Sydney

54 Minuten Horror am Bondi Beach

An einem warmen Sommerabend kommen mehr als 1000 Menschen zur alljährlichen Veranstaltung »Chanukah by the Sea«, die von Chabad anlässlich des ersten Abends des Lichterfests am berühmten Bondi Beach ausgerichtet wird. Es gibt ein Musikprogramm, traditionelles Essen und einen Streichelzoo für Kinder. Um 18.47 Uhr geht der erste Notruf bei der Polizei ein. Schüsse seien zu hören. Chaos bricht aus, Schreie und Blut füllen den Ort, der gerade noch voll festlicher Freude war. Plötzlich rennen am Strand Tausende Menschen um ihr Leben.

Beim schwersten antisemitischen Angriff auf australischem Boden wurden am Sonntag 15 Menschen ermordet und 43 verletzt, viele davon schwer. Das jüngste Opfer ist ein zehnjähriges Mädchen, das älteste ein 87-jähriger Schoa-Überlebender. Unter den Toten und Verletzten sind Eltern, die mit ihren Kindern zum Festival gekommen waren. Zeugen beschreiben Szenen, wie Erwachsene mit ihren Körpern Kinder schützten, als die ersten Schüsse fielen. Wie Fremde halfen, Verletzte in Sicherheit zu bringen.

Mehrere Gemeindemitglieder verloren an diesem Tag ihr Leben, darunter der Gastgeber, Rabbi Eli Schlanger, Vater von fünf Kindern und Seelsorger im Strafvollzug in New South Wales. Der 41-Jährige hatte erst vor sechs Wochen sein jüngstes Baby willkommen geheißen. Rabbi Yaakov Levitan, 39, war Vater von vier Kindern und Sekretär des Beit Din. Marika Pogány, 82, unterstützte seit zehn Jahren ehrenamtlich »Essen auf Rädern« und das Center of Activity Sydney, eine Organisation, die gemeinnützige Dienste für ältere jüdische Menschen anbietet.

Auch eine Zwölfjährige erlag ihren Verletzungen

Dan Elkayam, ein 27-jähriger Ingenieur aus Frankreich, arbeitete seit 2024 in Sydney und wurde erschossen, als er versuchte, ein junges Mädchen zu beschützen. Mit »tiefer Trauer« habe er von Elkayams Tod erfahren und spreche seinen Angehörigen sein Beileid aus und versichere die Solidarität der Nation, schrieb Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf X. Tibor Weitzen, 78, war mit Frau und Enkeln gekommen. Er war berühmt und beliebt für sein Lächeln und seine Gutmütigkeit. Er wurde erschossen, als er Edith Brutman, Vize-Präsidentin des regionalen B’nai B’rith, zu schützen versuchte. Vergeblich. Der 87-jährige Alex Kleytman hat mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder die Schoa in Sibirien überlebt. Mit seiner Frau Larisa war er später aus der Ukraine nach Australien ausgewandert. Kleytman schirmte sie mit seinem Körper vor Kugeln ab. Er rettete ihr Leben – und verlor das seine.

Kleytman schirmte seine Frau mit seinem Körper ab. Er rettete ihr Leben – und verlor das seine.

Die zehnjährige Matilda hatte mit ihrer sechsjährigen Schwester Spaß beim Chanukka-Fest am Strand. Als die Terroristen das Feuer eröffneten, wurde sie vor den Augen ihrer Schwester tödlich getroffen. Peter Meagher war 40 Jahre lang den Gefahren des Polizeidienstes ausgesetzt. Als Rentner ging der Rugby-Fan nun seinem Hobby nach, der Fotografie. Er war engagiert worden, auf dem Festival Fotos zu machen. Boris Tetleroyd war mit seinem Sohn gekommen. Der Vater starb noch vor Ort, während der Sohn im Krankenhaus um sein Leben kämpft. Außerdem soll eine Zwölfjährige ihren Verletzungen erlegen sein.

Um 19.41 Uhr erklärt die Polizei, die Schützen seien ausgeschaltet. Später bestätigen die australischen Behörden, dass es sich bei den zwei Angreifern um Vater und Sohn handelte: den 50-jährigen Sajid A. und den 24-jährigen Naveed. Der Vater hatte einen Waffenschein und besaß legal sechs Waffen, die am Tatort und in seinem Haus gefunden wurden. Eine Sprengstoffeinheit sicherte im Auto der Angreifer selbst gebaute Bomben. In dem Wagen wurden auch zwei selbst gemachte Flaggen des »Islamischen Staates« (IS) entdeckt.

Schärfere Waffengesetze

Der Vater wurde bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötet, der Sohn konnte festgenommen werden, nachdem er im Feuergefecht mit den Sicherheitskräften schwer verletzt worden war. Die Bundespolizei hat nun bekannt gegeben, dass er mittlerweile aus dem Koma erwacht sei. Man warte darauf, dass er wieder volles Bewusstsein erlange, um ihn offiziell anklagen zu können. Naveed war zuvor von der inneren Sicherheitsbehörde des Landes überprüft und als nicht gefährlich eingestuft worden, teilte die Polizei ebenfalls mit.

Nach dem Massaker am Strand hat die australische Regierung eine sofortige Änderung der bereits strengen Waffengesetze angekündigt. Premierminister Anthony Albanese erklärte am Dienstag gegenüber dem Kabinett, dass »gezielte und entschiedene Maßnahmen zur Reform der Waffengesetze erforderlich sind«.

Die strengen Waffengesetze waren nach dem Massaker von Port Arthur in Tasmanien im Jahr 1996 eingeführt worden, bei dem 35 Menschen ermordet wurden. Bei der ersten Waffenamnestie wurden damals mehr als 600.000 Waffen bei den Behörden abgegeben. In den folgenden drei Jahrzehnten fanden weitere Amnestien statt.

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Aktuell analysierte Zahlen aus dem Waffenregister von New South Wales (NSW) zeigen, dass eine kleine Anzahl von lizenzierten Waffenbesitzern in Sydney eine außerordentlich große Menge von Schusswaffen besitzt. Laut einer Recherche des »Guardian Australia« nennen allein 100 Lizenzinhaber in NSW mehr als 13.000 Schusswaffen ihr Eigen. Viele von ihnen leben in den Vororten von Sydney und nicht in ländlichen Gebieten.

Chris Minns, Premierminister von New South Wales, teilte der Öffentlichkeit mit, er plane, in New South Wales die strengsten Vorschriften aller Bundesstaaten einzuführen. Die Regierung schlägt vor, die Anzahl der Schusswaffen zu begrenzen, Lizenzen auf australische Staatsbürger zu beschränken, »unbegrenzte« Lizenzlaufzeiten zu beenden und neu zu bewerten, was einen angemessenen Grund für den Besitz einer Waffe darstellt, beispielsweise die Arbeit in Primärindustrien wie Landwirtschaft und Viehzucht.

Terroranschlag mit antisemitischem Motiv

Die australische Polizei und die Bundesbehörden bezeichnen die Tat vom Bondi Beach als Terroranschlag mit antisemitischem Motiv und gehen aufgrund von Beweismitteln davon aus, dass die Täter sich von der Ideologie des IS haben beeinflussen lassen. Jüngste Ermittlungen ergaben, dass die beiden Täter sich vor dem Anschlag wochenlang auf den Philip­pinen aufhielten. Dort haben sie sich möglicherweise von Extremisten militärisch ausbilden lassen.

Nach dem Blutbad am Strand wurden mehrere Geschichten über Mut und Heldentum bekannt. Mindestens vier Menschen versuchten, die Terroristen aufzuhalten. Drei davon haben dies mit ihrem Leben bezahlt.

Das bisher bekannteste Video zeigt, wie ein Passant einen der Angreifer rücklings überwältigt und entwaffnet (vgl. Seite 6). Ahmed Al-Ahmed, ein 43-jähriger muslimischer Vater von zwei kleinen Töchtern, wurde im Anschluss selbst mehrfach in Arm und Schulter getroffen, schaffte es aber, Menschen Zeit zu geben zu fliehen. Damit rettete er Leben.

Das Ehepaar Gurman stirbt in einer Umarmung

Al-Ahmed lebt seit 2006 in Aus­tralien und führt einen kleinen Tabakladen in einem Vorort von Sydney. Er habe viel Blut verloren und müsse mehrfach operiert werden, sagen Angehörige. Man hoffe, dass sein Arm gerettet werden kann. Auch zwei Polizisten, Scott Dyson und Jack Hibbert, wurden bei dem Anschlag schwer verletzt und befinden sich noch im Krankenhaus.

Am Dienstag wurde ein weiteres Video bekannt, das zeigt, wie das russisch-jüdische Ehepaar Boris und Sofia Gurman, 69 und 61 Jahre alt aus Bondi, sich gegen den älteren der Angreifer zur Wehr setzte. Als der Terrorist mit einem Gewehr aus dem Fahrzeug stieg, griff Boris Gurman ihn direkt an und konnte ihm kurzzeitig die Waffe entreißen. Doch Sajid A. nahm eine weitere Waffe und erschoss das Ehepaar, das noch am Tatort starb. Laut dem »Sydney Morning Herald« zeigen Drohnenaufnahmen, wie die Gurmans in einer Umarmung neben dem mit der Flagge des »Islamischen Staates« bedeckten Auto liegen.

»Er schrie den Terroristen an und verteidigte seine Gemeinde. Kämpfend ging er zu Boden.«

Tochter über Reuven Morrison

Auch der 62-jährige Reuven Morrison hatte sich einem der beiden Angreifer entgegengestellt und wurde erschossen. Das aus der ehemaligen Sowjetunion stammende aktive Chabad-Mitglied wurde von seiner Tochter anhand von Videoaufnahmen identifiziert. Es ist zu sehen, wie er Ziegelsteine auf den Schützen wirft, den Al-Ahmed zuvor entwaffnet hatte. »Er schrie den Terroristen an und verteidigte seine Gemeinde. Kämpfend ging er zu Boden, um die Menschen zu beschützen, die er am meisten liebte«, wird seine Tochter zitiert. In einem Interview mit dem Sender ABC im Jahr 2024 hatte Morrison gesagt, er habe als Jude in der Sowjetunion Verfolgung erlebt, aber nicht erwartet, dass dies auch in Australien passieren würde. »Wir kamen hierher mit der Vorstellung, dass Australien das sicherste Land der Welt ist und Juden in Zukunft nicht mehr mit solchem Antisemitismus konfrontiert sein würden, sodass wir unsere Kinder in einer sicheren Umgebung großziehen können.«

In den Tagen nach dem Terroranschlag hat Australien eine außergewöhnliche Welle der Solidarität erlebt. Es werden Mahnwachen abgehalten, Flaggen auf halbmast gesetzt – und ein neuer Rekord beim Blutspenden aufgestellt. Tausende Australier strömen zu Zentren im ganzen Land. Politiker aller Couleur verurteilen die Gewalt und bezeichnen sie als einen Angriff nicht nur auf die jüdische Gemeinschaft, sondern auf ganz Australien. Aus Respekt vor den Opfern und der jüdischen Gemeinschaft werden alle für das Wochenende geplanten Weihnachtsfeierlichkeiten verschoben oder abgesagt.

Der Anschlag schürt weiter die Angst vor Antisemitismus im Land

An der provisorischen Gedenkstätte im Bondi Pavillion liegen handgeschriebene Nachrichten und Blumensträuße. Psychologische Betreuer stehen für alle bereit, die jemanden zum Reden brauchen. Sprecher der jüdischen Gemeinschaft zeigen sich überwältigt von der Unterstützung aus der Bevölkerung und preisen die starke Symbolik, dass nichtjüdische Australier in ihrer Trauer Schulter an Schulter mit ihnen stehen.

Doch wächst auch eine anhaltende Unruhe: Der Anschlag schürt weiter die Angst vor Antisemitismus im Land. Seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem daraus resultierenden Krieg in Gaza haben Juden mit einer Zunahme hasserfüllter Rhetorik zu kämpfen, die immer wieder zu gewalttätigen Ausbrüchen führt.

Antisemitische Beleidigungen, Drohungen und Vandalismus haben in den vergangenen zwei Jahren sowohl online als auch im öffentlichen Raum Rekordwerte erreicht. In Synagogen und jüdischen Schulen im ganzen Land wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Familien sind zutiefst besorgt. Sie wissen, dass es nicht darum geht, ob, sondern wann sie gezielt angegriffen werden. So wie am 14. Dezember am Bondi Beach.

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