Welche Geräusche hört man in einem Technologie-Zentrum? Lastwagen beim Einparken? Die Kühlanlagen von Rechenzentren? Der Matam-Park in Haifa klingt anders. Wer das Gelände aus Richtung Süden betritt, kommt zuerst an einem Kindergarten und einem Basketballplatz vorbei. Und wenn der Wind vom Meer her weht, sind manchmal sogar die Lautsprecheransagen der Rettungsschwimmer zu hören.
Etwa 15.000 Menschen arbeiten hier. Und es soll ihnen an nichts fehlen. Denn Israel ist ein kleines Land. Abgesehen von einem Erdgasfeld vor der Küste und beliebten Mineralstoffen aus dem Toten Meer kann es kaum auf Rohstoffe zurückgreifen. Die wichtigste Ressource sind daher kluge Köpfe. Absolventen des Technion in Haifa zum Beispiel, der ältesten technischen Hochschule des Landes. Mit ihrer Ausbildung sind sie weltweit gefragt. Und Israel kann es sich nicht leisten, sie ans Ausland zu verlieren.
Auf dem Silbertablett
»Seinen guten Ruf bekam Matam zuerst dank weitläufiger Flächen und der guten Verkehrsanbindung zwischen den Autobahnen zwei und vier«, sagt der Historiker Yossi Ben-Artzi von der Universität Haifa. 1972 siedelte sich das erste israelische Unternehmen auf dem Gelände an. Nur zwei Jahre später folgte der bedeutende kalifornische Halbleiterhersteller Intel. Eine Erfolgsgeschichte begann.
Im Januar 1984 konnte die israelische Zeitung »Maariv« bereits von 4000 Angestellten berichten, die ihr »wissenschaftliches Industriezentrum« (so die Langform des hebräischen Akronyms Matam) liebevoll »Silicon Wadi« nannten. Dieser Spitzname ist an das »Silicon Valley« angelehnt, den Ballungsraum von Hightech-Unternehmen nahe San Francisco. Das arabische Wort »Wadi« bedeutet Tal und begegnet einem auch in den Namen der Haifaer Stadtviertel »Wadi Salib« und »Wadi Nisnas«.
Der Zeitungsartikel zählt exklusive Vorteile auf, die den Angestellten »wie auf einem Silbertablett serviert werden«: Klimaanlagen, Speisesäle, ein Postamt, eine Tankstelle, ein eigener Sportverein. Sogar einen Kindergarten gab es 1984 schon. Er sollte Familien den Einstieg in Haifa vereinfachen, von denen nicht wenige erwogen, wegen der hohen Lebenshaltungskosten in Israel lieber ins Ausland zu ziehen. Heute konzentriert sich Matam auf nicht einmal 40 Hektar Fläche mit gut 80 Unternehmen. Mit Apple, Amazon, Google und Microsoft sind vier der größten Technologiekonzerne der Welt vertreten. Sie betreiben in Haifa vor allem Forschungs- und Entwicklungszentren.
Trend des Braindrain umkehren
Am nördlichen Rand des Parks, unweit vom Bahnhof Haifa-Hof HaCarmel (Hebräisch: Carmel-Strand), steht seit einigen Jahren ein flaches Konferenzgebäude, das auch der Öffentlichkeit zugänglich ist. An einem Donnerstag Anfang Juli treffen sich hier etwa 100 Wissenschaftler und Technikbegeisterte, um über Hass gegen Juden in den sozialen Medien zu sprechen. Ein Analyst aus Boston hat Online-Kommentare während des Fußball-WM-Spiels Argentiniens gegen Ägypten ausgewertet. In diesen Stunden sei die Zahl israelfeindlicher Äußerungen um 330 Prozent gestiegen, sagt er. Es folgt eine Diskussion, ob Künstliche Intelligenz im Kampf gegen Antisemitismus eher ein Vor- oder Nachteil ist.
Doch obwohl der weltweite Hass auf Israel nicht nur im Fußball, sondern auch in der akademischen Welt grassiert, zieht der sogenannte Braindrain, der Verlust gut ausgebildeter Experten, hoch qualifizierte Israelis vermehrt nach Europa und in die USA. Fast ein Viertel der Doktoranden in Mathematik oder Computerwissenschaften arbeitete seit 2024 im Ausland. In Haifa will Hanan Markovich diesen Trend umkehren.
Er ist Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft von Haifa und damit einer der Verantwortlichen für den Matam-Park. Er hat selbst am Technion Ingenieurwissenschaften studiert und anschließend in der Verteidigungsindustrie gearbeitet. Daher ist er besonders stolz darauf, mit Elbit Systems, IAI und Rafael die drei wichtigsten israelischen Rüstungsunternehmen auf einem Gelände zusammengebracht zu haben. »Allein der Einzug von Rafael im vergangenen Jahr wird 300 bis 400 neue Arbeitsplätze nach Haifa bringen«, hofft er.
Hier gibt es einen Kindergarten, einen Friseur und Restaurants direkt am Arbeitsplatz.
Das Büro von Markovich liegt im siebten Stock eines Gebäudes, in dem Matam-Angestellte auch einen Friseursalon und mehrere Restaurants finden. Aus seinem Fenster blickt er auf einen Parkplatz, so groß wie zwei Fußballfelder. Es gebe genug Baufläche, um die Größe des Parks noch einmal zu verdoppeln, meint er. Natürlich seien 15.000 Mitarbeiter nicht wenig, »aber es ist eben auch nur ein Bruchteil der gut 400.000, über die Israels Hightech-Branche verfügt«.
Dass sich die allermeisten davon – wenn nicht fürs Ausland – für die Metropolregion Tel Aviv entscheiden, bedauert er sehr, hält es sogar für gefährlich. Mit solch einer Konzentration von Kapital und Know-how im Zentrum des Landes brauche der Iran nur wenige Raketen auf Tel Aviv zu richten, um Israels bedeutendsten Wirtschaftszweig lahmzulegen. Aktuell fließe ein Drittel der staatlichen Infrastrukturinvestitionen in den Ausbau des Nahverkehrs in der Metropolregion, um noch mehr Menschen mit Tel Aviv zu verbinden, sagt Markovich. Er selbst würde die Prioritäten ganz anders setzen: »Beer Sheva im Süden und Haifa im Norden sollten die zwei neuen großen Wirtschaftszentren werden.«
Im Fall von Haifa wäre das auch eine Rückkehr zu den Anfängen der israelischen Hightech-Branche.