Tschechien

Im Versteck der Zeit

Der Drahtzaun war rostig, und einen Moment lang überlegte Michal Doležel, ob er sich von dem Warnschild abhalten lassen sollte. »Vorsicht, Hund« stand auf Tschechisch darauf. Doležel schaute über den Zaun auf die alte Villa, er achtete nicht auf die schmutzige Fassade und die uralten Fenster, sondern sah den markanten runden Turm im Vordergrund, die funktionalistischen Formen, die auch nach fast einem Jahrhundert modern wirken. »Und dann bin ich einfach in den Garten rein«, sagt Doležel, »die Neugier hat gewonnen.«

Doležel ist Hobby-Historiker, er interessiert sich für alte Villen in der zweitgrößten tschechischen Stadt Brünn, für ihre Baugeschichte und vor allem für ihre früheren Bewohner. Und was er hier auf dem Hügel hoch über der Stadt entdeckte, als er das unverschlossene Gartentor öffnete, verschlug ihm den Atem: Niemand hat sich offenbar über all die Jahre an der Villa versündigt, keine lieblosen Improvisationen und Reparaturen haben die ursprünglichen Formen verschandelt, wie es sonst häufig in den Jahren des Kommunismus geschah. Und erst der Garten, der sich hinter dem Haus öffnete: riesig groß, und unter den wuchernden Büschen und Sträuchern zeichnete sich noch die Gartenarchitektur ab, wie sie zur Entstehungszeit angelegt worden war.

Niemand hat sich an der Villa versündigt, keine lieblosen Reparaturen
zerstören die Formen.

Selbst der Swimmingpool aus den 30er-Jahren, meisterhaft integriert in die Landschaft aus Hecken und Sandsteinstufen, war noch da, auf der Wasserfläche schwamm in dicker Schicht das Herbstlaub des vergangenen Jahres. Und über der Terrassentür, die von der Gartenseite ins Haus führt, prangte schmiedeeisern, in verschnörkelter Schrift, der Buchstabe W – ein letzter Hinweis auf die jüdische Familie Wittal, die das Haus einst errichten ließ.

Die Panoramascheiben lassen den Blick auf drei Seiten über den Garten schweifen

Sechs Jahre ist diese erste Expedition in den Garten der Villa her. Jetzt sitzt Michal Doležel im Wintergarten des Hauses und zeigt auf die Panoramascheiben, die den Blick auf drei Seiten über den Garten schweifen lassen und weiter über die hügelige Landschaft. »Ist das nicht ein herrlicher Ort«, ruft er, und es ist keine Frage, sondern eine Feststellung. An der Wand hat er ein Schwarz-Weiß-Foto auf Plakatgröße anbringen lassen, eines der wenigen erhaltenen Fotos aus der Entstehungszeit der Villa: Es zeigt ebenfalls den Wintergarten, in ihm steht der gleiche Holztisch mit seinem glänzenden Klavierlack, an dem Doležel jetzt sitzt. Auf den Fensterbrettern stehen die gleichen Pflanzen, das gleiche Wasserbecken.

Zumindest hier, in diesem einen Raum, sieht es noch so aus wie an jenem 28. Januar 1942, als die Wittals nach Theresienstadt deportiert wurden.

Brünn ist eine wohlhabende Stadt, gelegen auf halber Strecke zwischen Prag und Wien. Heute sind es Hightech-Unternehmen, Start-ups und die renommierte Universität, die Brünn zum Anziehungspunkt für Talente aus aller Welt machen. Damals, vor der Schoa, war es vor allem die Textilindustrie. Sie machte die Stadt reich, und auch ihre Bewohner. Die Löw-Beers zum Beispiel, jüdische Textilfabrikanten, genauso wie die Tugendhats.

Der Familie Tugendhat verdankt Brünn sogar seinen Unesco-Weltkulturerbestatus: Ihre Villa ließen sie von Ludwig Mies van der Rohe erbauen, ein gewaltiges Gesamtkunstwerk voller ästhetischer und technischer Raffinessen, in das die Erbauer ein Vermögen investierten. Auch die Arnolds ließen hier eine Villa bauen, ebenfalls jüdische Brünner, und die Stiassnis sogar ein regelrechtes Schloss mit einem Landschaftspark ringsum. Alle diese Villen sind heute zugänglich und locken Architekturliebhaber aus der ganzen Welt nach Brünn.

Die Wittals gründeten 1904 die »Erste Brünner Schürzen-, Blusen- und Röckeerzeugung«

Wenn es nach Michal Doležel geht, kommt jetzt auch die Villa Wittal dazu. Sie ist bescheidener als die prachtvollen Anwesen der Stiassnis, der Löw-Beers und der Tugendhats, aber auch sie verkörpert ein Stück Stadtgeschichte. Kaufleute waren die Wittals, sie gründeten 1904 die »Erste Brünner Schürzen-, Blusen- und Röckeerzeugung«. Als sie 1932 das Grundstück für ihre Villa kauften, waren Johann und Friederike Wittal schon über 50 Jahre alt, den Bau vertrauten sie dem Architekten Heinrich Blum an.

Der muss einen aufgeschlossenen Geist gehabt haben: Am Beginn seiner Karriere baute er recht traditionelle Häuser, um sich dann radikal dem Funktionalismus zuzuwenden. Die Villa Wittal war sein erstes Haus in diesem modernen Stil, passend zugeschnitten auf die Wittals – mit einer großen Wohnung im Erdgeschoss und einer exakt gleich geschnittenen Einheit im ersten Stock für die erwachsene Tochter, dazu Räume für das Automobil und die Bediensteten. Ein paar Monate nur dauerte der Bau, aber trotzdem war den Wittals ihr kleines Paradies nicht lange vergönnt: 1939 wurden sie enteignet, die Villa rissen sich zunächst Nazi-Funktionäre unter den Nagel und später, nach dem Weltkrieg, die Statthalter der Kommunisten.

»Als ich auf die Villa stieß«, sagt Michal Doležel, der junge Architektur-Enthusiast, »war sie von ganz normalen Mietern bewohnt.« Drei Einheiten, drei Familien. Vermieterin war die Stadt Brünn, der das Haus inzwischen gehört; investiert wurde seit Jahrzehnten nichts mehr. Im ersten Stock haben die Bewohner billigen Kunststoffboden auf das Parkett geklebt und die hellen Räume mit zusätzlichen Wänden in verwinkelte Kammern verwandelt.

Aus Kanada und den USA reisten sie an, zum ersten Mal betraten sie den
Stammsitz der Familie.

Den Hund, vor dem das Schild am Zaun warnte, gab es übrigens tatsächlich – »das war ein Boxer, der wollte aber eher spielen und Freundschaft schließen, als das Haus verteidigen«, erinnert sich Michal Doležel und schmunzelt. Ihn selbst ließ die Villa nicht los: Als 2022 die Mietverträge ausliefen und die Stadt das Haus verkaufen wollte, setzte er durch, dass die Villa dem Museum der Stadt zufiel – jener Institution, die auch die anderen berühmten Brünner Villen verwaltet und zugänglich macht.

Das Festival »Štetl«: eine Woche voller jüdischer Kultur, jüdischer Themen im Spätsommer

Kurz darauf kam Eva Yildizová zum ersten Mal in die Villa Wittal. Sie ist Mitglied der jüdischen Gemeinde in Brünn, kennt die Kulturszene der Stadt in- und auswendig – und dass sie vor guten Ideen nur so sprudelt, merkt jeder, der sie trifft. Das Festival »Štetl« war so eine Idee: eine Woche voller jüdischer Kultur, jüdischer Themen, veranstaltet stets im Spätsommer in Brünn. 2022 war der erste Jahrgang, und im Jahr darauf lud sie zusammen mit den anderen Organisatoren die Nachfahren der Familie Wittal nach Brünn ein.

Aus Kanada und aus den USA reisten sie an, zum ersten Mal betraten sie den einstigen Stammsitz der Familie, schauten auf die bröckelnden Wände und erzählten aus ihrer Familiengeschichte. »Beim Festival geht es uns um eine Rückkehr nach Brünn, das ist unser roter Faden«, erläutert Eva Yildizová: nicht nur erinnern an das, was einst jüdisch war in der Stadt, sondern die Familien wieder zurückbringen, sie einbinden in das Geschehen der Stadt, ihre Geschichten erzählen für alle diejenigen, die heute in Brünn leben.

»Wir wollen bei unserem Festival historische Themen mit der Gegenwart verknüpfen«, erzählt Yildizová. In diesem Jahr geht es um den 80. Jahrestag des Kriegsendes – und die Kriege von heute. Und es geht um das jüdische Leben, es gibt Konzerte, Ausstellungen, Führungen, Diskussionen; rund 130 einzelne Veranstaltungen an fünf Tagen vom 27. bis zum 31. August. Die Villen der einstigen jüdischen Brünner Familien spielen dabei eine tragende Rolle: als Austragungsort, aber auch als Gegenstand von Führungen und Ausstellungen.

Diese Mischung aus Geschichte, Lokalkolorit, Kultur und Versöhnung, die Yildizová in dem Programm pflegt, hat ein kleines Wunder vollbracht: Innerhalb weniger Jahre ist das »Štetl« zum größten jüdischen Festival in Mitteleuropa geworden, und es strahlt weit über die Region hinaus aus.

Ab Herbst soll die Villa mehrere Jahre lang aufwendig renoviert werden

An genau der Stelle kreuzt sich bald das Schicksal der Villa Wittal mit dem des Festivals: Ab Herbst, wenn das diesjährige Festival beendet ist, soll die Villa mehrere Jahre lang aufwendig renoviert werden. Und danach wird hier das Herz des Festivals schlagen, die Zentrale soll hierher verlegt werden. »Im Erdgeschoss, wo Johann und Friederike Wittal gelebt haben, möchten wir ein Museum einrichten«, sagt Eva Yildizová. »Aber kein Museum, das man ehrfürchtig anschaut. Man soll Platz nehmen, einen Kaffee trinken können und sich hineinversetzen in das Leben hier im Haus.« In den oberen Stock soll die Bibliothek der jüdischen Gemeinde einziehen, es sollen Workshops und Kochkurse zur traditionellen koscheren Küche stattfinden.

Michal Doležel, der Entdecker der Villa, freut sich schon auf den Tag der Eröffnung. Auch er ist eingebunden in das Štetl-Festival, ist einer der Mit-Organisatoren – und wird auch in diesem Jahr eine Führung durch die Villa Wittal anbieten, das letzte Mal, bevor die Handwerker anrücken. Das Schild »Vorsicht, Hund« hat er ohnehin schon lange vom Zaun abgeschraubt.

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