arbeit in der Authentizität: »Wir geben sehr viel, aber wir bekommen genauso viel zurück. Die Leute öffnen sich uns, teilen ihre Geschichten mit uns, weil sie sehen, dass wir selbst auf einem Weg sind. Wir tun nicht so, als wäre alles perfekt.«