Ukraine

Bretter, die die Macht bereiten

Vielleicht bald ukrainisches Staatsoberhaupt: Wolodymyr Selenskyj (41), Komiker und erfolgreichster Satiriker des Landes Foto: imago/Pacific Press Agency

Der geschiedene Geschichtslehrer Wassyl Goloborodko, der mit seinen Eltern in einer durchschnittlichen Wohnung lebt und an einer durchschnittlichen Kiewer Schule unterrichtet, gilt als Liebling seiner Schüler. Sein großes Thema ist die soziale Gerechtigkeit.

YouTube Eines Tages rastet Goloborodko aus – und erzählt in einer sehr offenen Sprache alles, was er über die ukrainische Politik denkt. Ein Schüler filmt die Wutrede und lädt sie auf YouTube hoch. Dort wird sie millionenfach geklickt, was Goloborodko am Ende den sensationellen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen bringt. Seine erste Amtshandlung: Er lässt den korrupten Ministerpräsidenten verhaften, live in einer Talkshow.

Nein, diese Geschichte hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. So beginnt Sluga Narodu (Diener des Volkes), eine der beliebtesten Fernsehserien der Ukraine. Sie läuft im Sender 1+1 des jüdischen Oligarchen Ihor Kolomojskyj, der als zweitreichster Mann des Landes gilt.

Marktführer Der Schauspieler, der seit 2015 die Kunstfigur Wassyl Goloborodko spielt, heißt Wolodymyr Selenskyj und ist der erfolgreichste Satiriker der Ukraine. Der 41-Jährige stammt aus der Industriestadt Krywyj Rih, hat Jura studiert und leitet die Produktionsfirma Kwartal 95, Marktführer in Sachen Humor und Komödien.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Selenskyj bei der Abstimmung am 31. März so gut abschneiden wird, dass er es in den zweiten Wahlgang schafft.

Selenskyj kandidiert derzeit für das Amt des ukrainischen Präsidenten. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass er bei der Abstimmung am 31. März so gut abschneiden wird, dass er es in den zweiten Wahlgang schafft. Dann hätte er drei Wochen später die Chance, tatsächlich neuer Präsident zu werden.

Kann also ein Wunder wie bei seiner Kunstfigur Goloborodko geschehen? Seit Selenskyj am Silvesterabend seine Kandidatur im ukrainischen Fernsehen angekündigt hat, steigen seine Umfragewerte rasant.

Vorsprung Mittlerweile hat Selen­skyj mit bis zu 25 Prozent einen soliden Vorsprung gegenüber zwei weiteren aussichtsreichen Kandidaten: dem amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko und der ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko.

Beide prägen die ukrainische Politik seit Jahrzehnten und können die Wähler deshalb kaum überraschen. Die aktuellen Umfragen zeigen, dass Selenskyj in der möglichen Stichwahl Mitte April sowohl Poroschenko als auch Timoschenko haushoch schlagen könnte – weil er eben nicht zum alten Politiksystem gehört, von dem die meisten Ukrainer enttäuscht sind. Dass Selenskyj außer seiner Satire bisher nichts mit Politik zu tun hatte, sehen viele Wähler als Vorteil.

In einem »Land der Träume« will Selenskyj leben, so heißt sein Wahlprogramm, das auf den Leser so unkonkret wie möglich wirkt – was im Vergleich zu seinen Konkurrenten allerdings auch kein großer Nachteil ist.

Die Gründung eines Unternehmens dauert in Selenskyjs Traumland nur noch eine Stunde. Die wichtigsten Aufgaben der Regierung werden vom Volk direkt durch ein Referendum bestimmt. Und die strafrechtliche Immunität der Parlaments­abgeordneten sowie des Präsidenten sollen aufgehoben werden. Im Grunde genommen ist es das klassische Programm, das sich für alles Gute und gegen alles Schlechte positioniert.

Sein Wahlprogramm wirkt so unkonkret wie möglich.

Mittlerweile dürfen Selenskyjs Wähler via Internet sogar eigene Kandidaten für verschiedene Regierungsposten vorschlagen. Die Konkurrenten kritisieren dies, denn solche Posten zu vergeben, hängt in der Ukraine bei Weitem nicht allein vom Präsidenten ab.

Der eigene Selenskyj-Kanal beim beliebten Messengerdienst Telegram gewinnt immer mehr an Einfluss, der Wahlblog auf YouTube, der auch gelegentlich im Sender 1+1 läuft, wird hunderttausendfach angeklickt. Und so mag der 41-Jährige zwar keine eindeutige politische Strategie verfolgen, doch in Sachen Wahlkampf und Social Media können seine Konkurrenten kaum mithalten. Deswegen ist Selenskyj nicht nur im russischsprachigen Südosten der Ukraine beliebt – wo man die national-patriotische Ausrichtung der aktuellen Regierung eher mit Skepsis betrachtet, während Selenskyj selbst russischsprachig ist und sich zurückhaltend gibt –, sondern vor allem bei jungen Wählern im ganzen Land.

Herkunft Über Selenskyjs Herkunft ist nicht viel bekannt, außer dass sein Vater ein bekannter Technikprofessor ist und deshalb viel unterwegs war. So lebte der junge Selenskyj unter anderem vier Jahre in der Mongolei.

»Ich bin Ukrainer mit jüdischen Wurzeln«, sagt der Komiker über sich, ohne in die Tiefe zu gehen und Angaben über seine Vorfahren zu machen. Doch bekennt er sich offen zu seinem Judentum, wenn er danach gefragt wird, und gehört inzwischen zu den bekanntesten Juden in seinem Land. Gern tritt er in Israel auf. In einem Interview sagte er einmal: »Ich freue mich immer, nach Israel zu kommen. Natürlich ist die Ukraine mein Zuhause – Israel aber irgendwie auch.«

Die Verbindung mit einem anderen bekannten Juden, Ihor Kolomojskyj, ist jedoch etwas, das Selenskyj am häufigsten vorgeworfen wird. Allein, dass Kwartal 95 einen zehnjährigen Vertrag mit 1+1 hat, spricht Bände, zumal solche langfristigen Verträge in der Fernsehwelt eher unüblich sind. Selenskyj und sein Wahlkampfteam behaupten jedoch, lediglich Wirtschaftspartner von Kolomojskyj zu sein, nicht mehr und nicht weniger. »1+1 schuldet uns noch viel Geld«, betonte der 41-Jährige Ende des vergangenen Jahres in einem Interview mit dem bekannten Journalisten Dmytro Gordon.

Viele gehen davon aus, dass der Einfluss des Oligarchen auf den Schauspieler nicht gering ist – trotz aller Versuche, diesen kleinzureden.

Dennoch gehen viele davon aus, dass der Einfluss des Oligarchen auf den Schauspieler nicht gering ist – trotz aller Versuche, diesen kleinzureden. Aber anders als seine Kunstfigur Goloborodko ist Selen­skyj ein reicher Mann. Er besitzt unter anderem Luxusimmobilien in Kiew und London. Anders als Kolomojskyj und andere Oligarchen ist er jedoch auf transparentem Wege, nämlich durch seine Kunst, an sein Vermögen gekommen.

Neben Kolomojskyj ist Selenskyjs Kompetenz sein größtes Problem. Er ist kein schlechter Redner, muss sich aber die politische Kunst noch aneignen und hat laut Augenzeugen bei vielen fachlichen Treffen, etwa mit den EU-Botschaftern, nicht gut abgeschnitten.

Derzeit versucht Selenskyj, Fachkräfte mit guter Reputation an sich zu binden, zum Beispiel den ehemaligen Finanzminister Olexander Danyljuk oder den ehemaligen Wirtschaftsminister Aivaras Abromavicius. Sie gelten als Reformer und sollen den Komiker beraten. Viele in der Ukraine sind derzeit überzeugt: Sollte es Selenskyj gelingen, noch mehr Leute wie die beiden Politiker an sich zu binden, dann wird seine fehlende Kompetenz bald nicht mehr zu spüren sein.

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