USA

Kopfschütteln über Germany

Routine: Eine Krankenschwester in einer Klinik in Denver bereitet ein Neugeborenes für die Beschneidung vor. Foto: ddp

Der barbarische und mittelalterliche Brauch, Jungen nach der Geburt unbeschnitten zu lassen, wird in Amerika schon seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gepflegt. Damals ließen Tausende GIs, die in Nordafrika stationiert waren, es an der Genitalhygiene mangeln und erkrankten an schmerzhaften Leiden wie Vorhautverengung. Amerikanische Ärzte verfügten daraufhin, dass routinemäßig Beschneidungen vorgenommen werden sollten.

Jede medizinische Studie bestätigt seither, dass diese Entscheidung richtig war. Die Vorhaut dient offenbar einem schützenden Zweck, solange der männliche Fötus im Mutterleib heranwächst. Nach der Geburt wird die Vorhaut überflüssig. Sie ist nichts weiter als ein Hautfetzen, unter dem Viren und Bakterien ausgebrütet werden. Das Risiko für heterosexuelle Männer, sich mit Aids zu infizieren, sinkt durch Beschneidungen um mehr als 50 Prozent. In Afrika lassen sich Ärzte mittlerweile von israelischen Wissenschaftlern ausbilden, um diese so einfache wie kostengünstige Prozedur auszuführen.

grinsen In Amerika, wo nicht nur Juden und Muslime, sondern beinahe alle Männer beschnitten sind, ist eine Debatte, wie sie derzeit in Deutschland geführt wird, kaum denkbar. Die Behauptung, dass die Beschneidung männlicher Säuglinge eine Verstümmelung sei, ruft in den USA kein beifälliges Kopfnicken, sondern Grinsen hervor. Und wenn jemand die Beschneidung von Jungen mit der von Frauen auf eine Stufe stellt, wird er ausgelacht.

Gewiss, auch in den Vereinigten Staaten hat sich im vergangenen Jahrzehnt eine Bewegung gegen die Beschneidung von Jungen formiert. Aber diese Bewegung, deren Zentrum in San Francisco liegt, ist eher laut als stark. In Krankenhäusern ist es immer noch üblich, dass Mütter ihre Söhne gleich nach der Geburt dem Arzt übergeben, damit er die kleine Operation an ihnen vornimmt.

Entsprechend fallen die Reaktionen auf das Urteil des Kölner Landgerichts aus, das jetzt die religiöse Beschneidung verboten hat. Walter Russell Mead – er ist weder Jude noch Muslim, sondern ein religiöser Protestant und außerdem ein führender Experte für Außenpolitik – schrieb auf seinem vielgelesenen Blog: »Wenn man die Beschneidung verbietet, macht man es im Grunde unmöglich, in Deutschland die jüdische Religion zu praktizieren; es ist nun wieder ein Verbrechen, im Reich ein Jude zu sein.« Mead beendet seinen Blogeintrag mit einem sardonischen Vorschlag: »Vielleicht könnten jene, die der kriminellen Beschneidung überführt wurden, gezwungen werden, einen gelben Stern zu tragen?«

Judenfeindschaft Vehementen Widerspruch erntete Mead von Andrew Sullivan, einem britischen Journalisten, der schon seit Langem in Amerika lebt. Sullivan ist offen schwul, außerdem katholisch, und er bezeichnet sich selbst als konservativ. Wegen seiner Äußerungen über Israel hat Leon Wieseltier, der Literaturredakteur der Zeitschrift »The New Republic«, ihm Judenfeindschaft vorgeworfen, ein Vorwurf, den Sullivan naturgemäß abstreitet.

In seiner Reaktion auf Russell Mead schrieb Andrew Sullivan jetzt: Für ihn sei es vollkommen klar, dass die Beschneidung ein Akt der Verstümmelung sei. »Würde es nicht aus religiösen Gründen getan, wäre es verboten. Und ich sehe nicht ein, dass es rassistisch oder intolerant sein soll, diese Verstümmelung für Jungen so illegal zu machen, wie sie es schon jetzt für Mädchen ist. Die religiöse Freiheit, um die es hier geht, ist offenkundig nicht jene des Kindes. Wenn der Junge möchte, kann er seine Genitalien ja zum Zeichen seines religiösen Bekenntnisses später verstümmeln lassen.«

Chuck Lane, ein ehemaliger Kollege von Sullivan, der mittlerweile für die Washington Post arbeitet, wollte dies nicht so stehen lassen. »Das erstaunlichste Kettenglied in der Argumentation des Kölner Richters«, schrieb er, »war seine Behauptung, dass die Beschneidung, weil sie dauerhaft und nicht wieder rückgängig zu machen sei, die Möglichkeit des Kindes einschränke, später selbst zu entscheiden, welcher Religion es sich anschließen wolle. Ich weiß von keiner Glaubensrichtung, die beschnittene Konvertiten nicht annimmt; vielleicht gibt es solche Religionen in Deutschland.«

Chuck Lane bemerkt außerdem einen sehr unangenehmen Geruch bei den Äußerungen, die jenes Urteil in Deutschland begleiten. Der Passauer Strafrechtler Holm Putzke, der seit Jahren Aufsätze gegen die Beschneidung schreibt, habe gesagt: Sobald die reflexhafte Empörung sich gelegt habe, werde vielleicht eine Debatte darüber beginnen, wie viel religiös motivierte Gewalt gegen Kinder eine Gesellschaft zu tolerieren vermag. Chuck Lane dazu: »Juden und Muslime stimmen ihre Götter gnädig, indem sie ihren Kindern Gewalt antun. Da ziehe ich doch beinahe die ältere Version der Ritualmordpropaganda vor.«

toleranz Noch einmal Walter Russell Mead: »Toleranz bedeutet nicht nur, dass man Leuten erlaubt, die Dinge zu tun, die man selbst mag. Es bedeutet auch, ihnen zu erlauben, dass sie Dinge tun, die man nicht mag, wenn diese Dinge für ihre Identität und Weltsicht zentral sind.« Das Kölner Gerichtsurteil erinnert Russell Mead an den christlichen Antisemitismus des Mittelalters: »Die Mehrheit hatte einen ethischen Maßstab, die Juden hatten einen anderen; die Mehrheit interpretierte diesen Gegensatz als ›böse‹ und machte es den Juden unmöglich, ein normales jüdisches Leben zu führen – im Namen ›universaler‹ moralischer Werte.«

Keiner der amerikanischen Blogger und Kommentatoren hat bisher auf etwas ganz Fundamentales hingewiesen: Jede jüdische oder muslimische Familie, die von dem Kölner Urteil betroffen ist, kann von nun an mit Fug und Recht behaupten, sie sei Opfer religiöser Verfolgung. Damit qualifizieren sich alle Betroffenen für eine Greencard, jenes begehrte Plastikkärtchen, das seinen Inhaber berechtigt, in den USA unbegrenzt zu leben und zu arbeiten. Es dürfte genügen, sich beim nächsten amerikanischen Konsulat zu melden und auf das entsprechende Gerichtsurteil zu verweisen.

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