Grossbritannien

Die lustige Witwe

»Ich liebte schon immer Sex«: Sheila Vogel-Coupe Foto: Daniel Zylbersztajn

In einer der elegantesten Gegenden Londons wohnt seit vielen Jahren fast gegenüber der örtlichen liberalen Synagoge eine ältere jüdische Dame, die in Großbritannien Schlagzeilen gemacht hat. Auf dem Glastisch in ihrem stilvoll eingerichteten Wohnzimmer stehen Dutzende zierliche Porzellan- und Kristallgefäße, daneben liegt ein dicker Taschenkalender. Im Hintergrund neben dem weißen Sofa mit besticktem Kissen: eine Porzellanlampe mit Blumenmotiv. Darüber hängen zwei kleine Ölbilder. »Sie sind von meiner Großmutter, deren Familie aus Polen stammte. Ich war ihr Liebling – sie hätte das, was ich heute tue, vollkommen gebilligt«, sagt Sheila Vogel-Coupe bestimmt. Ihr grau meliertes Haar ist kunstvoll toupiert, das Make-up sitzt perfekt. »Ich habe Stil und bin intelligent«, meint sie über sich selbst: »Eine Frau mit Klasse.«

Kindheit Vogel-Coupe wuchs in einer jüdischen Geschäftsfamilie auf. Ihr Großvater gehörte zu Londons Kinopionieren. Höhepunkt seiner Karriere war das zehnte Filmtheater, das er 1928 in Croydon im Süden Londons eröffnete. »Es kam sogar Königin Mary«, erzählt Vogel-Coupe stolz.

Weil ihr Vater dort arbeitete, wuchs auch die junge Sheila zuerst in Croydon auf, bevor sie im Zweiten Weltkrieg mit ihrer Familie auf die Bahamas übersiedelte, wo ihr Vater bei der britischen Luftwaffe diente. »Obwohl wir in Nassau keine Synagoge hatten, improvisierte meine Mutter jeden Freitag einen Kabbalat Schabbat«, erinnert sie sich und fügt hinzu: »Auch ich mache gute Hühnersuppe mit Mazzeknödeln.«

Zurück in England, führte Sheila – das war selten für Frauen in den 50er-Jahren – eigenständig zwei Agenturen, darunter eine Kindermädchenvermittlung mit so erlesener Kundschaft wie Jordaniens König.

Hätten die Medien nicht ihr Alter preisgegeben, könnte man kaum ahnen, dass die energische Dame schon 85 Jahre alt ist und nicht nur einen, sondern bereits zwei Ehemänner überlebt hat. Der erste war ein jüdischer Holzhändler, der zweite arbeitete als Ingenieur bei Rolls-Royce. Beide starben nach langer Krankheit. »Wenn Jahrzeit ist, zünde ich immer eine Kerze zu ihrem Gedenken an«, beteuert Vogel-Coupe.

Oper Die alte Dame ist auch als Witwe voll des Lebens. Sie denkt nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. »Ich koste jeden Tag aus«, sagt sie. Nahezu jedes Wochenende geht sie in die Oper und möchte noch viel reisen. Bis vor vier Jahren arbeitete sie an der Rezeption einer staatlichen Behörde. Doch als bekannt wurde, welchen Job sie außerdem ausübt, hörte diese Arbeit auf.

Es war in der Zeit, als ihr zweiter Ehemann gerade gestorben war. Vogel-Coupe fühlte sich verlassen in ihrer Wohnung. Eines Tages hatte sie genug davon und inserierte in der Londoner »Times«. »Statt nur eines Mannes lernte ich gleich drei kennen, und es kam zu mehr als nur einer Romanze«, sagt sie und lacht. »Ich hatte einfach Spaß«, gesteht Vogel-Coupe, »und ich liebte schon immer Sex, doch mein erster Mann war schwer kranker Diabetiker, und mein zweiter Mann hatte später Prostatakrebs.«

Zwei der Männer, die sie durch die Zeitungsannonce kennenlernte, hätten sie jedoch bald wieder verlassen, sagt sie. Der Grund dafür seien »jüngere Frauen« gewesen. Doch mit dem dritten, einem unverheirateten jüdischen Geschäftsmann, treffe sie sich bis heute.

alleinsein Vogel-Coupe begann zu verstehen, dass sie das Alleinsein und den ihr wichtigen Zugang zu Sex managen kann wie ihr früheres Geschäftsleben. Und so wie sie vor 60 Jahren eine der wenigen Frauen in einer von Männern dominierten Geschäftswelt war, ist sie auch heute eher eine Ausnahme. Denn Vogel-Coupe inserierte weiter – und ließ sich für die Rendezvous bezahlen. »Das Geld hilft«, so ihr knapper Kommentar. Bei einer Agentur für »reife Damen« ließ sie sich ein paar Jahre lang als »Grande Dame Cecilia Bird« listen.

Doch ihr neues Leben hatte auch eine Schattenseite. Als 2010 eine ihrer Enkelinnen in der Musik-Castingshow X-Factor kurz vor dem Durchbruch stand, stellte das Boulevardblatt »News of The World« Vogel-Coupe bei einem Hotelbesuch nach und verkündete, samt Bild, die 81-jährige Oma der jungen Sängerin sei wohl Großbritanniens älteste Escort-Dame.

Neben einer Flasche Virginia Amaretto und einer großen Tischuhr stehen auf einem der hinteren Regale ihres Salons Fotos aus der Vergangenheit, zusammen mit Bildern eines Enkelsohns und einer ihrer drei Töchter. »Die beiden sind die Einzigen aus meiner Familie, die noch zu mir stehen. Alle anderen wollen mit mir nichts mehr zu tun haben. Ihnen wäre lieber, wenn ich mit der Stricknadel vorm Fernseher sitze. Aber was habe ich schon getan? Einige in meiner Familie haben weitaus Schlimmeres auf dem Kerbholz!«

partnerschaft »Manche Menschen fällen sehr voreilig kritische Urteile über andere«, sagt Vogel-Coupe. Und die Presse übertreibe. Bis zu zehn Männer pro Woche habe man ihr nachgesagt, dabei seien es höchstens drei oder vier. Sie kann sich auch ein anderes Leben vorstellen: »Sollte ich einen liebevollen Mann kennenlernen, der bereit ist, eine Partnerschaft aufzubauen, und mit dem ich auch guten Sex haben kann, dann würde ich dies allemal meinem heutigen Lebensstil vorziehen«, gesteht sie.

Handelt es sich hier um eine Frau, die notgedrungen zu ungewöhnlichen Mitteln griff oder um eine Prostituierte einer besonderen Nische – immerhin gibt es von Sheila auch ein Pornovideo. »Das tat ich nur einmal«, sagt sie, »ich finde harten Porno und ausgefallene Praktiken ekelhaft.« Es sei viel wichtiger, dass ein Mann sich darin versteht, eine Frau gut zu behandeln, sagt sie. »Ich bin romantisch, es geht um mehr als nur um Sex.« Auch ihre Fähigkeit, zuzuhören, sei sehr nützlich, denn ihre Männer hätten oft das Bedürfnis zu reden.

Rabbinerin Ihre liberale Rabbinerin unterstützt sie in ihrem Lebensstil. Vogel-Coupe zitiert sie mit dem Rat: »Tue, was dich glücklich macht!« Seit ihrer »Enttarnung« hat sie jedoch die Mesusa von der Eingangstür entfernt, um etwas anonymer zu sein. Aber nachdem der britische Fernsehsender Channel Four kürzlich die Doku Meine Oma, die Escort-Dame zeigte, kommen häufig Menschen auf sie zu. »Neulich erkannte mich eine Frau in einem Café und sagte: ›Ich finde Sie toll! Was Sie machen, ist wundervoll!‹«, erzählt sie und strahlt.

Es freut sie, wenn hin und wieder ein jüdischer Mann bei ihr auftaucht, »denn die sind wenigstens beschnitten«. Stolz sei sie darauf, viele Ehen gerettet zu haben. »Die meisten meiner Kunden sind verheiratet und zwischen 50 und 60 Jahre alt. Sie kommen zu mir, weil sie bekommen, was sie zu Hause nicht kriegen.« Vogel-Coupe plant nun, ein Buch über ihr langes und unkonventionelles Leben zu schreiben, »vor allem meinem noch treu gebliebenen Enkel zuliebe«, sagt sie – und ist dabei ganz Oma.

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