Brüssel

Streit um Beschneider: US-Botschafter nennt Belgien »antisemitisch«

US-Botschafter Bill White (r) Anfang Januar mit dem belgischen Königspaar Philippe und Mathilde Foto: IMAGO/Photo News

Zwischen Belgien und den USA gab es am Montag eine Art diplomatisches Erdbeben, dessen Auswirkungen noch einige Zeit lang zu spüren sein dürften. Auslöser der Kontroverse war ein Post des amerikanischen Botschafters in Brüssel, Bill White, in dem er, entgegen allen diplomatischen Gepflogenheiten, den belgischen Behörden vorwarf, antisemitisch zu sein. Hintergrund ist ein laufendes Strafverfahren gegen drei Mohelim in Antwerpen, denen zur Last gelegt wird, illegal religiöse Beschneidungen durchgeführt zu haben.

White – ein politischer Unterstützer Trumps, der erst seit einigen Monaten als US-Botschafter im Königreich amtiert– forderte Belgien mit markigen Worten auf, das Verfahren gegen die Beschneider einzustellen und nannte es eine »inakzeptable Schikane der jüdischen Gemeinde«. Weiter schrieb er: »Wir schreiben das Jahr 2026, Sie müssen sich dem 21. Jahrhundert anpassen und unseren jüdischen Brüdern und Schwestern in Belgien erlauben, ihre Religionsfreiheit legal auszuüben!«

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Im Stil seines Präsidenten Donald Trump übte White zudem scharfe Kritik am Gesundheitsminister seines Gastlandes, dem Flamen Frank Vandenbroucke, den er zuvor getroffen hatte. Das Treffen war offenbar wenig harmonisch verlaufen. Eine »hinterhältige Taktik« sei es gewesen, so White, dass Vandenbroucke sich geweigert habe, ihm die Hand zu geben oder sich mit ihm fotografieren zu lassen. Es sei ihm klar geworden, dass der  flämische Sozialdemokrat »Amerika nicht möge«, obwohl »Zehntausende Söhne unserer Nation zweimal für die Freiheit Belgiens gestorben sind – im Ersten Weltkrieg und im Zweiten Weltkrieg.«

Am Montagnachmittag kam dann die Retourkutsche von Belgiens Außenminister Maxime Prévot. Ebenfalls auf X verbat er sich »jedwede Unterstellung, Belgien sei antisemitisch«. Das sei, so Prévot, »falsch« und »beleidigend«. Sein Land verurteile Judenhass mit aller Entschiedenheit. Der Kampf gegen Antisemitismus und alle Formen von Hass und Diskriminierung habe für Belgien »absolute Priorität« und sei ein »Grundpfeiler der Rechtstaatlichkeit«.

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Das belgische Recht erlaubt die rituelle Beschneidung nur, wenn sie von einem qualifizierten Mediziner unter strengen Gesundheits- und Sicherheitsstandards durchgeführt wird. Ausnahmen für die Religionsgemeinschaften existieren nicht.

Zum laufenden Strafverfahren gegen die drei Beschneider wollte Prévot sich nicht äußern. Doch dann teilte auch er kräftig aus. Die Aussagen Whites seien nicht hinnehmbar, wetterte der Minister. »Belgien als antisemitisch zu bezeichnen, ist nicht nur falsch, sondern auch gefährliche Desinformation, die den tatsächlichen Kampf gegen Hass untergräbt.« Er habe White deshalb für Dienstag ins Außenministerium einbestellt.

Dann maßregelte Prévot den US-Diplomaten noch mit strengen Worten: »Ein in Belgien akkreditierter Botschafter hat die Pflicht, unsere Institutionen, unsere gewählten Vertreter und die Unabhängigkeit unseres Justizsystems zu respektieren. Persönliche Angriffe gegen einen belgischen Minister und Einmischung in Justizangelegenheiten verstoßen gegen grundlegende diplomatische Normen.« Die Achtung der Souveränität müsse für beide Seiten gelten.

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Doch damit öffnete Prévot erst recht die Büchse der Pandora. Denn Botschafter White antwortete ihm noch am Montagabend in aller Ausführlichkeit und in fast schon höhnischem Ton. »Maxime, mein guter Freund, da Sie Ihre Gedanken öffentlich niedergeschrieben haben, muss ich Sie – bei allem Respekt – dann doch korrigieren. Wir haben in KEINER Weise jemals vorgeschlagen, dass eine politische Person in der Regierung in ein vor Gericht anhängigen Fall einmischen soll. Dennoch muss der Fall sofort eingestellt werden. Ich habe öffentlich gesagt, dass es sich um getrennte, gleichwohl SEHR miteinander verbundene Themen handelt.«

In Belgien, so White weiter, würden regelmäßig Tausende von Beschneidungen durchgeführt; Antwerpen sei Heimstatt einer großen charedischen Gemeinschaft. »Warum also gerade jetzt, warum gerade diese drei Mohelim, warum gerade in Antwerpen, der großen Diaspora schöner jüdischer Familien hier in Belgien, und warum gerade dieser Fall?« fragte er den Minister.

Dann legte er nach. Es handele sich »ABSOLUT um eine Frage des Antisemitismus«. Man müsse die Zulassung für Mohelim ändern. Falls das nicht geschehe, könne die Strafverfolgung »dieser drei wunderbaren, religiös qualifizierten und großartigen Männer« nur als antisemitisch bezeichnet werden, so der Botschafter.

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Dann legte er noch eine Schippe drauf und attackierte erneut den Gesundheitsminister – »Ihren Kollegen Frank«, wie er ihn Prévot gegenüber nannte. »Unhöflich«, ja sogar »ziemlich widerwärtig« habe der sich ihm gegenüber verhalten, erklärte White. »Mir wurde gesagt, dass er meinen großartigen Präsidenten nicht mag.«

Trotzdem habe er versucht, Vandenbroucke davon zu überzeugen, eine einfache Änderung am Zulassungsverfahren vorzunehmen, schrieb der Botschafter, »wie es in Amerika und in zivilisierten Ländern wie Deutschland der Fall ist«. Doch der Minister habe entschieden abgewehrt. »Frank sagte uns, er wolle zunächst die Entscheidung in diesem Fall abwarten. Meiner Meinung nach ist auch das eine antisemitische Entscheidung. So oder so ist es antisemitisch.«

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White nannte es seine Pflicht, öffentlich dafür einzutreten, dass dieses Verfahren akzeptiert wird. »Das ist etwas, um das mich auch mein Präsident, meine Regierung und Dutzende von Botschafterkollegen in Belgien gebeten haben, und es ist etwas, das mein moralisches Gewissen von mir verlangt.« Er sei als »gläubiger Katholik« jemand, der immer »für die Religionsfreiheit meiner jüdischen Brüder und Schwestern kämpfen« werde. Tausende Menschen hätten sich an ihn gewandt, schrieb White.

An Prévot gewandt sagte er: »Ich habe großen Respekt vor Ihnen und finde, dass Sie als stellvertretender Premierminister und Außenminister großartige Arbeit leisten. Ich weiß, dass Sie ebenfalls großen Respekt vor mir haben. Wir haben uns dies wiederholt gesagt und meinen es beide aufrichtig.« Er wolle trotz allem die »bereits hervorragenden Beziehungen zwischen Belgien und den Vereinigten Staaten von Amerika weiter stärken«.

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Ob das nach dem in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Streit noch der Fall sein wird, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Am späten Montagabend mischte sich auch Israels Außenminister Gideon Sa’ar in die Kontroverse ein und dankte White für dessen klare Worte. Auch Sa’ar kritisierte Prévot scharf und zeigte sich offen für Whites Vorschlag, gemeinsam Antwerpen zu besuchen.

Unterstützung bekam der US-Botschafter auch aus der jüdischen Gemeinschaft in Belgien. Die Erklärung zeige, dass »Amerika weiterhin ein Versprechen einhält, zu dessen Einhaltung sich auch Europa verpflichtet hat: den Schutz des jüdischen Lebens und die Gewährleistung, dass Juden offen und sicher leben können«, sagte Ralph Pais, stellvertretender Vorsitzender des Jüdischen Informations- und Dokumentationszentrums (JID). »Wir erwarten von Belgien, dass es sich uneingeschränkt an die Grundsätze und demokratischen Werte hält, zu deren Einhaltung es sich bekannt hat.«

Doch es gab auch kritische Reaktionen auf die Intervention des US-Botschafters. Der ehemalige Justizminister Belgiens, Vincent Van Quickenborne, bezichtigte den einzigen jüdischen Abgeordneten im föderalen Abgeordnetenhaus, Michael Freilich, die Kontroverse losgetreten zu haben, und suggerierte indirekt eine jüdische Verschwörung.

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Belgien war in jüngster Zeit mehrfach mit Antisemitismus in den Schlagzeilen. Im Sommer 2025 sagte das Flandern-Musikfestival Gent ein geplantes Konzert der Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Lahav Shani ab, weil dieser sich geweigert hatte, eine Erklärung zu unterschreiben, mit der er sich vom Vorgehen Israels in Gaza distanzieren sollte. Die sozialdemokratische Partei Vooruit, der Frank Vandenbroucke angehört, gehört zu den treibenden politischen Kräften, die für eine schärfere Abgrenzung gegenüber Israel plädieren.

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