Griechenland

Katastrophale Bedingungen

Eine Familie mit selbst gemachten Schutzmasken vor ihrem Zelt im Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos Foto: Getty Images

Auf rund 60.000 wird die Zahl der Flüchtlinge geschätzt, die momentan unter schwierigen Bedingungen in Griechenland auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge warten. Die meisten von ihnen sind aus Syrien, dem Irak und Afghanistan nach Europa gekommen.

Allein im größten Lager, in Moria auf der Insel Lesbos, leben rund 20.000 Geflüchtete unter äußerst schlechten hygienischen Bedingungen. Mit der türkischen Entscheidung Ende Februar, die Grenze zu Griechenland zu öffnen, sowie infolge der Corona-Krise hat sich das Problem in den vergangenen Wochen nochmals dramatisch verschärft.

Notbehausungen Ursprünglich war das Containerdorf in Moria nur für knapp 3000 Menschen ausgelegt. Seit Jahren aber stehen Zelte und andere Notbehausungen auch in den umliegenden Olivenhainen.

Wegen der Überfüllung müssen die dort untergebrachten Menschen oft stundenlang anstehen, um Zugang zu den wenigen Duschen und Toiletten zu bekommen.

Nach Aussagen der medizinischen Koordinatorin der Organisation Ärzte ohne Grenzen, Hilde Vochten, gibt es im Lager keine Seife zum Händewaschen und nur ein Waschbecken pro 1300 Bewohner. Der Vertreter des UN-Flüchtlingskommissars in Deutschland, Frank Remus, hatte die Zustände in Moria jüngst als »unmenschlich« bezeichnet.

Geschichte Eine der zahlreichen Organisationen, die Geflüchtete in Moria und anderen Flüchtlingszentren in Griechenland betreuen, ist das Hilfswerk HIAS. Das Kürzel stand ursprünglich für Hebrew Immigrant Aid Society. Die Organisation wurde 1881 in den USA ins Leben gerufen, um den dort ankommenden jüdischen Einwanderern die ersten Wochen in ihrer neuen Heimat zu erleichtern und die bürokratischen Hindernisse zu bewältigen.

Seit gut 20 Jahren hilft HIAS allen Geflüchteten, unabhängig von ihrer Religion. In Griechenland geschieht dies in erster Linie durch Rechtsberatung.

Nach dem Holocaust betreute HIAS dann Hundertausende Displaced Persons in Europa. Später half die Organisation Juden bei der Ausreise aus der Sowjetunion und anderen Ländern des Ostblocks.

Seit gut 20 Jahren hilft HIAS allen Geflüchteten, unabhängig von ihrer Religion. In Griechenland geschieht dies in erster Linie durch Rechtsberatung.

Als die Türkei Ende Februar plötzlich die Grenze zum griechischen Nachbarn öffnete, reagierte die Regierung in Athen hart: Den rund 3000 Flüchtlingen, die im März von dort ins Land kamen, wurde das Recht verweigert, überhaupt einen Asylantrag zu stellen.

Neuankömmlinge Die meisten wurden verhaftet und rund 200 sogar in Schnellverfahren zu Haftstrafen von drei bis vier Jahren verurteilt. Die meisten Neuankömmlinge seien sofort in geschlossene Lager eingewiesen worden, berichtet HIAS-Mitarbeiter Levani Talakhadze.

Einige andere habe man vor Lesbos vorübergehend sogar auf einem Kriegsschiff untergebracht. »Wir wissen, dass in dieser Gruppe auch viele unbegleitete Kinder und sogar eine hochschwangere Frau waren. Drei Personen litten unter Nierenproblemen, darunter ein 13-jähriges Mädchen«, so Talakhadze.

Sechs Juristen seien für seine Organisation in Griechenland beratend im Einsatz, fünf von ihnen auf Lesbos, sagt der HIAS-Mitarbeiter. Die Asylverfahren der Geflüchteten dauerten meist zwei bis drei Jahre. Für HIAS sei es wichtig, dass die Rechte und die Würde dieser Menschen respektiert würden.

Rechtsbeistand Dabei gehe es, so Talakhadze, nicht nur um Unterstützung bei den Asylanträgen oder der Versorgung. HIAS übernehme auch den Rechtsbeistand für Geflüchtete bei Straf- und Zivilverfahren vor griechischen Gerichten. In einem Sammelverfahren habe man erfolgreich den Freispruch von 108 Personen erreicht.

Auch Eheschließungen von Asylbewerbern sind mittlerweile dank eines von HIAS angestrengten Verfahrens in Griechenland möglich. Die Organisation konnte auch drei Männern helfen, denen verweigert worden war, bei einem griechischen Fußballklub zu spielen.

Wegen Corona hat HIAS einige Hilfsaktivitäten in den virtuellen Raum verlegt.

Thema Nummer eins in Griechenland ist momentan – wie anderswo auch – das Coronavirus. Im Flüchtlingslager Ritsona in der Nähe von Athen wurden Anfang April gleich 20 Bewohner positiv auf den Covid-19-Erreger getestet, obwohl keiner von ihnen bislang Symptome der Krankheit gezeigt hatte. Daraufhin wurde das gesamte Camp für zwei Wochen abgeriegelt, der Zugang ist nur noch medizinischem Personal gestattet.

lockdown Die Lager auf der Insel Lesbos und den vier anderen Inseln in der Ägäis, wo zwei Drittel der Flüchtlinge untergebracht sind, waren dagegen bis dato noch von der Corona-Epidemie verschont.

Trotzdem sind die dort tätigen Hilfsorganisationen sehr besorgt, denn die sanitären Bedingungen auf den Inseln seien weitaus schlechter als in Ritsona und könnten sich durch einen Lockdown, also eine weitgehende Abriegelung, noch verschlimmern.

Nicht nur Levani Talakhadze und seine Kollegen bei HIAS hoffen deshalb, dass die griechische Regierung ihre harte Politik der vergangenen Wochen aufgibt und stattdessen die medizinische und humanitäre Versorgung der Geflüchteten verbessert. Die Menschen müssten notfalls von dort an sichere Orte verlegt werden, fordern HIAS und andere Organisationen in einem Appell an die Regierung in Athen.

Aktivitäten Wegen der Corona-Krise musste auch das jüdische Hilfswerk seine Arbeit in der Flüchtlingshilfe umstellen. Einige Aktivitäten wurden ganz gestrichen, andere in den virtuellen Raum verlegt. »Wir versuchen gerade, unsere Dienste aus der Ferne anzubieten, zum Beispiel die Einzelberatung für Flüchtlinge«, erklärt Ilan Cohn, der Leiter des neuen HIAS-Verbindungsbüros in Brüssel, das im vergangenen Herbst eröffnet wurde. Auch über Corona-Vorbeugemaßnahmen informiert HIAS.

Aus der eigenen Geschichte heraus verstünden Juden die Gefahren, denen Flüchtlinge in Zeiten von Pandemien ausgesetzt seien, sagt Cohn und verweist auf das Mittelalter, als Juden die Schuld an der Verbreitung der Pest gegeben wurde.

Gegen Hasskriminalität in jedweder Form geht HIAS juristisch vor – auch in Griechenland. »Unser Ziel ist es, dass rassistische Verbrechen nicht einfach hingenommen werden, sondern dass die Gerechtigkeit siegt«, sagt Levani Talakhadze.

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