USA

Borscht-Belt-Renaissance

Jeffrey Kaplan ist ein fröhlicher und leutseliger Mann, einer, in dessen Gesellschaft man sich entspannt und unweigerlich gute Laune bekommt. Doch wenn Jeffrey an die Sommer seiner Jugend hier in Ellenville vor 50 Jahren denkt, bekommen seine Augen noch einmal ein zusätzliches Leuchten, und das Grinsen unter seinem Walross-Schnurrbart dehnt sich auf die ganze Breite seines Gesichts aus.

Wir sitzen in »Cohen’s Coffee Shop and Bakery« nur einen Straßenzug entfernt von der Main Street von Ellenville, einer Hauptstraße, wie es sie in amerikanischen Kleinstädten zu Tausenden gibt. Rechts und links reihen sich zweigeschossige Backsteinbauten aneinander, die Geschäfte an der Straße versorgen die Anwohner mit dem Nötigen wie schon seit 150 Jahren. Es gibt eine Bank, einen Diner, einen Kurzwarenladen, eine Apotheke, ein Geschäft mit Handwerksbedarf und einen Gemüseladen. Im Hintergrund erheben sich die grünen Hügel der Catskills, jenem ausgedehnten Mittelgebirge rund 200 Kilometer nördlich von New York City, das von manch einem bis heute die »jüdischen Alpen« genannt wird.

Der Spitzname stammt aus Jeffs Kindheit und den 20, 30 Jahren zuvor. Damals, etwa zwischen den 20ern und dem Ende der 60er-Jahre, waren die Catskills das beliebteste Ausflugs- und Sommerurlaubsziel von New Yorker Juden der bürgerlichen Mittelschicht, den Tausenden von Angestellten und Kleinunternehmern, die für ein paar Wochen im Jahr hier der Enge ihre Manhattaner Apartments und dem harten Broterwerb in der glühenden Stadt entflohen.

Elegante Prachtbauten im hochmodernen Stil der Zeit

Sie mieteten sich ein in Hotels wie das »Nevele« oder das »Tamareck« unmittelbar außerhalb von Ellenville, elegante Prachtbauten im hochmodernen Stil der Zeit inmitten weitläufiger Gelände, mit Swimmingpool, geschwungener Bar mit Blick ins Grüne und ausladendem Speiseangebot. Für 55 Dollar pro Woche bekam eine Familie damals drei Mahlzeiten am Tag, ganztägige Unterhaltung mit Sport und Spiel sowie Abendprogramm mit den besten Entertainern der Stadt.

Jerry Lewis trat hier ebenso auf wie Danny Kaye oder Lenny Bruce, Mel Brooks oder Joan Rivers und später auch Jerry Seinfeld.

Jerry Lewis trat hier ebenso auf wie Danny Kaye oder Lenny Bruce, Mel Brooks oder Joan Rivers und später auch Jerry Seinfeld. Für nicht wenige waren die Shows in den Hotels des »Borscht Belt«, wie man die Region damals auch nannte, das Sprungbrett zur großen Karriere.

Für Jeffrey und die anderen Jungs, die in Ellenville lebten, waren diese Sommer die schönste Zeit ihres Lebens. Schon mit 13 jobbte Jeffrey im Tamareck als Restaurantgehilfe. Er stand morgens um fünf auf, bereitete den Speisesaal vor, das Gleiche dann zum Mittag- und Abendessen. Dazwischen und vor allem danach mischte man sich unter die mondänen Gäste aus der Stadt und genoss das Nachtleben bis in die frühen Morgenstunden.

Ein Leben, das Jennifer Grey und Patrick Swayze als Borscht-Belt-Lovers im Hollywood-Hit Dirty Dancing verewigt haben. »Am Ende des Sommers warst du kaputt, aber auch reich. Ich habe oft mehr Trinkgeld verdient, als mein Vater Gehalt bekam«, sagt Jeffrey.

Damit finanzierte er sich unter anderem sein Studium. Jeffrey wurde Rechtsanwalt, tauschte die Catskills gegen die weite Welt. Doch seine Heimatliebe war stärker. Als sich die Gelegenheit bot, im Borscht Belt Hausbesitzer zu vertreten, deren Grundstücke für den Bau von Wasserreser­voirs enteignet werden sollten, kehrte er zurück. Bald wurde er zum Bürgermeister von Ellenville gewählt und sollte den Posten 22 Jahre lang behalten.

Jeffrey Kaplan musste den langsamen Niedergang des Borscht Belt mit ansehen und verwalten.

Als Bürgermeister musste Jeffrey den langsamen Niedergang des Borscht Belt mit ansehen und verwalten. »Es kamen ab Mitte der 60er-Jahre mehrere Dinge zusammen«, erklärt er. »Wir nennen sie die drei A: Assimilation, Air-Conditioning und Air-Travel (Flugreisen).«

Mit dem ersten A entfiel der Grund für jüdische Familien aus New York, sich überhaupt erst die Catskills als Urlaubsort auszusuchen. Mitte der 1920er-Jahre, als jüdische Einwanderer aus Osteuropa in die Mittelschicht aufstiegen und sich einen Urlaub leisten konnten, standen ihnen nicht viele Reiseziele offen. Hotels am Strand in Long Island oder New Jersey etwa nahmen damals noch keine Juden auf. In den Catskills, in denen schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert Juden Landwirtschaft betrieben, konnten sie sich Hütten und Lauben mieten und waren auch in Gasthäusern gern gesehen.

Das Goldene Zeitalter der amerikanischen Juden

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann jedoch das, was der Journalist Franklin Foer jüngst in einem langen Essay als das Goldene Zeitalter der amerikanischen Juden bezeichnete. Diese rückten in die Mitte der Gesellschaft, stiegen in entscheidende Positionen in allen sozialen und Wirtschaftsbereichen auf. Endlich war Schluss mit den Zugangsbeschränkungen zu Res­taurants, Hotels, Unterhaltungseinrichtun­gen und Klubs.

Die jüdische Mittelschicht konnte nun wie alle anderen Amerikaner nach Miami oder nach Kalifornien fliegen. Der Urlaub im Borscht Belt bekam plötzlich etwas Muffiges, Kleinkariertes. Das war etwas für Juden, die sich nichts anderes leisten konnten.

Der Niedergang des Borscht Belt bedeutete auch den Niedergang der Region. Die alten Branchen Landwirtschaft und Lederverarbeitung hatten schon lange an Bedeutung verloren, der Tourismus aus New York war für viele Gemeinden tragend geworden. Doch der brach mit Beginn der 70er-Jahre zunehmend weg.

Ellenville ging es noch gut, erzählt Jeffrey, es gab eine Messerfabrik und einen Hersteller von Radioantennen. Anderen Gemeinden sei es schlimmer ergangen. Vor den Toren vieler Orte eroberte die Natur die einst großartigen Urlaubs­hotels zurück. Sie wucherten zu, die Pools vermoderten, in den Zimmern lebten nun Vögel und Beutelratten. Einige wenige Resorts konnten sich bis in die 2000er-Jahre halten, vornehmlich besucht von einem alternden, nostalgischen Publikum. Auch den vielen Bungalow-Kolonien, wo in den goldenen Borscht-Belt-Zeiten Familien wohnten, die sich die Hotels nicht leisten konnten, erging es nicht besser.

Verkauf der »Four Seasons Lodge«

2005 zeigte ein anrührender Dokumentarfilm des »New York Times«-Journalisten Andrew Jacobs den letzten Sommer einer solchen Kolonie außerhalb von Ellenville, in der seit mehr als 30 Jahren eine Gruppe von Holocaust-Überlebenden gemeinsam ihre Sommer verbracht hatte. Der Verkauf der »Four Seasons Lodge«, wie die Kolonie und der Film hießen, nahm diesen Menschen im hohen Alter einen zentralen Anker ihrer Existenz.

Andere Kolonien fanden eine neue Klientel. Nachdem ihre weltlicheren Glaubensgenossen nach Florida abgewandert waren, nahmen sich zwischen Juni und August zunehmend ultra­orthodoxe Juden der Bungalow-Kolonien an. Bis heute ist es keine Seltenheit, dass man im Sommer durch kleine Ortschaften wie Fleischmanns fährt und auf der Straße fast ausschließlich Juden in traditionellen Gewändern sieht. Rund um den Ortskern nisten bescheidene Flachbauten in den Wäldern, in denen die oft kinderreichen Familien ihre Ferien verbringen, meist rund um das intensive Tora- und Talmud-Studium herum organisiert.

In Margaretville, dem Nachbarort von Fleischmanns, bietet sich derweil ein ganz anderes Bild. Die Hauptstraße, die noch vor wenigen Jahren bis auf die Dorfkneipe, einen Heimwerker- und einen Jagdbedarfsladen ausgestorben war, ist an einem gewöhnlichen Samstag im Sommer so belebt wie die Atlantic Avenue in Brooklyn. Es gibt gleich drei Cafés, vor denen die Menschen Schlange stehen, einen Feinkost- und einen Blumenladen und ein Immobilienmaklerbüro, dessen Schaufenster vor immer teurer werdenden Angeboten nur so überquillt.

Die Catskills erleben gerade ihr drittes Comeback

Denn die Catskills erleben gerade ihr drittes Comeback, wie die »New York Times« es jüngst nannte. Nach dem ersten Boom als Sommerfrische im ausgehenden 19. Jahrhundert und der klassischen Borscht-Belt-Zeit habe nun die Post-Covid-Renaissance eingesetzt.

Wer es sich leisten konnte, floh im Frühjahr 2020 aus Manhattan, als die Büros, Geschäfte und Restaurants schlossen, die Straßen ausgestorben waren und man in seinen oft winzigen Apartments eingesperrt war. Viele New Yorker kamen damals in die Catskills, die Berge waren nahe an der Stadt, und anders als im New York der vergangenen 30 Jahre waren die Immobilien hier überaus erschwinglich.

Viele blieben sogar, als die Epidemie abebbte und das Leben in die Stadt zurückkehrte. Josh und Tina Weinstein etwa, ein Psychotherapeut und die Direktorin einer Videoproduktionsfirma, kauften sich damals zu einem Spottpreis ein Haus in der Nähe von Margaretville und zogen mit ihrer kleinen Tochter ein. In die Stadt fahren sie nun nur noch drei Tage pro Woche, in den Sommermonaten nach Möglichkeit überhaupt nicht.

Die neue Migration hat die Gegend verändert. Das einst verarmte und heruntergekommene Hinterland ist wieder schick geworden. Es gibt Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten, die sogar New Yorker Ansprüchen genügen. Und nicht wenige der alten Borscht-Belt-Hotels wurden gekauft und werden nun für eine neue Klientel saniert.

In Ellenville hat jetzt ein kleines Borscht-Belt-Museum eröffnet.

So erstrahlt das Nevele außerhalb von Ellenville heute in neuem Glanz. Die Fassade des vierstöckigen Betonklotzes ist blank gewienert, die Marmorsäulen der Lobby glänzen wieder, und auf dem Keramik­boden liegt Auslegeware im Stil der 50er-Jahre. Zeitgenössischer Komfort wird mit der Nostalgie der alten Ära verbunden.

An anderen Orten wurden alte Hotels zu Wellness-Oasen mit Yoga-Kursen, Massagen und Drei-Sterne-Dinners im Angebot. Das Konzept geht auf. Man fährt heute wieder in die Catskills.

Interieurs der alten Hotels und Bungalows

Dabei lebt auch das Interesse an der Borscht-Belt-Kultur wieder auf. An der Hauptstraße von Ellenville hat in einem alten Bankgebäude, das einst Kredite an jüdische Landwirte vergab, ein kleines Borscht-Belt-Museum eröffnet. Jeffrey Kaplan ist Mitinitiator und Mitglied des Vorstands. Innen sind Interieurs der alten Hotels und Bungalows zu sehen, Flyer mit den Abendprogrammen und Videos von den Auftritten von Lenny Bruce, Jerry Lew­is und Mel Brooks.

Das Museum ist voll an einem verregneten Sommernachmittag, an dem es zu trübe und nass ist, um Baden oder Wandern zu gehen. Ein Mann um die 60, der sich als Joe vorstellt, berichtet, dass sich seine Eltern damals hier im Tamareck kennen- und lieben gelernt hätten und dann jeden Sommer zurückgekommen seien. Er selbst war seit Jahrzehnten nicht mehr hier. Doch in diesen Tagen sei er dabei, die Catskills neu zu entdecken. »Ich hatte völlig vergessen, wie schön es hier ist«, sagt Joe. Miami könne ihm in Zukunft gestohlen bleiben.

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