Frankreich

Rabbinerin und Medienstar

»Ich habe das Gefühl, dass viele Leute Geiseln der kriminellen Ideologie der Hamas und ihrer Verbündeten sind«: Delphine Horvilleur Foto: picture alliance/dpa/MAXPPP

Frankreich

Rabbinerin und Medienstar

Delphine Horvilleur ist die prominenteste Vertreterin des liberalen Judentums im Land. Trotz antisemitischer Angriffe und Hass aus verschiedenen Richtungen hält sie am Dialog fest

von Christine Longin  31.08.2025 06:51 Uhr

Dass das Leben einer Rabbinerin durchaus Fernsehabende füllen kann, beweist Le Sens des Choses, zu Deutsch: »Die Bedeutung der Dinge«, eine im Frühjahr gestartete Mini-TV-Serie mit Delphine Horvilleur. Die Rabbinerin ist eine der bekanntesten jüdischen Stimmen Frankreichs, und das Programm erzählt von den lustigen und auch nachdenklichen Momenten im Leben der umtriebigen 50-Jährigen. Zum Beispiel davon, wie ihr Umfeld schockiert auf die Ankündigung reagierte, dass sie Rabbinerin werden wolle. »Eine Frau als Rabbi, das ist doch wohl ein Witz«, so ein Freund. »Na ja, sie ist ja nicht der Teufel«, antwortete ein anderer.

Dabei wollte Horvilleur, die persönlich am Drehbuch mitgewirkt hat, ursprünglich einen ganz anderen Weg gehen. »Ich komme aus einem traditionellen Milieu, in dem eine Frau als Rabbinerin einfach nicht vorstellbar war«, sagte sie 2022 in einem Interview mit der katholischen Zeitung »La Croix«.

Der Vater war Arzt, die Mutter Lehrerin

Aufgewachsen ist sie im ostfranzösischen Epernay, der Vater war Arzt, die Mutter Lehrerin. Auf beiden Seiten haben die Großeltern die Schoa überlebt, sprachen aber nie darüber. Dass sie eine andere, viel dunklere Familiengeschichte als ihre Freundinnen hatte, bemerkte sie erst, als sie deren Großmütter sprechen hörte: Im Gegensatz zu ihren Omas hatten diese keinen Akzent.

»Ich liebe es, die Lehren des Judentums zu nutzen, um etwas zu Debatten beizutragen.«

Schon einer von Horvilleurs Großvätern wollte Rabbiner werden, wechselte dann aber zum Studium von Latein und Griechisch und leitete schließlich ein Gymnasium in Nancy. Noch heute spricht die Enkelin mit Stolz von Nathan Horvilleur, auch wenn er nicht damit einverstanden war, dass sie im Alter von 17 Jahren für ein Medizinstudium nach Israel aufbrach. »Ich hätte mir etwas anderes für dich vorgestellt«, erinnerte Horvilleur seine Worte später im Gespräch mit »Le Monde«. Doch sie ging nach Jerusalem und machte Alija.

Ihr Glaube an den Frieden im Nahen Osten wurde dort tief erschüttert, als Israels Ministerpräsident Yitzhak Rabin 1995 ermordet wurde. Wenige Monate nach dem Anschlag explodierte 50 Meter von ihrer Wohnung entfernt eine Autobombe. Sie musste das Gebäude sofort verlassen und barfuß durch Jerusalem laufen – eine Erinnerung, die sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat.

Tora und Talmud lernen

Horvilleur brach das Medizinstudium ab und kehrte nach Frankreich zurück. Nach dem Besuch einer Journalistenschule fand sie beim öffentlich-rechtlichen TV-Sender France 2 eine Anstellung in dessen Jerusalemer Büro, und sie kehrte zurück. Als man ihr drei Jahre später einen Festvertrag anbot, verzichtete sie jedoch. Viel lieber wollte sie Tora und Talmud lernen. Dafür musste sie allerdings nach New York, denn in Frankreich waren solche Studien für Frauen nicht möglich.

Dort schließlich brachte ein junger liberaler Rabbiner sie auf die Idee, Rabbinerin zu werden. Sie habe den Vorschlag zunächst als Witz verstanden, sagt sie, befasste sich dann aber ernsthaft mit dem Gedanken. Eine weitere Herausforderung waren die eigenen Eltern, die vom neuen Berufswunsch der Tochter alles andere als begeistert waren. »Das war für sie einfach zu viel. Aber sie haben mich immer unterstützt.«

Mit 33 wurde Horvilleur schließlich ordiniert und kehrte nach Frankreich zurück. Für die liberale jüdische Bewegung MJLF (Mouvement juif libéral de France) übernahm sie die Synagoge Beaugrenelle in Paris und erschien zum ersten Gottesdienst mit dickem Bauch unter dem Tallit. »Für die Ältesten in der Synagoge war eine Frau als Rabbinerin kompliziert. Eine schwangere Rabbinerin noch viel mehr«, erinnert sie sich.

Prominenteste Vertreterin des liberalen Judentums in Frankreich

In den folgenden Jahren wird die Frau mit dem Lockenkopf, die mit ihrem Mann, dem Pariser Bezirksbürgermeister Ariel Weil, mittlerweile drei Kinder hat, zur prominentesten Vertreterin des liberalen Judentums in Frankreich. Sie mischt sich seither in gesellschaftliche Debatten ein, veröffentlicht Bücher, die auch ins Deutsche übersetzt werden, und ziert Zeitschriftencover. Sie scheut sich nicht, zu heiklen Themen – sei es die Homo-Ehe, Bioethik oder der Umgang mit dem Tod – Stellung zu beziehen. »Ich liebe es, die Lehren des Judentums zu nutzen, um etwas zu Debatten beizutragen«, sagte sie im Interview.

Dabei probiert Horvilleur alle möglichen Formate aus, angefangen von Workshops über Online-Plattformen wie »Tenoua« bis hin zur eigenen Videointerview-Serie. »Sie ist sehr engagiert«, sagt Thierry Roos, Vize-Vorsitzender und prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde in Straßburg. »Ihre dem Showbusiness nahestehende Seite hat es auch Nichtjuden ermöglicht, das Judentum zu verstehen.«

Tausendundeine Art, Jude oder Muslim zu sein, heißt ein Buch, das sie 2017 gemeinsam mit dem Islamwissenschaftler Rachid Benzine veröffentlicht hat. Einen Dialog zwischen den Religionen sollte es ermöglichen, denn Frankreich hat sowohl die größte jüdische als auch die demografisch stärkste muslimische Gemeinschaft Europas. Horvilleur sieht sich als Kind dieser Republik, möchte zur Verständigung beitragen, erntet dafür jedoch viel Hass in den sozialen Netzwerken.

Als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel überfiel, fühlte sie sich, als werde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen.

Als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel überfiel, fühlte sich die Rabbinerin, als werde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Scharf geht sie seither mit jenen ins Gericht, die sich trotz der unvorstellbaren Grausamkeit nicht von der Hamas distanzieren wollen. »Ich habe das Gefühl, dass viele Leute Geiseln der kriminellen Ideologie der Hamas und ihrer Verbündeten sind«, stellte sie bereits eine Woche nach den Massakern fest. Doch am Dialog hält sie fest, wie mit ihrem auch auf Deutsch erschienenen Buch Wie geht’s? Miteinander sprechen nach dem 7. Oktober: »Nur wenn wir den Schmerz der anderen wahrnehmen, ist Hoffnung möglich«, sagt sie.

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Im Mai dieses Jahres bezog Horvilleur als Redaktionsleiterin von Tenoua Stellung zur israelischen Offensive im Gazastreifen: »Ich spreche aus Liebe zu Israel. Aus der Kraft heraus, die mich mit diesem Land verbindet, das mir so nah ist, wo so viele meiner Angehörigen leben«, schrieb sie. Sie unterstütze diejenigen, die jede rassistische und auf Überlegenheit setzende Politik ablehnen würden. Und auch diejenigen, »die wissen, dass man keinen Schmerz lindert, keinen Toten rächt, indem man Unschuldige aushungert oder Kinder verurteilt«.

Wenn es von der TV-Serie Le Sens des Choses eine zweite Staffel geben sollte, dürften auch der 7. Oktober und seine Folgen Thema werden – keine leichte Sache für das Fernsehpublikum und nicht für Horvilleur. Doch sie ist schwierigen Diskussionen noch nie ausgewichen.

Eva Erben

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