Rom

Goethe, Gucci, Miete – Streit um historisches Kaffeehaus

Das über 260 Jahre alte »Caffè Greco« nahe der spanischen Treppe in Rom. Foto: picture alliance/dpa

In Rom mangelt es nicht an geschichtsträchtigen Orten. Doch im Antico Caffè Greco, angeblich dem ältesten Kaffeehaus der Stadt, verdichten sich Geschichte, Kunst und Literatur. Seit Anfang August sind die Türen verriegelt. Offiziell wegen Ferien, in Wahrheit aber steht die Zwangsräumung bevor. Am 1. September soll vorerst Schluss sein.

Noch vor Kurzem lockte das Greco Besucher an, die sich von seiner Geschichte verzaubern ließen. Die Terrasse, die heute verwaist wirkt, war einst belebt von Touristen, die auf die Spanische Treppe blickten. Auch wohlhabende Kunden mit Einkaufstüten aus den Boutiquen der Via dei Condotti, einer der edelsten Einkaufsstraßen Europas, kehrten hier ein. So wurde das Café zu einer Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

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Schon der Dichter Johann Wolfgang von Goethe war hier mit seinem Freund, dem Maler Johann Tischbein, zu Gast. Der Schriftsteller Giacomo Casanova kehrte ein, und auch der Komponist Franz Liszt sowie der Philosoph Arthur Schopenhauer zählten zu seinen Gästen. Gedanken wurden hier nicht nur ausgetauscht, sondern auch geboren. So schrieb Nikolai Gogol im Greco seinen Roman »Die Toten Seelen«. Von Papst Leo XIII. bis hin zu Filmstar Sophia Loren und Regisseur Federico Fellini blieben Glanz, Glamour und Geschichte erhalten. 

Streit um Miete und Zukunft

Seit 2017 schwelt ein Konflikt mit dem Eigentümer, dem Israelitischen Krankenhaus von Rom. Damals lief der Mietvertrag aus. Nach Angaben der Betreiber, des Ehepaars Carlo Pellegrini und Flavia Iozzi, sollte die monatliche Miete von 22.000 auf 120.000 Euro steigen. Das Krankenhaus verweist auf den hohen Marktwert der Gebäude an der Via dei Condotti.

Das Krankenhaus betonte jedoch mehrfach, dass das Café nicht verschwinden werde. Zwar sei mit den bisherigen Betreibern keine Einigung möglich gewesen, doch solle das traditionsreiche Lokal von neuen Geschäftsführern weitergeführt werden – mit Respekt vor seinem historischen Charakter. Zugleich machte das Krankenhaus deutlich, dass es als gemeinnützige Einrichtung handelt: Die Einnahmen aus seinen Immobilien würden seit jeher vollständig in die öffentliche Gesundheitsversorgung fließen. Deshalb strebe man eine marktgerechte Miete an, um die Versorgung aller Bürger zu sichern.

Die Betreiber klagten gegen die Kündigung – und verloren in allen Instanzen. Der Räumungsbefehl wurde vom Kassationsgerichtshof bestätigt. Doch die Vollstreckung wurde immer wieder verschoben. Zuletzt griff am 20. Februar die staatliche Rechtsvertretung (Avvocatura di Stato) ein und setzte die Zwangsräumung zunächst auf den 29. Juli, dann auf den 1. September fest – mit Verweis auf den historischen Wert des Cafés und in der Hoffnung, eine Lösung zu finden.

Zwischen Denkmalschutz und verschwundenen Möbeln

Die Betreiber wiederum verweisen auf den Denkmalschutz. Schon 1953 und erneut 2024 erklärten entsprechende Dekrete Gebäude und Ausstattung zu einer untrennbaren Einheit. An den Türen des Cafés hängt inzwischen eine Petition: »Verteidigen wir die Kultur. Setzen wir das Gesetz durch. Geschichte kann nicht mit einem Räumungsbeschluss ausgelöscht werden.« 

Doch die Gerichte legten das enger aus. Der Schutz bedeute nicht, dass das Café weiterbetrieben werden müsse. Er solle nur eine Nutzung verhindern, die die Substanz gefährden könnte. Anfang August kontrollierten Carabinieri der Denkmalschutzbehörde die Räume. Zuvor war aufgefallen, dass zahlreiche Einrichtungsgegenstände verschwunden waren, wie die Zeitung »La Repubblica« berichtete. Kunstwerke, Skulpturen und Möbel waren in zwei Garagen ausgelagert worden. Die Beamten erstatteten Anzeige. 

Die Betreiber erklärten, sie hätten die Stücke wegen Problemen mit der Elektrik vorsorglich ausgelagert – zudem, seien die Gegenstände ihr Eigentum. »Wenn das Israelitische Krankenhaus sie kaufen möchte, werden wir sehen, ob wir bereit sind, sie zu verkaufen«, zitierte sie »La Repubblica«. Belege für das Eigentum liegen bislang nicht vor. Der Rechtsstreit dürfte langwierig werden.

Kaffeehauskultur als Kulturgut

Das Greco steht in einer Tradition, die weit über Rom hinausweist. Im Wiener Café Central diskutierten Sigmund Freud sowie Leo Trotzki ihre Ideen; im Pariser Café de Flore prägten Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Picasso und Eugène Ionesco den modernen Geist. Solche Häuser waren nie bloß Orte des Konsums – sie wurden zu Geburtsstätten von Gedanken. Heute zieht es wieder Scharen von Besuchern an, die an den historischen Tischen Platz nehmen und ihre stilisierten Posen auf TikTok oder Instagram hochladen. Sinnbilder einer neuen, digitalen Öffentlichkeit.

Die Krise des Caffè Greco ist daher mehr als ein Streit um Miete und Eigentum. Zwar war sein Ruf zuletzt gespalten: Reiseführer schwärmten vom »altehrwürdigen Interieur« und dem historischen Flair, bemängelten aber überhöhte Preise. Dennoch blieb es ein Symbol – ein Fremdkörper in einer Straße, die längst von Luxusmarken dominiert wird.

Ob der Geist dieser Räume bei einem möglichen Betreiberwechsel oder Standortwechsel erhalten bleibt, ist ungewiss. Der italienische Maler Giorgio de Chirico, ein Stammgast, nannte das Greco einst »den Ort, an dem man sitzen und auf das Ende der Welt warten kann«. Heute scheint es, als warte das Café selbst auf sein Ende.

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