Tschechien

Masaryks Vermächnis

Besuch auf der Prager Burg: Israels Premier Benjamin Netanjahu (r.) bei seinem tschechischen Kollegen Petr Necas (Mai 2012) Foto: Flash 90

Es war strengstens abgeschirmt, was damals auf dem Militärflugplatz vor sich ging: Die Kampfjets, die sich vom böhmischen Ort Hradec Kralové aus in halsbrecherischen Manövern in den Himmel schraubten, wurden von israelischen Piloten gesteuert. Hier, in der sicheren Tschechoslowakei, lernten sie den Umgang mit den hochgerüsteten Flugzeugen – eine Fertigkeit, die sie bald darauf beim Unabhängigkeitskrieg gut einsetzen konnten. Es war das Jahr 1948, und obwohl die strikt geheime militärische Schützenhilfe der Tschechoslowaken schon so lange zurückliegt, ist sie eine der Wurzeln der besonderen Beziehungen zwischen Israel und dem Tschechien von heute.

»Tschechien schätzt den Staat Israel als seinen strategischen Partner«, bekräftigte gerade vor wenigen Wochen der Prager Premierminister Petr Necas. Neben ihm stand Benjamin Netanjahu – er war eigens zu seinem Amtskollegen gereist, um sich für die diplomatische Unterstützung zu bedanken: Tschechien hatte Ende November als einziges EU-Land auf der UN-Vollversammlung nicht zugestimmt, Palästina den Beobachterstatus einzuräumen. »Israel hat in Europa keinen besseren Partner als Tschechien«, hatte Netanjahu schon im Frühjahr verkündet. Jetzt fügte er noch den Satz hinzu, die Freundschaft werde jeden Tag stärker – Formulierungen, die weit über das diplomatische Standard-Vokabular hinausgehen.

Habsburg Wer vom Prager Regierungssitz, in dem diese Worte fielen, einen zehnminütigen Spaziergang durch die Gassen der berühmten Kleinseite unternimmt, landet im Büro von Marek Cejka. Der Politologe arbeitet im Prager Institut für Internationale Beziehungen, einem renommierten außenpolitischen Thinktank, und ist spezialisiert auf den Nahen Osten.

»Die Geschichte der guten Beziehungen geht weit in die Vergangenheit zurück, mindestens bis zur Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert«, sagt er. »Damals war die spätere Tschechoslowakei noch Teil der Habsburger Monarchie, und es herrschte in weiten Teilen der Gesellschaft ein latenter Antisemitismus.« Und der bildete den Nährboden für eine Causa, die die Einstellung im Land für immer verändern sollte.

In einem böhmischen Dorf wurde 1899 die Leiche einer jungen Frau gefunden – der Mörder hatte ihr die Kehle durchgeschnitten. Ins Visier der Ermittler geriet der jüdische Schuster Leopold Hilsner, den die Behörden eines Ritualmordes verdächtigten. Ein Gericht verurteilte ihn schließlich zum Tode.

Dass die Strafe nicht vollstreckt wurde, hatte Hilsner – dessen Unschuld später erwiesen wurde – mehreren Fürsprechern zu verdanken. Der einflussreichste von ihnen war Tomas Garrigue Masaryk, der damals an der Prager Karlsuniversität Soziologie lehrte. Für sein mutiges Einschreiten verlor er seinen Lehrauftrag. 1918 aber wurde er, gleich nach dem Zerfall der Monarchie und der Gründung der eigenständigen Tschechoslowakei, zum Präsidenten gewählt. Und mit ihm hielt eine pro-israelische Politik Einzug ins Land.

Masaryk war, obwohl selbst kein Jude, Verfechter des Zionismus. »1927 hat er als erster ausländischer Staatsmann das britische Mandatsgebiet Palästina besucht und dort wichtige Persönlichkeiten getroffen«, sagt Marek Cejka. Für ihn liegt in Masaryks Engagement die Wurzel der besonderen tschechisch-israelischen Beziehungen: »Dahinter stand sicherlich die persönliche Überzeugung Masaryks, so ähnlich wie bei Émile Zola in Frankreich während der Dreyfus-Affäre.«

Bis heute ist Masaryk für die Tschechen eine beinahe mystische Figur: Die Zeit der sogenannten Ersten Republik nach Gründung der Tschechoslowakei ab 1918 ist mit unzähligen Legenden besetzt – und Tomas Garrigue Masaryk wird als Nationalheld verehrt. Er wirkte als Vorbild; deshalb ist seine Haltung gegenüber Israel in der Gesellschaft mehrheitsfähig geworden.

Nachhall Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ausgerechnet das Ende der goldenen Zeit in den binationalen Beziehungen ebenfalls bis heute nachhallt: Das Münchner Abkommen von 1938, mit dem die großen europäischen Mächte die Tschechoslowakei dem Deutschen Reich preisgaben, ist für die Tschechen ein nationales Trauma.

Bei seinem Besuch Anfang Dezember in Prag erinnerte Benjamin Netanjahu an das Münchner Abkommen: »Darin haben die Mächte der damaligen Welt die stolze Demokratie gezwungen, ihre Lebensinteressen zu opfern. Die internationale Gemeinschaft hat dem fast ohne Ausnahme Beifall gezollt.« Die Folge sei der schlimmste Krieg der Geschichte gewesen. »Ich weiß, dass Ihr Land aus dieser Vergangenheit gelernt hat. Genauso wie mein Land, Israel. Deshalb opfert Israel nicht seine Lebensinteressen, damit die Welt Beifall klatscht«, sagte Netanjahu.

Auch wenn Historiker einwenden, dass die Situation der Tschechoslowakei damals nur sehr eingeschränkt mit der heutigen Lage Israels zu vergleichen sei, wird doch in diplomatischen Kreisen die ähnliche Erfahrung als etwas Verbindendes gewertet.

Daran konnten auch fast vier Jahrzehnte der Entfremdung nichts ändern, die später während des Kommunismus eintraten: Die Ausbildung der israelischen Kampfpiloten in Hradec Kralové und anderen Militärbasen des Landes war der letzte freundschaftliche Kontakt für lange Zeit.

»Stalin dachte ursprünglich, er könnte aus Israel ein kommunistisches Land machen. Die Pilotenschulung in der Tschechoslowakei und auch umfangreiche Waffenlieferungen trotz des Embargos sollten diese Entwicklung befördern. Als sich Israel dann aber immer stärker dem Westen annäherte, kam es zu einer rapiden Verschlechterung der Beziehungen«, sagt der Prager Nahost-Experte Marek Cejka. »Das Regime hat die sogenannten befreundeten Staaten einschließlich Palästina unterstützt, während Israel gemeinsam mit den USA als Inbegriff des Imperialismus galt.«

Diese verkürzte Weltsicht aber hatte wiederum interessante Folgen: »Viele Leute, die gegen das kommunistische Regime waren, haben sehr mit der anderen Seite sympathisiert, also auch mit Israel. Da gab es eine gewisse Romantisierung und sicherlich auch eine Vereinfachung«, sagt Cejka.

Vaclav Havel Nach der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei wurde dann Vaclav Havel Staatspräsident, ein früherer Dissident – er sollte das erste Staatsoberhaupt eines osteuropäischen Staates werden, das nach der Wende Israel besucht hat. Das war nicht zuletzt auch eine protokollarische Verbeugung vor seinem großen Amtsvorgänger Tomas Garrigue Masaryk.

Die positive Haltung zu Israel schlägt sich auch in der öffentlichen Meinung nieder: Die meisten Tschechen stehen Israel mit großer Sympathie gegenüber. Anti-israelische Initiativen gibt es zwar auch, aber die haben nur geringen Zulauf – weitaus weniger jedenfalls als in vielen westeuropäischen Ländern.

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