Russland

Gesandte unerwünscht?

Ascher Kritschewskij ist als Rabbiner im Land seines Großvaters tätig. Der alte Mann hatte als Rotarmist Leningrad gegen die Nazis verteidigt und bei den Kämpfen ein Auge verloren. 1972 wanderte er nach Israel aus, seit 2001 lebt sein Enkel in Russland. Ascher Kritschewskij (40) gehört der Chabad-Bewegung an und wohnt mit seiner Frau Rachel und sieben Kindern in Omsk, wo er als Chefrabbiner der Stadt und als Oberrabbiner Sibiriens fungiert.

Sieht man sich sein Profil beim russischen sozialen Netzwerk VKontakte an, kommt man nicht auf die Idee, dass der Bürger Israels vor der Ausweisung steht. Eine Veranstaltung der Omsker jüdischen Gemeinde nach der nächsten kündigt er an. Ein Foto der traditionellen Siegesfeierlichkeiten am 8. Mai zeigt seinen Sohn Levi in der Uniform der Roten Armee.

Rechtsstreit Doch wenn es nach den russischen Behörden geht, soll der Aufenthalt Kritschewskijs in Russland bald zu Ende sein. Denn der Chabad-Rabbiner steht vor der Ausweisung – angeblich, weil er die verfassungsmäßige Ordnung Russlands gefährdet.

Die Behörden haben seine Aufenthaltsgenehmigung annulliert. Kritschewskij hat dagegen im Juni Einspruch eingelegt – was bedeutet, dass der Rechtsstreit in die nächste Runde geht und in einigen Monaten die unwiderrufliche Entscheidung des russischen Obersten Gerichts erwartet wird. Kritschewskij hat seit 2014 mit behördlichen Problemen zu kämpfen, nachdem er elf Jahre unbescholten im Land lebte.

Damals konnte er den Rechtsstreit zu seinen Gunsten entscheiden. Doch nun hat er es mit dem mächtigen Inlandsgeheimdienst FSB zu tun.

Doch Kritschewskij ist nicht der einzige ausländische Glaubensvertreter, dem die russischen Sicherheitsbehörden das Leben schwer machen. Laut Boruch Gorin, Chabad-Rabbiner und Sprecher der Föderation der Jüdischen Gemeinden Russlands, gab es rund zehn Abschiebefälle in den vergangenen zehn Jahren, die Bürger der USA, Kanadas und Israels betrafen.

Während in früheren Fällen kleinere Gesetzesübertretungen wie überhöhte Geschwindigkeit oder fehlende Lizenzen den Rabbinern zum Vorwurf gemacht wurden, notiere man seit einem Jahr »einen neuen Algorithmus«, wie Gorin sagt. Nunmehr wird die Ausweisung mit der Gefahr für die innere Sicherheit begründet. Gorin bestreitet die Vorwürfe des FSB.

»Spion« »Welche Gefahr soll von den ausländischen jüdischen Geistlichen ausgehen?«, fragt er. Man wisse nicht, »was diese Leute aus der Sicht des FSB falsch gemacht haben«. Im Internet kursieren Gerüchte, Kritschewskij sei ein israelischer Agent, ein US-Spion oder einfach ein Krimineller.

Zu Jahresbeginn wurde der Fall des Chabad-Schaliach Yosef Marozov aus den USA bekannt, der mit seiner Familie die Aufenthaltsgenehmigung verlor. Ein anderer US-Bürger und Chabad-Rabbiner in Sotschi wurde im Vorjahr als Gefahr für die nationale Sicherheit definiert.

Bei den neuen Fällen kommt erschwerend hinzu, dass die Anwälte keine Akteneinsicht erhalten. »Die Einsicht wird auf Geheiß des FSB einfach verweigert«, sagt Gorin. »Wir wissen nicht, worum es geht, was die Hintergründe sind.« Spekulieren wolle er nicht, aber so viel könne er sagen: »In Russland gibt es offenbar den Wunsch, ausländische Vertreter religiöser Gemeinschaften loszuwerden.«

freikirchen Auch andere religiöse Ge­meinschaften spüren seit einiger Zeit einen verstärkten Druck. Es gab in der Vergangenheit Ausweisungen von Zeugen Jehovas, Mormonen und Vertretern evangelikaler Freikirchen, wie russische Medien berichteten. Während diese Gemeinschaften aber keine langjährige Tradition im Land haben, notieren Experten den Druck auf Vertreter des Judentums als neue Qualität.

Der Einfluss der Russischen Orthodoxen Kirche in der Gesellschaft ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Dagegen scheint die Toleranz gegenüber anderen Glaubens­gemeinschaften nachzulassen. Zudem wurden in einem Gesetzespaket vor zwei Jahren, dem sogenannten Jarowaja-Gesetz (benannt nach der Initiatorin Irina Jarowaja, einer für ihre Rigidität bekannten Duma-Abgeordneten), Maßnahmen zur Antiterrorbekämpfung verschärft – darunter auch die Auflagen für Missionierung.

»Extremismus« Ebenso kann Extremismus nun leichter geahndet werden, im heutigen Russland ein äußerst dehnbarer Begriff. Gorin betont, dass gegen die Rabbiner kein Paragraf aus dem Jarowaja-Paket zur Anwendung komme. Jedoch ist anzunehmen, dass das allgemeine gesellschaftliche Klima und die gesetzlichen Möglichkeiten die Sicherheitsorgane zu einem härteren Einschreiten gegen vermeintliche Gegner animiert.
Angeblich gefährdet der Rabbi in Omsk »die verfassungsmäßige Ordnung Russlands«.

Putin Der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitrij Peskow, erklärte zum Fall Kritschewskij, er habe zu wenige Informationen. Andere Organe seien zuständig. »Man muss jeden Fall einzeln betrachten«, sagte er der Nachrichtenagentur Tass. Für Kritschewskij könnte das zu spät kommen.

Gorin konstatiert eine große Verunsicherung in den jüdischen Gemeinden in Russland. »Diese Menschen leben seit 15, 20 Jahren hier, sie haben das Gemeindeleben aufgebaut, und plötzlich sollen sie gehen.« Solche, die planten, in Zukunft nach Russland zu kommen, erhielten ebenfalls ein Signal der Ablehnung. »Wir befürchten, dass das Schema auch in Zukunft angewendet wird.«

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