Irak

Humor als Waffe

Entführt und gefoltert: Elizabeth Tsurkov Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Elizabeth Tsurkov war für Feldforschungen in den Irak gekommen. Doch ihr Aufenthalt verlief anders als geplant. 903 Tage musste die Politikwissenschaftlerin in der Gewalt der pro-iranischen Terrormiliz Kataib Hisbollah verbringen, die sie nahe Bagdad entführt hatte. Im September 2025 wurde sie endlich freigelassen – US-Präsident Donald Trump hatte massiven Druck ausgeübt.

In einem Beitrag für das amerikanische Nachrichtenmagazin »The Atlantic« berichtet die 1986 in der Sowjetunion im damaligen Leningrad geborene Doktorandin an der Princeton University im US-Bundesstaat New Jersey erstmals mit eigenen Worten über ihre lange Zeit in der Geiselhaft. Aufgrund ihrer Verbindung zu einer prestigeträchtigen amerikanischen Universität wurde sie von der Miliz offenbar als wertvolles Pfand betrachtet. Was die Entführer aber nicht wussten: Tsurkov besitzt nicht nur die russische, sondern auch die israelische Staatsbürgerschaft.

Seltsame Mischung aus Paranoia und Unwissenheit

Schon in den ersten Momenten sei der Forscherin klar geworden, dass ihre Geiselnehmer sich durch eine seltsame Mischung aus Paranoia und Unwissenheit auszeichneten, schreibt sie. »Das Problem, mit dem ich konfrontiert war, bestand darin, dass meine Verhöre auf der Annahme beruhten, dass unzählige ausländische Spione durch die Straßen des Irak streifen und alle Ausländer im Irak Spione seien.«

Vermummte Männer hätten sogar ihren Mundbereich nach Ortungsgeräten abgesucht und dabei ihre weißen Zahnfüllungen besonders argwöhnisch betrachtet. Die Entführer hätten wohl nur die früher üblichen Amalgam-Füllungen gekannt, so Tsurkov. Die Milizionäre seien intellektuell völlig überfordert gewesen, jedoch durchaus versiert in der Anwendung von Gewalt.

Sie schlugen ihr derart brutal ins Gesicht, dass Tsurkov wochenlang auf einem Ohr taub wurde.

So schlugen sie ihr derart brutal ins Gesicht, dass Tsurkov wochenlang auf einem Ohr taub wurde. Besonders grausam war die Anwendung einer als »Skorpion« bezeichneten Foltertechnik. Dabei fesselt man einer Person die Arme hinter dem Rücken überkreuzt, was dazu führt, dass die Finger nicht mehr durchblutet werden. Zudem wurde sie mit Stromstößen auf ihre Handschellen traktiert. Tsurkov leidet bis heute an Nervenschäden und schweren Bandscheibenvorfällen. In Momenten extremer Qual habe sie an ihre Eltern gedacht, die beide als Dissidenten in der Sowjetunion ebenfalls verfolgt wurden – Tsurkovs Vater war einige Zeit in einem sibirischen Arbeitslager interniert.

Die Verhöre, die ein Kommandeur namens Maher durchführte, spiegelten die tiefe Überzeugung der Miliz wider, wonach fast jeder westliche Ausländer im Irak ein Agent des Mossad oder der CIA sein müsse. Um die Torturen zu beenden, passte Tsurkov ihre Erzählungen in manchen Momenten dem verschwörungstheoretischen Weltbild der Miliz an.

Absurde Vorstellungen ihrer Entführer

So »gestand« sie, gleichzeitig für die CIA und den Mossad zu arbeiten, und erfand eine angebliche zweiwöchige Ausbildung, die den absurden Vorstellungen ihrer Entführer entsprach, die etwa die sunnitische Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS) für eine Schöpfung Israels und der Vereinigten Staaten hielten. Diese Strategie funktionierte, da die Milizionäre jede Information bereitwillig geglaubt hätten, weil sie ihr tiefes Misstrauen gegenüber dem Westen bestätigt habe, berichtet Tsurkov.

Dass sie auch israelische Staatsbürgerin ist, blieb anfangs ihr Geheimnis – schließlich war sie mit ihrem russischen Pass in den Irak eingereist. Erst gegen Ende ihrer Haft, in einer anderen Einrichtung, offenbarte sie gegenüber einem iranischen Offizier die Wahrheit: Ihre Geständnisse seien allesamt unter Folter abgepresste Lügen gewesen.

Geholfen in dieser schwierigen Zeit habe ihr Sinn für Humor, denn, so Elizabeth Tsurkov: »Humor ist eine Waffe, die selbst die Schwächsten einsetzen können, um die herrschende Autorität zu untergraben, ihre einschüchternde Wirkung zu brechen und die eigene Moral zu stärken. Repressive Regime fürchten Spott, weil sie es hassen, wenn ihre Inkompetenz und Ignoranz offenbart werden.«

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