100. Geburtstag

Zwei Zimmer in der Rosenbaumstraße

Unscheinbar ist noch untertrieben. An einer Straßenecke westlich der Tel Aviver Hauptstraße Ibn Gvirol liegt ein kleiner, weiß getünchter Wohnblock. Nichts Besonderes in dieser Straße. Die Tür zur Wohnung ist aus braunem Holz, darüber nistet eine Taube. Auch das ist nicht weiter verwunderlich. Der Bewohner an der Rosenbaumstraße 1 aber war gänzlich außergewöhnlich: Es war Menachem Begin (1913–1992), ehemaliger Ministerpräsident und davor von den Briten gesuchter Untergrundkämpfer. In diesem Monat wäre er 100 Jahre alt geworden.

Mal war er ausgemergelter Professor, mal Rabbiner in voller Montur, der an einer Jeschiwa lehrte. Begin hatte viele Verkleidungen. Denn seit frühester Jugend musste er sich vor Feinden verstecken: erst vor den Nazis, dann vor den Russen, die ihn in den Gulag steckten, vor politischen Gegnern und vor allem vor den Briten. Doch sie fanden ihn nie. Denn Begins Versteckspiel war perfekt. Sein Weg führte von Tel Aviv über Jerusalem nach Safed, Petach Tikwa und wieder zurück in die Stadt am Meer. 1947 kam er in der Rosenbaumstraße an.

Lange Jahre lebte er in dieser Wohnung und hoffte auf eines: Premierminister seines Staates zu werden, für dessen Freiheit und Unabhängigkeit er stets sein Leben eingesetzt hatte. Der Schoa-Überlebende aus Polen war Kopf der jüdischen Untergrundorganisation Etzel, die von den Briten, unter deren Mandat das damalige Palästina stand, als Terrorgruppe eingestuft wurde.

Bescheiden Gemeinsam mit Ehefrau Aliza und den beiden gemeinsamen Kindern wohnte er in zweieinhalb Zimmern. »Ich ziehe erst hier aus, wenn ich Ministerpräsident bin«, hat er gesagt. Bis zum Umzug sollte es drei Jahrzehnte dauern. Seine Reden, für die er so bekannt war, schrieb er auf der kleinen Terrasse, die heute nicht mehr existiert. Doch das Stück Garten soll noch immer so aussehen wie damals. Das sagt jedenfalls Beni Cohen, Student und glühender Verehrer des »Ausnahmepolitikers«, der am vergangenen Freitag – Begins Geburtstag – für das Begin Heritage Center in Jerusalem an wichtigen Lebensstationen in Tel Aviv entlangführt.

Die zehn Teilnehmer des Rundganges »Auf den Spuren von Begin« versuchen, einen Blick in die Räume zu erhaschen. Doch die Jalousien sind fest verschlossen. Die Wohnung ist weder Museum noch Archiv. Heute leben hier »ganz normale Leute«, wie Cohen nebenbei bemerkt.

»Es ist unglaublich, dass man nicht sehen kann, wie einer der bedeutendsten Israelis gewohnt hat«, ereifert sich eine Frau, die ihre zwei Kinder im Schlepptau hat. »Dann könnte sich jeder davon überzeugen, wie die Politiker damals gelebt haben und wie unglaublich verschwenderisch es heute zugeht.« Das stimme wohl, gibt Cohen zu, aber so sei es nun einmal. Israelischer Pragmatismus live.

Die Frau gibt nicht auf. »Ben Gurions Wohnung in Tel Aviv ist doch auch ein Museum. Und der hatte sogar zwei Duschen. Ganz anders als Begin, den man nur als Inbegriff der Bescheidenheit bezeichnen kann.« Also, einen ausufernden Lebensstil könne man David Ben Gurion wohl nicht vorwerfen, ruft ein Mann in die Runde. »Na ja«, meint die Frau und zieht ihre Augenbrauen in die Höhe. »Ich bin halt ein riesiger Begin-Fan.«

Cohen animiert zum Weitergehen. Am Haus ist eine Tafel angebracht. Auf Hebräisch und Englisch steht darauf, wer dort residierte. Weiter geht es zum Haus von Begins »rechter Hand«. Jechiel Kadischai lebte nur fünf Minuten Fußweg von seinem Chef entfernt. »Sie waren im Charakter sehr ähnlich«, erklärt der Reiseleiter. »Beide waren völlig ihrer Sache verschrieben, hatten kein Interesse an materiellen Gütern. Weder der eine noch der andere verfügte über einen Führerschein. Sie nahmen stets den Bus.«

Als Begin von 1977 bis 1983 schließlich auf dem Chefsessel seines Landes Platz nahm, machte er Kadischai zu seinem Privatsekretär. Auch Loyalität hatte eine große Bedeutung für den kleinen Mann.

Rhetorik Nach einem kurzen Stopp am Etzel-Museum und dem daneben gelegenen Jabotinsky-Institut an einer Ecke der King-George-Straße geht es weiter zu einem der berühmtesten Plätze in Israels Geschichte: dem Mugrabi. Dort, wo heute ein öder Parkplatz liegt, stand vor vielen Jahren Tel Avivs größtes Kino, und es jubelten die Massen. »Die Leute kamen von nah und fern, um Begin reden zu hören«, so Cohen. »Er war ein außergewöhnlich talentierter Rhetoriker. Zu einer seiner ersten Reden versammelten sich hier 52.000 Menschen. Sogar die, die ihn nicht wählten, kamen. Das schafft heute kein Politiker mehr.«

Beim Weitergehen erzählt der junge Begin-Anhänger, welches Missverständnis die Attacke auf das King-David-Hotel in Jerusalem 1946 gewesen sei. Der Etzel-Anführer habe darauf bestanden, die Briten eine halbe Stunde vor dem Angriff zu warnen, erläutert er. Und sogar fünf Minuten vorher habe es noch eine Warnung gegeben. Doch die Briten glaubten dem Anrufer nicht. Also flog der Flügel des Hotels in die Luft. 91 Menschen starben, darunter 17 Juden.

»Begin war darüber am Boden zerstört«, macht Cohen überdeutlich, »das hatte er auf keinen Fall gewollt.« Anschließend habe Begin vorgehabt, sich im Radio dafür zu entschuldigen. Doch in dem Moment, als er vor dem offenen Mikrofon saß und den Satz »Ani mitnazel« bereits auf der Zunge hatte, schalteten ihm Gesinnungsgenossen, die neben ihm saßen, den Strom ab.

Deutlich Auch wenn ihm vor allem dieses Ereignis viele Kritiker in der ganzen Welt bescherte: In der Position des Staatschefs von Israel versteckte sich Begin nicht mehr. Und nahm kein Blatt vor den Mund. Als US-Präsident Jimmy Carter ihn auf den umstrittenen Status von Jerusalem als Hauptstadt ansprach, erwiderte er: »Ihr habt Washington DC, wir haben Jerusalem DC – David’s capital.«

Begin war ein Premier, den man bei allem Wohlwollen nicht als Taube bezeichnen kann. Und doch war er es, der Frieden mit den Ägyptern schloss und dem Nachbarn Anwar al-Sadat die Hand schüttelte. Vor der Rückgabe des Sinai an Ägypten schrieb das junge israelische Mädchen Bonni Sorek einen Brief: »Lieber Premierminister, bitte evakuieren sie unsere Siedlung nicht, sie ist mein Zuhause.« Begin antwortete persönlich: »Liebe Bonni, manchmal müssen wir gehen – auch wenn es wehtut. Denn viel wichtiger als der Krieg ist der Frieden.«

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