Baupläne

»Wo sollen wir sonst hin?«

Willkommen in Ramat Shlomo: Schild am Eingang des Stadtviertels Foto: Sabine Brandes

Es ist Sonntag, zwölf Uhr Mittag in Ramat Shlomo. Hier und da schiebt eine züchtig gekleidete Frau einen Kinderwagen vor sich her, geht ein Mann in dunklem Anzug mit wehenden Schläfenlocken eiligen Schrittes den Bürgersteig entlang. Hinter dem einzigen Supermarkt räumen zwei Männer mit dunklen Kippot Waren ein. Ansonsten liegen die Straßen einsam und verlassen. Der umstrittene jüdische Stadtteil Jerusalems, der dieser Tage die Schlagzeilen der Weltpresse beherrscht, könnte kaum unspektakulärer sein. Keine Soldaten, keine palästinensischen Protestanten, keine Schlagbäume, nicht einmal ein paar Meter Stacheldraht oder ein Eingangstor mit Sicherheitspersonal.

Ramat Shlomo liegt im Norden von Jerusalem zwischen dem jüdischen Ramot und dem arabischen Ortsteil Shuafat auf arabischem Gebiet. Vom Zentrum kommend nimmt man die Straße Nummer eins, biegt links ab, und schon ist man da. Die Fahrt dauert etwa sieben Minuten. Angekommen findet man keine Siedlung tief im Westjordanland vor, keine schnell zusammengezimmerten Container, vor denen militante Siedler die Fäuste schwingen. Es ist ein Wohnviertel, in dem sich ausschließlich ultraorthodoxe Juden, Charedim genannt, niedergelassen haben, ganz in goldgelbem Jerusalemstein erbaut. Auf den Wäscheleinen wehen die weißen Hemden im warmen Frühlingswind.» Willkommen in Ramat Schlomo« prangt in dicken hebräischen Lettern auf einem Schild am Eingang. In der linken Ecke steht: »Stadtverwaltung Jerusalem«.

rüge Die Entscheidung des Innenministeriums, hier 1.600 neue Wohnungen zu genehmigen, führte in der vergangenen Woche zu einem Eklat zwischen Israel und den USA und weltweiter Kritik an der israelischen Siedlungspolitik. Den Zeitpunkt der Bekanntgabe während des Besuchs von US-Vizepräsident Joe Biden vor einer Woche werteten die Amerikaner als Affront. Die Ankündigung, von der Premier Benjamin Netanjahu angeblich nichts wusste, zog eine ungewöhnlich heftige Rüge von US-Außenministerin Hillary Clinton nach sich. In Jerusalem bemüht man sich nun um Schadensbegrenzung. Am Sonntag berief Netanjahu seine sieben wichtigsten Kabinettmitglieder ein, um mit ihnen das weitere Vorgehen zu besprechen. Michael Oren, der Gesandte in den Vereinigten Staaten, spricht dennoch von der schlimmsten Krise zwischen den Verbündeten seit 35 Jahren.

In Ramat Shlomo versteht man währenddessen die Welt nicht mehr. »Wieso Siedlung?«, fragt der strengreligiöse Mann auf der Straße und rauft sich seinen langen grauen Bart, »wir sind hier in Jerusalem. Schauen Sie doch«. Salman Levy zeigt auf die Hochhäuser des jüdischen Westjerusalems, die am Horizont zum Greifen nah scheinen. Er ist entsetzt über die Reaktionen in der Welt und vor allem in den USA. »Wir nehmen doch niemandem Land weg. Kein anderer würde auf diesem Fleck bauen wollen, aber wenn wir Juden sagen, wir tun es, dann gibt es ein riesengroßes Gezeter.« Seine Frau fügt hinzu, dass es keine andere Möglichkeit als den Bau neuer Häuser für das Viertel gebe, das schon jetzt aus allen Nähten platzt.

Wohnungsnot Die ersten Charedim zogen 1993 auf den Hügel außerhalb Westjerusalems, heute leben schätzungsweise 2.200 Familien und etwa 16.000 Menschen hier. Jede Familie hat sechs bis acht Mitglieder, Tendenz steigend. Vor den Wohnungstüren und in den Hausfluren stapeln sich die Kinderwagen, Karren und Buggys. Balkone werden als Parkplätze für Dreiräder und Rutscheautos zweckentfremdet. Kinderreichtum gilt bei den Charedim als Mizwa.

Der Likud-Knessetabgeordnete Danny Danon war vor einigen Tagen nach Ramat Schlomo gekommen, um den Bewohnern seine Unterstützung auszusprechen. Er tat es mit harschen Worten: »Das Bauen in Jerusalem gehört voll und ganz zu Israels Konsensus und ist unverrückbar.« Mit einem Seitenhieb auf Bidens Besuch sagte Danon: »Unser Recht, in der ewigen Hauptstadt des jüdischen Volkes zu bauen, hängt von keiner Zeit oder besonderen Ereignissen eines bestimmten Tages ab. Präsident Obama und Vizepräsident Biden werden Israel nicht vorschreiben, wann und wo in Israel wir bauen dürfen. Ich bin mir sicher, dass es in den nächsten Jahren viele tausend neue Wohnungen in Ramat Schlomo geben wird«.

Platzfrage Das hofft auch Schejndl Freidman, die mit ihrer sechsköpfigen Familie in einer Dreizimmer-Wohnung lebt. »Wir haben einfach keinen Platz mehr«, meint sie, während sie eine Doppel-Kinderkarre vor sich her schiebt. Unter ihrem weiten Kleid sieht man, dass das nächste Baby schon unterwegs ist. »Unsere Familien sind groß, so leben wir halt. Wenn unsere Kinder heiraten, müssen sie auch irgendwo wohnen. Wo sollen sie sonst hin?« In Westjerusalem sei auch kein Platz mehr. »Wir haben keine Sorgen mit unseren arabischen Nachbarn, es ist nur die Welt da draußen, die das Problem künstlich schürt.« Tatsächlich liegen zwischen den östlichsten Häusern von Ramat Shlomo und den ersten Gebäuden von Shuafat nur wenige hundert Meter. Terroranschläge oder sonstige Übergriffe hat es bislang nicht gegeben.

Mittlerweile ist es ein Uhr, langsam füllen sich die Straßen. Kleine Mädchen in hellblauen Blusen und langen dunklen Röcken stehen Hand in Hand an den Zebrastreifen, Frauen mit Perücken holen ihre Kleinsten aus den Kindergärten ab. Männer machen Mittagspause vom Toralernen in der Jeschiwa. Vor einer Synagoge versammeln sich einige von ihnen und diskutieren Weltpolitik. Sie wollen unter sich bleiben, möglichst keine Fragen beantworten. Nur so viel sagen sie: »Wir sind hier in Jerusalem – und das wird auch so bleiben«.

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