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Schweiz

Den eigenen Weg gehen

Wie können wir als Individuen unsere eigene Stimme finden? Wie können wir dem Käfig der Konformität und dem verführerischen Komfort des Kollektivs entkommen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Philosophen seit Jahrhunderten. Seneca vergleicht in Vom glückseligen Leben das gedankenlose Nachahmen der Mehrheit mit Herdenvieh. Er schreibt, vor nichts müsse man sich mehr hüten, als wie das Vieh den Vorangehenden nachzulaufen, und dort zu gehen, wo die Menge gehe, und nicht da, wo man gehen sollte.

Mich treiben diese Fragen schon lange um. Es geht mir um mein freies Selbstsein, darum, mein eigenes Leben zu gestalten und zu behaupten. Als Vater frage ich mich, wie es meine beiden Söhne schaffen, zu starken Persönlichkeiten mit eigenen Überzeugungen heranzuwachsen. Ich möchte nicht, dass sie im Leben im Allgemeinen und in den sozialen Medien im Besonderen nur zu »Users« und »Followers« werden. Ich wünsche mir, dass sie selbst denken, etwas schaffen und ihren eigenen Weg gehen. Sie sollen den Mut haben, das zu sagen, was viele andere nicht aussprechen möchten oder können.

Daher habe ich mich auf die Suche nach Menschen gemacht, die sich den »massierten, vermengten, marschierenden Kollektivitäten« (Martin Buber) verweigert haben. Ich habe über und von Menschen gelesen, die gegen den Strom geschwommen sind und ihre Individualität und Menschlichkeit bewahrt haben; um zu lernen und mich inspirieren zu lassen.

Menschen, die gegen den Strom schwimmen

Wer sich auf die Suche nach solchen Menschen begibt, wird rasch fündig, auch wenn dieser Typus in der Menschheitsgeschichte immer die Ausnahme, meist eine verschwindend kleine und gefährdete Minderheit war. Wer sich dazu einen raschen Überblick wünscht, wird Rüdiger Safranskis Einzeln sein von 2021 mit Gewinn lesen. Auf meiner Suche bin ich auf Figuren aus Theaterstücken, dystopischen Romanen und Science-Fiction-Filmen, aber auch auf solche, die real existiert haben oder noch heute leben, gestoßen.

Das Spektrum ist verblüffend breit und reicht von Friedrich Schillers Wilhelm Tell, dem Feuerwehrmann Guy Montag in Ray Bradburys Fahrenheit 451 und Cassian Andor in der Star Wars-Spin­off-Serie Andor zu Dietrich Bonhoeffer oder dem ukrainischen Schriftsteller und Freiheitskämpfer Vasyl Stus bis hin zu Herta Müller.

Dass einige der radikalsten Verteidiger des Individuums aus der Erfahrung von Verfolgung, Ausgrenzung und staatlich organisierter Entmenschlichung schreiben, erstaunt daher nicht. So bin ich zur jüdisch-intellektuellen Tradition gelangt, zu der für mich Imre Kertész und Norman Manea, aber wohl auch Primo Levi, Paul Celan und Jean Améry gehören. Diese Schriftsteller setzten der Masse und der kollektiven Ekstase einen existenziellen Individualismus entgegen.

Sie lehren uns, mit Lärm, Hektik und Gedankenlosigkeit zu brechen.

Kertész überlebte Auschwitz und Buchenwald und wurde zum Chronisten der zivilisatorischen Brüche der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Zurück in Ungarn, blieb er als Jude ein Ausgestoßener. Im Versteckten arbeitete er mehr als zehn Jahre lang an seinem ersten Roman. Seine Bücher waren im kommunistischen Ungarn unerwünscht. Erst nach der Wende wurde Kertész’ Werk breiter rezipiert. 2002 erhielt er zu seinem eigenen Erstaunen den Literaturnobelpreis. Heute dürfte ein Schriftsteller wie er bei der Schwedischen Akademie kaum mehr eine Chance haben.

Der Antisemitismus und die Schoa waren für Kertész Kristallisationspunkte seines Werkes. Er erlebte das kommunistische Ungarn als eine »gleichwohl weniger tödliche (…) Kontinuität der Unterdrückung«, als eine »Fortsetzung des Lebens in Knechtschaft«. Kertész ging in die innere Emigration und trat »aus dem berauschenden Marsch« heraus. Ihm erschien das Fortbestehen des Individuums ungewiss. Es sei leichter, sich welterlösenden Ideen hinzugeben, als auf der eigenen, einzigartigen und unwiederholbaren Existenz zu beharren. Wer Zweiteres tut, nehme Einsamkeit in Kauf, gewinne aber Freiheit.

Dank oder wegen seines Jüdischseins habe er, so schrieb Kertész, »die allumfassende Erfahrung menschlichen Ausgeliefertseins im Totalitarismus« gemacht. Er sei als Jude die »Negation menschlichen Hochmuts, Negation von Sicherheit, ruhigen Nächten, friedlichem Seelenleben, Konformismus«. Kertész blieb am Rande der ungarischen Gesellschaft, ausgegrenzt und »vollkommen allein«.

Die innere Emigration

Die tiefe Abneigung gegenüber kollektivistischen Heilslehren machte Kertész auch skeptisch gegenüber politischen Projekten, die im Namen der sozialen Gerechtigkeit auftraten. Kertész formulierte es hart: Die Beschäftigung mit dem Schicksal anderer und die Vernachlässigung der eigenen Existenz habe zu Massenmorden geführt.

Norman Manea, der letzte große jüdisch-rumänische Schriftsteller, wurde als Fünfjähriger mit seiner Familie nach Transnistrien deportiert, wo Rumänien rund 200 Ghettos und Zwangsarbeitslager eingerichtet hatte. Er überlebte die Schoa, begann wie Kertész im Verborgenen zu schreiben und lebte zurückgezogen in Bukarest. Die innere Emigration war für Manea eine Form des kompensatorischen Widerstands und die einzige Option angesichts der Abgründe des rumänischen »byzantinischen Sozialismus«.

Manea ging 1986 aufgrund des zunehmenden Drucks und des offenen Antisemitismus in der letzten Phase des nationalkommunistischen Ceaușescu-Regimes ins amerikanische Exil: »Ich wurde 1941, mit fünf Jahren, von einem Diktator und einer diktatorischen Ideologie an einen Ort des Todes verbannt, und mit 50 zwangen mich in sarkastischer Symmetrie ein anderer Diktator und eine andere diktatorische Ideologie erneut ins Exil.«

Der Schriftsteller blieb beim Thema der Unterdrückung und des Unbehagens, »wo immer es sich einfinden mag: ob in den Lagern, unter dem Kommunismus oder hier im Exil«. Er sah sich zeitlebens als »marginal, unangepasst, ausgegrenzt«. Er hatte als Jude und dann als Exilant keine Möglichkeit, Teil der rumänischen Elite, ja nicht einmal der rumänischen Gesellschaft zu werden. Gleichzeitig wollte er auch gar nicht Teil dieser Elite und Gesellschaft sein. Er war immun gegen die Gefahren der aufgepeitschten Masse – sei sie faschistisch oder nationalkommunistisch.

Manea war immun gegen die Gefahren der aufgepeitschten Masse.

Das zentrale Werk Maneas ist Die Rückkehr des Hooligan. Der Titel verweist auf den rumänisch-jüdischen Schriftsteller Mihail Sebastian (1907–1945) und dessen Essay »Wie ich zum Hooligan wurde«. Manea sah sich wie Sebastian als Outlaw. Wie es Sebastian in seinem Tagebuch festgehalten hatte: »Ich bin kein Anhänger irgendeiner Idee oder irgendeines Anführers, ich bin immer Dissident. Vertrauen habe ich nur in das jeweilige Individuum.« Und weiter: »Der Tod des Individuums bedeutet den Tod des kritischen Geistes, in letzter Instanz den Tod des Menschlichen überhaupt.«

Können wir von Kertész und Manea lernen, gegen den Strom zu schwimmen? Oder ist ihre Erfahrung so extrem und marginal, dass sie für uns letztlich unzugänglich bleibt? Einfache Lehren lassen sich gewiss weder nur von Kertész noch von Manea ableiten. Trotzdem können uns die beiden Schriftsteller inspirieren, Mut zu fassen, ab und zu das Allein- und Anderssein auszuhalten und Widerspruch zu riskieren. Dabei geht es wohlgemerkt nicht um die leere Geste oder die Provokation um der Provokation willen – ohne Reflexion und Substanz. Kertész und Manea waren keine Gegenspieler, die aus purer Lust am Streit und am pfauenhaften Sich-Abheben eine Gegenposition einnahmen.

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Sie erinnern uns daran, dass kollektive Begeisterung – ob rechts, links, identitär oder woke – stets gefährlich ist und dumm macht. Gegen diese Versuchung verteidigen sie – und vielleicht wir – die fragile Souveränität der individuellen Stimme. Sie lehren uns, mit Lärm, Hektik und Gedankenlosigkeit zu brechen. Ihre Werke machen deutlich, dass Freiheit im eigenen Kopf und mit der Courage beginnt, einzeln zu sein.

Damit ist ein Preis verbunden, gerade heute. Wie es der französische Neurologe und Psychiater Boris Cyrulnik schreibt: »Unabhängiges Denken bedeutet Isolation: Der Preis der Freiheit ist Unbehagen.« Aber es lohnt sich. Gerade weil es hart ist, gegen den Strom zu schwimmen, kann es schön und sinnhaft sein. Man gelangt an Orte, wo nur wenige sind.

Der Autor ist Historiker und Politikwissenschaftler. Seit zwei Jahren ist er Botschafter der Schweiz in Israel.

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