Dänemark

Kein Hygge für Juden

Alles nur israelische Propaganda. Und sowieso ist Israel an allem selbst schuld – so lässt sich zusammenfassen, was der Hamas-Funktionär Osama Hamdan in einem jüngst ausgestrahlten 45-Minuten-Interview mit dem staatlichen dänischen Fernsehsender TV2 weitgehend unwidersprochen verbreiten konnte. Hamdans Abspulen von Lügen und Indoktrination über den Terror am 7. Oktober 2023 wurde dabei nur gelegentlich von einer halbwegs kritischen Frage gestört.

In der öffentlichen Diskussion, die dem Interview folgte, ging es um diverse Punkte wie die Medienverantwortung und die Grenzen von Berichterstattung, aber auch darum, ob sich die Hamas mit dem Auftritt nicht vielleicht selbst entlarvt habe. Hamdan habe schließlich eine Zweistaatenlösung grundsätzlich mit den Worten abgelehnt, »jeder ist willkommen, in einem palästinensischen Staat zu leben«, den es auf dem Gebiet Israels irgendwann einmal geben werde.

Gleiche Rechte für Frauen und Homosexuelle

Auf die Nachfrage, ob es in diesem palästinensischen Staat dann auch gleiche Rechte für Frauen und Homosexuelle geben werde, blockte Hamdan unumwunden ab. Dies könne und wolle er nicht beantworten. Er bestehe aber »darauf, dass dies unser Land und unsere Rechte sind«.

Worüber nicht diskutiert wurde, war die Frage, wie das Interview des öffentlich-rechtlichen Senders mit einem Drahtzieher des Terrors gegen Israel auf die rund 6000 Juden in Dänemark gewirkt haben könnte. Und vor allem, ob so eine Bühne den Hass auf Juden nicht weiter anstacheln werde.

Auch in Dänemark ist Antisemitismus schließlich ein zunehmendes Problem. Im vergangenen Jahr registrierte die Dachorganisation der dänischen jüdischen Gemeinden, Det Jødiske Samfund, 121 antisemitische Vorfälle. Das ist die höchste Anzahl seit dem Beginn der systematischen Erfassung von Straftaten mit dem Motiv Judenhass im Jahr 2012.

2023 waren in 17 Fällen jüdische Kinder und Jugendliche betroffen, ein Junge war in den Toilettenräumen seiner Schule von einem Klassenkameraden gegen eine Wand gedrückt worden, während ihm gedroht wurde, dass er sterben müsse, weil er Jude sei. Ein anderes Kind fand an seinem Pult eingeritzte Hakenkreuze vor, die Täter waren zwei Mitschüler.

»Juden sind die am stärksten gefährdete religiöse und kulturelle Minderheit in Dänemark.«

Frederik Vard

Dänemark sieht sich gern als weltoffenes, tolerantes Land. Die international fast schon sprichwörtlich gewordene dänische Hygge (obwohl das Wort eigentlich aus dem Norwegischen kommt und so viel wie entspannte, gemütliche Stimmung bedeutet) bezieht allerdings jüdische Dänen offensichtlich nicht automatisch mit ein: »Hierzulande werden die Ängste von Juden und das Niveau der Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind, relativiert«, sagte der Folketing-Abgeordnete Frederik Vard im November 2023 gegenüber der News-Website »Altinget« und beschrieb ein auch in Deutschland seit dem 7. Oktober alltägliches Phänomen: »Juden, die ihre Trauer zeigen wollen, wird oft gesagt, dass sie das nur tun dürfen, wenn sie gleichzeitig das Leid von Muslimen und Palästinensern anerkennen.« Juden, so Vard weiter, seien die am stärksten gefährdete religiöse und kulturelle Minderheit in Dänemark.

Seitdem Vard nach dem 7. Oktober zu einem der Politiker wurde, die sich besonders vehement gegen Antisemitismus äußern, wurde er immer wieder von Juden angesprochen, die ihm von ihren Erfahrungen berichteten. Viele, so erfuhr er, versteckten ihr Jüdischsein in der Öffentlichkeit: »Sie sprechen über einen jüdischen Alltag, der einem Leben im Untergrund gleichkommt, einem Alltag, den Herr und Frau Durchschnittsdäne nur schwer begreifen können.«

»Alle Versuche, Antisemitismus zu bekämpfen, waren ein Fiasko«

Judenhass gebe es seit mehr als 2000 Jahren, hatte Henry Goldstein, Vorsitzender des Jødiske Samfund, im November anlässlich seiner Rede zum Gedenken an die Pogromnacht des 9. November 1938 gesagt und ein bitteres Fazit gezogen: »Alle Versuche, Antisemitismus zu bekämpfen, waren ein Fiasko.« Gleichwohl müsse weiter versucht werden, gegen die »weltweit älteste Form der Diskriminierung vorzugehen«.

Das scheint die dänische Regierung ähnlich zu sehen. Das seit 2022 existierende Programm zur Bekämpfung von Antisemitismus, an dessen Umsetzung sieben Ministerien beteiligt sind, soll weiter ausgebaut werden. Bis sich Erfolge zeigen, werde es dauern, das weiß auch Henry Goldstein. Bis dahin gilt für ihn das, was er einen Tag nach dem Angriff des Iran auf Israel in der Nacht vom 13. auf den 14. April gesagt hat: »Jedes Mal, wenn es im Nahen Osten Probleme gibt, mache ich mir Sorgen um die Juden in Dänemark – sowohl um diejenigen, die Kippa und Davidsterne tragen, als auch um die, die das nicht tun.«

Zürich / Washington

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