Europa

Das Verbindende über das Trennende stellen

Eigentlich wollten die europäischen Rabbiner gar nicht in Jerusalem tagen, sondern in Baku am Kaspischen Meer, der Hauptstadt des überwiegend muslimischen Aserbai­dschan. Doch daraus wurde nichts. Gegen die für Anfang November 2025 vorgesehene Generalversammlung der Europäischen Rabbinerkonferenz hatte es nur Tage zuvor konkrete Drohungen aus dem Iran gegeben.

Kurzerhand wurde das Treffen abgesagt und nach Israel verlegt. »Dass wir uns bereits zwei Monate später in Jerusalem zusammenfinden konnten, war ein starkes Statement«, sagte der Schweizer Rabbiner Noam Hertig im Gespräch mit dieser Zeitung.

Doch fast hätte der Konflikt mit dem Mullah-Regime dem Verband, der in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen feiert, erneut einen Strich durch die Rechnung gemacht. Unmittelbar vor Beginn der Tagung kursierten Gerüchte über einen US-Militärschlag gegen den Iran und mögliche Vergeltungsaktionen gegen Israel. Doch am Ende blieb alles ruhig, und einen Bunker benötigten die rund 450 Teilnehmer der Konferenz nicht. Man durfte sich ohnehin in Sicherheit wähnen, denn der unterirdische Veranstaltungssaal nur wenige Meter von der Kotel entfernt, in dem ein Teil der Veranstaltung und das erste von zwei Gala-Dinners stattfanden, hätte wohl auch als Schutzraum genügt.

Ehrengäste

Zu den Ehrengästen der Rabbinerkonferenz gehörten vor allem religiöse Autoritäten, darunter die beiden Oberrabbiner Israels, Kalman Ber und David Josef. Israelische Regierungsmitglieder machten sich hingegen rar. Einzige Ausnahme war Amichai Elijahu, der gleich zweimal vorbeischaute. Der Politiker der Partei »Jüdische Stärke« des rechtsextremen Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir amtiert seit März 2025 als Minister für das Kulturerbe in der Netanjahu-Regierung. Immer wieder sorgt er mit radikalen Ansichten zum Umgang mit den Palästinensern für Schlagzeilen.

Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema interreligiöser Dialog, an der der reformierte Bischof Thomas Paul Schirrmacher aus Deutschland und ein muslimischer Vertreter aus Aserbaidschan teilnahmen, sagte Elijahu zwar, man müsse den religiösen Fanatismus bekämpfen. Doch schränkte er sofort ein, dass man auch im Dialog die eigene Identität nicht verwässern oder hintanstellen dürfe.

Bischof Schirrmacher, Vorsitzender des Internationalen Rates der in Frankfurt ansässigen Menschenrechtsorganisation IGFM sowie des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit, stellte sich bei seinem Auftritt demonstrativ an die Seite Israels. Um den Nahostkonflikt zu überwinden, reiche es nicht aus, nur nach einer politischen Lösung zu suchen. Auch die Religionsgemeinschaften müssten ihren Teil beitragen, sagte Schirrmacher und warb für ein »Abraham-Abkommen« zwischen den drei Religionen.

Auch sexueller Missbrauch Schutzbefohlener war Thema bei der CER-Konferenz.

Auch der in Israel bekannte Vater des Ministers, Rabbiner Schmuel Elijahu, gab sich bei der CER-Tagung die Ehre. Wie der des Sohnes ist auch sein Lebenslauf gespickt mit einer langen Liste äußerst kontroverser Aussagen. So forderte Elijahu senior im Jahr 2007 ein flächendeckendes Bombardement des Gazastreifens und die gezielte Tötung palästinensischer Zivilisten, um so den Terror gegen Israel zu bekämpfen.

2013 scheiterte er wegen solcher Ansichten mit seiner Kandidatur für das Amt des sefardischen Oberrabbiners Israels. Allerdings war es Rabbiner Elijahu, der 2015 einen Kabbalisten, der mehreren Frauen Eheberatungsdienste angeboten und sie dann sexuell missbraucht hatte, bei der Polizei anzeigte und auf die Aufklärung des Falles drängte. 2018 wurde der Mann von einem israelischen Gericht zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Der sexuelle Missbrauch Schutzbefohlener war auch Thema bei der CER-Konferenz. Sachsens Landesrabbiner Zsolt Balla, einer der drei Vorstände der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD), sagte der »Jüdischen Allgemeinen«, gerade der Vortrag von Rabbiner Schmuel Elijahu sei für ihn persönlich sehr wichtig gewesen. »Wir haben uns gefragt, wie wir aus religiöser Perspektive mit Gewalt innerhalb der Gemeinden umgehen sollen, insbesondere mit sexueller Gewalt.«

Vor zwei Wochen war in Berlin ein ehemaliger Rabbiner der jüdischen Gemeinde wegen des sexuellen Übergriffs und der Nötigung einer Frau zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Der Übergriff war möglicherweise kein Einzelfall.

»Was können wir als Gemeinschaft tun?«

Das Thema beschäftige ihn sehr, so Balla weiter. »Was können wir als Gemeinschaft, als Rabbiner gegen solche Vorfälle tun?« Seit 2021 ist der 46-Jährige auch erster Militärbundesrabbiner Deutschlands. Der Jüdischen Allgemeinen sagte er, am Rande der CER-Tagung hätten sich auch die anwesenden jüdischen Militärseelsorger aus ganz Europa zum Austausch getroffen.

Die erste CER-Konferenz seit dem 7. Oktober 2023 stand im Zeichen des stark angestiegenen Juden- und Israelhasses. »Das ist eine Belastungsprobe, die fast alle europäischen Gemeinden und uns als Rabbiner beschäftigt«, sagte der Zürcher Rabbiner Noam Hertig dieser Zeitung.

Neben diversen Vorträgen und Workshops stand auch die Frage auf dem Programm, wie der halachisch-jüdische Status von Menschen bestätigt werden könne. »Das ist eine komplexe Materie, bei der auch die Anerkennung durch das israelische Oberrabbinat und das Innenministerium eine Rolle spielt«, so Hertig. »Dies hat für Gesprächsstoff unter den Kollegen gesorgt.«

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Israels aschkenasischer Oberrabbiner Ber betonte in seiner Rede, wie wichtig die Beziehung zur Diaspora ist: »Aus Zion wird die Tora hervorgehen, aber diese Tora muss jedes Haus in Paris, London und Berlin erreichen. Wir sind hier, um Ihnen halachische und professionelle Unterstützung zu bieten und dafür zu sorgen, dass jeder Jude, überall auf der Welt, ein Gefühl der Zugehörigkeit und Verbundenheit mit seinen Wurzeln empfindet.« Sein sefardischer Kollege, Oberrabbiner David Josef, forderte die versammelten Rabbiner auf, die weltweite Welle des Antisemitismus zum Anlass zu nehmen, dem jüdischen Leben entfremdete Juden wieder an den Schabbattisch und in die Studiersäle zu führen.

Voneinander zu lernen, »insbesondere in den schweren Zeiten, in denen wir leben«, war auch für Rabbiner Balla wichtig. »Was sind die Herausforderungen, wie können wir sie beherrschen?« Die Vernetzung sei bedeutsam, und man könne stets von anderen Rabbinern lernen. »Es tut gut zu wissen, dass wir nicht allein sind«, so Balla.

Er fügte hinzu: »Wir sind auch der Frage nachgegangen, wie wir in Notzeiten mit der Halacha umgehen. Es ist wichtig, dass die Diaspora gestärkt wird und dass es in Israel eine starke religiöse Vertretung des Judentums gibt und nicht nur eine politische. Es gibt sehr viel zu lernen.« Sein Schweizer Kollege Hertig pflichtete ihm bei: »Trotz der Vielfalt innerhalb des orthodoxen Spektrums ist der Wille spürbar, das Verbindende über das Trennende zu stellen. Einigkeit herrscht vor allem in der strategischen Ausrichtung: Wie schützen wir unsere Gemeinden, und wie sichern wir die jüdische Kontinuität in Europa unter erschwerten Bedingungen?«

Workshops für Rebbetzins

Offene Debatten über kontroverse Themen wurden in Jerusalem nicht geführt. Auch Resolutionen verabschiedete die Generalversammlung, das oberste Beschlussorgan der Rabbinerkonferenz, nicht. Vielmehr war die Tagung ein großes Familientreffen. Der freundschaftliche Austausch stand im Mittelpunkt.

Aber nicht nur die Männer konferierten. Für die rund 100 angereisten Ehefrauen der Rabbiner hatte die CER-Geschäftsstelle, die zum Teil mit Mitteln aus dem Haushalt des Freistaats Bayern finanziert wird, ein eigenes Programm auf die Beine gestellt. Die Rebbetzins seien dabei nicht Anhängsel ihrer Männer gewesen. Seit einigen Jahren biete die Rabbinerkonferenz Trainings für sie an, und die Teilnahme am Programm in Jerusalem sei für sie verpflichtend gewesen, wie die stellvertretende CER-Geschäftsführerin Shorena Mikava gegenüber der Jüdischen Allgemeinen betonte.

»Es tut gut zu wissen, dass wir nicht allein sind.«

Rabbiner Zsolt Balla

Unter anderem gab die aus der Netflix-Reihe Jewish Matchmaking bekannte amerikanische Rebbetzin und Beziehungsberaterin Aleeza Ben Shalom den Teilnehmerinnen in einem Workshop Ratschläge zur Partnervermittlung. Das stieß offensichtlich auf großes Interesse – auch bei Rabbiner Hertig: »Wir planen, ein europäisches Netzwerk für die Partnervermittlung zu etablieren, um die Gründung jüdischer Familien aktiv zu fördern – eine Kernaufgabe für die Vitalität unserer Gemeinschaft.«

Ein besonders bewegender Moment der Generalversammlung war für Hertig das Gespräch mit Rabbiner Doron Perez, dem Präsidenten der World Zionist Organisation (WZO). Perez’ Sohn Daniel war am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen nach Gaza verschleppt und dort getötet worden. Erst im Oktober 2025 wurde sein Leichnam an Israel zurückgegeben. »Die Resilienz von Rabbiner Perez, seine ungebrochene Kraft und seine Hoffnung, trotz dieses immensen Verlusts die Einheit des jüdischen Volkes zu stärken, waren für mich und alle Anwesenden eine tiefe Inspiration.«

Die CER-Tagung in Jerusalem sei für ihn eine gute Gelegenheit gewesen, aus der täglichen Routine auszubrechen, sein Netzwerk zu stärken und durch Impulse aus Vorträgen und Gesprächen mit Kollegen neue Kraft zu tanken, so Hertig weiter. Auch das Band mit Israel sei gestärkt worden. Und das sei seit dem 7. Oktober wichtiger denn je. Der Züricher Rabbiner bilanzierte: »Wir sitzen im selben Boot. Dennoch ist es für uns als CER und als lokale Rabbinate entscheidend, eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren. Wir müssen die spezifischen Bedürfnisse der europäischen Diaspora vertreten und gleichzeitig im engen, respektvollen Dialog mit Israel bleiben.«

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