Ukraine

Auf alles vorbereitet

Am Montag im Zentrum von Kiew: Gedenkmauer für ukrainische Soldaten, die im Osten des Landes im Krieg getötet wurden Foto: picture alliance / NurPhoto

In der Unterzeichnung der Freundschafts- und Beistandsverträge zwischen der Russischen Föderation und den sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk sehen viele Beobachter eine Selbst­offenbarung Russlands. Der Kreml versucht nicht mehr länger, einen Anschein von Legalität vorzutäuschen, und verletzt offen internationales Recht.

Das direkte Eingreifen russischer Truppen in Gebiete im Osten des Landes, die nicht von der ukrainischen Regierung kontrolliert werden, versteht man in Kiew als einen Akt unverhüllter bewaffneter Aggression. Und so verfolgten die Ukrainer, auch die Mitglieder der örtlichen jüdischen Gemeinschaft, am Montagabend die Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit Spannung.

Anna (46) bangt um ihren Sohn: Er erreicht bald das Militäralter.

»Es ist schwer, dies als etwas anderes als eine Kriegserklärung zu sehen«, sagt Elena. Die 52-jährige Geschichtslehrerin will Kiew nicht verlassen. Auf die Frage, wie sie sich persönlich auf die weitere Entwicklung der Ereignisse vorbereite, sagt sie ein wenig verwundert, dass sie mehrere Dosen Konserven gekauft habe. »Wie kann ich mich sonst vorbereiten? Wenn es zu einer Offensive kommt, wird sich die russische Armee wahrscheinlich nicht auf die Hauptstadt beschränken. Russland wird wahrscheinlich das ganze Land einnehmen wollen, um ein kontrolliertes Besatzungsregime zu errichten. Schließlich streitet Putin nicht nur der ukrainischen Regierung die Legitimität ab, sondern dem ukrainischen Staat selbst.«

UNABHÄNGIgKEITSKRIEG Anna (46), Übersetzerin, sieht die Situation ähnlich. »Russland erklärt direkt, dass es uns vernichten, unser Territorium erobern und sich unsere Geschichte aneignen will. Die russische Botschaft ist sehr klar formuliert. Sie werden niemals aufhören. Es reicht ihnen nicht, die Krim einzunehmen, den Donbass einzunehmen.«

Vor zwei Jahren hat Anna Yoram Kaniuks Roman 1948, die Erinnerungen eines jungen Freiwilligen, der am israelischen Unabhängigkeitskrieg teilnahm, vom He­­bräischen ins Ukrainische übersetzt. »Heute«, sagt sie, »erleben wir unseren Unabhängigkeitskrieg. Einen Krieg um unsere Existenz. Wir müssen durchhalten, wir haben keine andere Wahl.« Am meisten, sagt sie, mache sie sich Sorgen um ihren Sohn. Er wird in wenigen Monaten das Alter für die Einberufung zum Militär erreichen.

Viele Ukrainer lassen sich von der Aussicht, zum Militär einberufen zu werden, nicht einschüchtern. Nach der vom russischen Staatsfernsehen übertragenen Rede von Wladimir Putin am Montagabend bildeten sich am Dienstagmorgen in Kiew Schlangen vor den Militärregis­trierungs- und Rekrutierungsbüros. Freiwillige durchlaufen eine militärische Grundausbildung und werden dann der aktiven Reserve der Armee zugeteilt. Wenn die Kräfte der regulären ukrainischen Armee nicht ausreichen, sollen die Reservisten den Kern des Widerstands bilden.

Am Dienstagmorgen standen Schlangen vor den Rekrutierungsbüros in Kiew.

Lyudmila (35) ist eine sogenannte Binnenvertriebene von der Krim. Sie sagt, sie sei bereits vor acht Jahren, als Russland die Halbinsel annektierte, gezwungen gewesen, ihre Heimat zu verlassen und vor dem Krieg zu fliehen. Nun droht sie der Krieg erneut einzuholen. Sie erzählt, dass sie sich als Erstes einen »Alarmkoffer« zusammengestellt hat – eine Reihe von wichtigen Dingen für den Fall, dass ihre Wohngegend evakuiert wird. Doch dann beschloss sie, sich bei den Verteidigungskräften zu melden. »Ich will nicht ein zweites Mal mein Haus verlieren«, sagt sie. Wie viele andere hat sie kürzlich mehrere Erste-Hilfe-Kurse absolviert und hofft, dass sie als Sanitäterin nützlich sein kann.

SICHERHEIT Auch der 48-jährige Konstantin ist ein Binnenvertriebener. Er lebte früher in Luhansk und hat sich bereits im vergangenen Frühjahr beim Militärregis­trierungsbüro angemeldet. Damals konzentrierte Russland zum ersten Mal bedeutende Militärkräfte nahe der ukrainischen Grenze. Seit fast einem Jahr trainiert Konstantin zusammen mit anderen Freiwilligen.

Er mache sich große Sorgen um seine Familie, sagt er. Denn falls es zu einer schnellen russischen Invasion kommt, werde er sicherlich sofort mobilisiert werden und hat dann keine Zeit mehr, seine Familie in Sicherheit zu bringen. »Deshalb dürfen wir die russische Armee nicht nach Kiew durchlassen.«

Die Unentschlossenheit der westlichen Diplomatie macht Konstantin wütend. »Worauf warten sie in den europäischen Hauptstädten? Auf Bilder vom zerstörten Kiew in den Nachrichten? Und Millionen Flüchtlingen an der polnischen Grenze? Ist es denn wirklich nicht klar, dass es leichter ist, Krieg zu verhindern als ihn zu stoppen.«

Viele Rabbiner versuchen ihre Gemeindemitglieder aufzumuntern: »Alles wird gut.«

Unterdessen sandte das Bundeskanzleramt eine Antwort auf einen Sammelaufruf mehrerer Hundert ukrainischer Juden. Sie hatten Bundeskanzler Olaf Scholz Anfang des Monats »angesichts einer möglichen Eskalation der bewaffneten Aggression Russlands« aufgefordert, »entschlossenere Maßnahmen zu ergreifen, um die russische Aggression abzuschrecken« und den Widerstand gegen deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine aufzugeben, da er »logisch nicht zu rechtfertigen und moralisch inakzeptabel« sei.

Die Antwort auf das Schreiben wurde vor einigen Tagen über die deutsche Botschaft in der Ukraine übermittelt. Darin heißt es: »Wir stehen gemeinsam mit unseren westlichen Partnern und Verbündeten zu weiteren Beratungen mit Russland über Sicherheitsfragen bereit. (…) Die Ukraine kann sich gewiss sein, dass wir fest und geschlossen an ihrer Seite stehen.« Deutschland sei »seit vielen Jahren der größte Geber für die Ukraine, bilateral und europäisch«. Überdies beabsichtige die Bundesregierung, »ihr entwicklungspolitisches Engagement für die Ukraine noch weiter aufzubauen«.

Nichts Konkretes über eine Änderung der deutschen Politik. Die Verfasser des Sammelaufrufs sind enttäuscht.

Die Rabbiner im Land versuchen in diesen Tagen die Gemeindemitglieder aufzumuntern: »Alles wird gut«, ist sich der Kiewer Rabbiner Moshe Reuven Azman sicher. »Licht besiegt immer die Dunkelheit, das lehrt uns unsere Tradition. Wir beten jeden Tag für den Frieden in der Ukraine. So sei es, Amen.«

Bonn/Berlin

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