Grossbritannien

Pessach als Therapie

»Wer am Sedertisch sitzt, muss bereit sein, Fragen zu stellen«: Elie Jesner Foto: Daniel Zylbersteijn

Das Judentum selbst hat Pessach zu einem der wichtigsten Ereignisse im Jahreskalender gemacht, denn hier gibt es etwas, das dem Menschen wichtig ist.» Für Elie Jesner, den Mann solcher Worte, geht die Bedeutung Pessachs weit über die religiösen Vorschriften hinaus. Im Londoner jüdischen Kulturzentrum JW3 sprach der 36-Jährige am Sonntag zum zweiten Mal über «Pessach für Atheisten». Es überrascht, dass er selbst eine Kippa trägt. Jesner stammt aus einer modern-orthodoxen Familie. Er lernte an einer Jeschiwa in Israel, danach studierte er in Cambridge Philosophie, später ließ er sich zum Psychotherapeuten ausbilden.

«Ich war schon immer ein Mensch, der alles hinterfragt», gesteht er. Das Judentum sei mehr als ein dogmatisches System, es gehe den Menschen darum, einen inneren Sinn für ihr Leben zu finden. Gern zitiert Jesner dabei den Philosophen Friedrich Nietzsche: «Es ist die Religion, welche die Suche nach der Wahrheit erfand.»

Freiheit Was nun bedeutet Pessach für Menschen, die Gott hinterfragen? Glaubt man Elie Jesner, geht es vor allem um vier Kategorien der Freiheit: die körperliche, die rechtliche, die intellektuelle und die emotionale. Man sieht dem Psychoanalytiker an, dass er vor allem an der vorletzten und ganz besonders an der letzten interessiert ist – an der emotionalen Freiheit und dem Prozess der Befreiung von tief im Unterbewusstsein steckenden, schwer zu erreichenden Strukturen, wie menschliches Zwangsverhalten, Süchte, Wut und Zerstörungstrieb.

«Der Seder und die Haggada sind eine einzigartige Möglichkeit, sich all dies zu vergegenwärtigen. Allerdings muss man bereit sein, mit dem Thema zu experimentieren, und darf die Liturgie nicht nur blind herunterleiern», sagt Jesner. Die Pessachvorbereitungen mit der vorgegebenen peinigenden Haussäuberung seien im Grunde «ein neurotisches jährliches Wiedererleben sklavischer Arbeit, die am Tisch mit dem Fest der Freiheit endet».

Doch auch andere Vorgaben hätten symbolischen Wert, der über die traditionelle Gestik des Seders und dessen Erklärungen hinausgehe. So sei das vorgeschriebene Weintrinken ein bewusster und gewollter Akt des Selbstkontrollverlustes. «Nur freie Menschen können sich dies erlauben», argumentiert Jesner.

Mazza Ein anderes Beispiel sei das Brechen und Verstecken der Mazza. Hier ist Jesner ganz Psychotherapeut: «Wir beginnen unser Leben nicht als Ganzes, sondern streben nach Vollendung, und oft legen wir einen Teil unseres Ganzen ab und vergessen, es zurückzuholen.» Auch die Mahlzeiten im Seder seien völlig vereinbar mit dem modernen Verständnis, glaubt Jesner: «Emotionales Verstehen geht über Worte hinaus, und so ist das Essen der salzigen Tränen, der bitteren und guten Zeiten von signifikanter Bedeutung. Für manches gibt es keine Worte», sagt Jesner und blickt in die Ferne.

Doch steht in der Haggada nicht auch Verstörendes? Was ist mit dem rachevollen Erschlagen der ägyptischen Erstgeborenen? Jesner fordert, den Text nicht zu wörtlich zu nehmen. «Das apokalyptische Ende der anderen durch Gott ist die Art, wie viele alte Zivilisationen den Sieg über ihre Feinde erzählten.» Nach jüdischer Tradition sei es «vollkommen gerechtfertigt, zu argumentieren, dass man an bestimmten Passagen weniger oder gar nicht interessiert ist, und stattdessen jene herausarbeitet, die einen besonders herausfordern».

Deshalb rät Jesner: «Wer am Sedertisch sitzt, muss bereit sein, Fragen zu stellen. Je selbstbewusster wir dabei sind, umso freier werden wir und umso weniger wiederholen wir zerstörendes Verhalten», hofft er. Pessach müsse Menschen zusammenbringen, zum Denken und Diskutieren anregen. Es sei fast schon wie eine Gruppentherapie, meint Jesner. Und am Ende des Seders – viele vergessen das – stehe dann noch ein letzter Akt der Freiheit: die Genugtuung und Dankbarkeit, ein Zeichen emotionaler Reife, erläutert Jesner. «Pessach kann nicht alles auf den Tisch bringen, aber es ist ein reicher Stimulus, um Fragen, Gefühle und Empfindungen zu erforschen», so Jesners Fazit.

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Herkunft und Sympathien der Spielerikone kursieren, erzählen die Söhne eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine andere, besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  16.07.2026 Aktualisiert

Justiz

Schweizer Comedian Hamza Raya wegen Rassismus angezeigt

Ein muslimischer Comedian und ein jüdischer Gastronom loten die Grenzen der Satire aus. Nun droht dem einen von beiden eine juristische Auseinandersetzung

von Nicole Dreyfus  15.07.2026

Jahrhundertzeugin

Wie eine Sintiza die Nazizeit überlebte und ihre Heiterkeit rettete

Frieda Daniels ist Hochseilartistin. Sie floh als Sintiza vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Als 93-jährige Zeitzeugin war sie nun in Heidelberg zu Gast. Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte

von Stefanie Ball  15.07.2026

Verschwörungsmythen

Messi: Im Visier von Antisemiten

Eine NGO, die in den sozialen Medien antisemitische Inhalte aufspürt, berichtet, dass Argentiniens Starspieler immer wieder Ziel von judenfeindlichen Verschwörungsmythen wird

 15.07.2026

New York

Ronald Lauder sucht Nachfolger

Der WJC-Präsident, Unternehmer und Philanthrop wirbt außerdem dafür, dass sich eine neue Generation wohlhabender Juden stärker für jüdisches Leben engagiert – durch Investitionen in Bildung

 15.07.2026

David Baddiel

»Inzwischen kann man Messi in den Griff bekommen«

Der britische Autor über das Halbfinale England vs Argentinien, seinen legendären Fußball-Song »Three Lions« und warum er immer noch glaubt, dass England gegen Argentinien gewinnen wird

von Katrin Richter  15.07.2026

Schweiz

Die gegen den Hass sprüht

Inna E. fühlt sich dem jüdischen Volk verbunden und macht gegen anti-israelische Graffitis mobil. Wenn die Behörden nicht reagieren, auch mit Farbe

von Peter Bollag  14.07.2026

Monaco

Zweitjüdischste Nation der Welt

Die kleine jüdische Gemeinschaft im Stadtstaat wächst. Immer mehr Jüdinnen und Juden entscheiden sich für das luxuriöse und sichere Fürstentum

von Mark Feldon  13.07.2026

New York

Jüdischer Vertreter kritisiert Bürgermeister Mamdani für Stadtkarte

Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in den USA hat New York eine Karte zu unterschiedlichen migrantischen Prägungen seiner Stadtteile herausgegeben. Juden wurden dabei offenbar nicht berücksichtigt

 12.07.2026