Myanmar

Beten neben Buddhas Tempel

Ein sonniger Nachmittag an einer Straßenecke in Yangon, der ehemaligen Hauptstadt Burmas, dem heutigen Myanmar. Eine schwarz gekleidete Frau mit traditionellem Niqab eilt hinter ihrem bärtigen Mann her, der einen weißen Kaftan trägt. Die beiden biegen von der Maha-Bandula-Straße links in die 26. Straße ein.

Noch einige Meter trennt das Paar vom Torborgen mit der Aufschrift »Musmeah Yeshua Synagogue«. Zwar treten die beiden nicht in das jüdische Bethaus ein, doch als sie daran vorbeigehen, grüßt der Muslim einen Mann mit Kippa und traditionellem Longyi, dem burmesischen Wickelrock, der fast ein bisschen verloren vor der Synagoge steht und dem geschäftigen Treiben der Straßenverkäufer und Teetrinker zuschaut.

Der Mann vor der Synagoge erwidert den Gruß. Er heißt Moses Samuel, ist 65 Jahre alt und inoffizielles Oberhaupt der jüdischen Gemeinde von Yangon. Einst lebten rund 2500 Juden in der Stadt, heute sind es nur noch knapp 20.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Myanmar ist ebenso wechselvoll und turbulent wie die des Landes. Im 19. Jahrhundert, als Burma der britischen Kronkolonie Indien einverleibt wurde, gelangte eine größere Zahl jüdischer Kaufleute über den Seeweg ins Land.

Die meisten stammten aus Kalkutta und übernahmen eine Brückenfunktion zwischen den Kolonialherren auf der einen sowie Händlern und Kaufleuten auf der anderen Seite. Namen wie Saul Aaron (er machte die Briten auf Ölfelder aufmerksam), Haskell und Ephraim Solomon (sie gründeten eine Eisfabrik) oder David Sofaer (er amtierte kurze Zeit als Ranguns Bürgermeister) erinnern an die wichtige Rolle, die Juden aus dem Westen in Burmas Gesellschaft und Wirtschaft einst spielten.

Zukunft Vor drei Jahren erkrankte Moses Samuel an Kehlkopfkrebs. Er kann sich deshalb nur mit einem Mikrofon an sein Gegenüber wenden. Doch das hat ihm die Lebensenergie nicht genommen. Er ist glücklich darüber, dass sein Sohn Sammy (34), der dank eines Stipendiums an der Yeshiva University in New York studiert und danach beim American Jewish Congress gearbeitet hat, in sein Heimatland zurückgekehrt ist.

Noch größer war die Freude, als Sammy vor zwei Jahren Zahava Elfhady heiratete, eine der ganz wenigen jungen Frauen aus der jüdischen Gemeinde des Landes. Zur Vermählung wurde ein Rabbiner aus Israel eingeflogen. Und außer den Gästen aus Übersee lud das Brautpaar Nachbarn und Freunde aus der unmittelbaren Umgebung ein – Angehörige aller möglichen Religionen, die noch nie in ihrem Leben auf einer jüdischen Hochzeit waren.

Die Samuels hoffen, mit ihrem Sein und Wirken den Faden dort wiederaufzunehmen, wo er gerissen ist, nämlich im Zweiten Weltkrieg, als Japan Burma und weite Teile Südostasiens besetzte.

Von den Japanern als britische Spione betrachtet, versuchten damals die meisten Juden zu fliehen. Sie wagten, da ihnen die Flucht auf dem Seeweg nach Indien versperrt war, den beschwerlichen Landweg, wie es ihnen auch Tausende andere Burmesen gleichtaten. Mehr als 5000 Menschen starben auf diesem Marsch Richtung Westen. Einige Juden kehrten 1948, als Burma unabhängig wurde, zurück ins Land ihrer Väter, andere wanderten ins neu gegründete Israel aus.

Für einige Jahre galten die Beziehungen zwischen den beiden Staaten, die im selben Jahr entstanden und zuvor Gebiete unter britischer Oberherrschaft waren, als sehr eng und freundschaftlich. Nachdem sich 1962 allerdings das Militär an die Macht geputscht hatte, schottete sich Burma unter einer Politik von Gewalt und Willkür für Jahrzehnte von der internationalen Staatenwelt ab.

Die jüdische Schule wurde geschlossen, und mit der Verstaatlichung der Wirtschaft verloren auch die letzten übrig gebliebenen jüdischen Kaufleute ihre Geschäfte. Erst mit dem Beginn der politischen Öffnung vor drei Jahren begann sich der Bambusvorhang langsam zu öffnen, und gleichzeitig reisten auch immer mehr Besucher ins Land.

Reisende Die Samuels grüßen wie selbstverständlich alle Besucher mit der gleichen Herzlichkeit, ob Juden oder Nichtjuden. Jeden Freitagabend und Samstagmorgen stehen sie vor ihrer Synagoge und hoffen, dass ein Minjan zustande kommt. Das passiert zwar äußerst selten, kommt aber hin und wieder dank Reisenden, Botschaftsangehörigen und anderen Besuchern doch vor, wenn auch meist nur an den Hohen Feiertagen.

Sohn Sammy hat inzwischen sein eigenes Reisebüro mit dem Namen Myanmar Shalom gegründet. Er bietet Touren für jeden Anspruch in das noch immer exotisch wirkende Land an. Fast jeder, der den Weg hierher findet, ist beeindruckt.

Die meisten Reisenden fühlen sich von der Umgebung angezogen: von den Glockenklängen des buddhistischen Tempels gegenüber der mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden Synagoge, den redseligen muslimischen Stoffhändlern an der Maha-Bandula-Straße, dem chinesischen Teestubenbesitzer – und den gastfreundlichen Samuels, die alles unternehmen, um den jüdischen Geist in Myanmar wachzuhalten. Lange haben sie daran gearbeitet. Ob ihr Wunsch in Erfüllung geht, hängt nicht mehr nur von ihnen ab.

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