Pride

»Wir verstecken uns nicht mehr«

Regenbogenfahnen wehten entlang der Küste, Musik dröhnte von den Festwagen, mehr als 100.000 Besucher aus aller Welt feierten vergangenes Wochenende gemeinsam mit der israelischen LGBTQ+-Gemeinschaft die 28. Pride Parade. Nach den schwierigen Jahren seit dem 7. Oktober 2023 war es für viele die Rückkehr zu einem Stück Normalität. »Jedes Jahr erleben wir in Tel Aviv-Jaffa einen Tag der Freude«, sagte Bürgermeister Ron Huldai zur Eröffnung. »Wir feiern eine Gesellschaft, in der Menschen nicht danach bewertet werden, wer sie sind, wen sie lieben oder welche Familie sie gründen.«

Hinter den bunten Bildern verbirgt sich eine Geschichte, die weit über eine Parade hinausgeht. Sie erzählt von gesellschaftlichen Kämpfen, politischen Erfolgen und Rückschlägen.

»Wir müssen der Welt zeigen, dass Israel viel mehr ist als ein Ort des Krieges«

Für den brasilianischen schwulen Influencer João Vicente Lobo gehört diese Geschichte zu den Gründen, weshalb er nach Israel gereist ist. Gemeinsam mit anderen internationalen Social-Media-Akteuren wurde er vom israelischen Tourismusministerium eingeladen, um über die Pride-Woche zu berichten. »Wir müssen der Welt zeigen, dass Israel viel mehr ist als ein Ort des Krieges«, sagt er. »Hier können homosexuelle Menschen ganz offen leben – und hier wird gefeiert …«

Vicente Lobo ist zum ersten Mal hier. Besonders beeindruckt ist er von der Atmosphäre. »Jeder hilft jedem, das gibt es nicht überall.« Die Offenheit, die er in Tel Aviv erlebe, stehe im Kontrast zu vielen Vorurteilen, die man außerhalb des Landes habe. Dabei kommt der Brasilianer selbst aus einer Stadt, die mit ihrer Pride Parade Millionen Besucher anzieht. Dennoch sieht er Unterschiede. In São Paulo seien Sicherheitsfragen und religiöse Intoleranz weiterhin große Themen. Die Veranstaltung in Tel Aviv wirke politisch bedeutsamer, es herrsche völlige Akzeptanz: »Die Organisation hierzulande ist ein Vorbild für die ganze Welt.«

Dass Tel Aviv heute als eine der LGBTQ+-freundlichsten Städte der Welt gilt, ist nicht selbstverständlich. Noch bis 1988 war Homosexualität in Israel strafbar. Die entsprechenden Gesetze stammten aus der Zeit des britischen Mandats. Stadtführer Erez, der nur mit Vornamen genannt werden möchte, erinnert während eines Rundgangs daran. Viele homosexuelle Israelis seien damals nach Tel Aviv gezogen, weil ein offenes Leben anderswo im Land kaum möglich war.

Symbol für Sichtbarkeit und Selbstbewusstsein

Ein symbolischer Ort dieser Entwicklung ist der Meir-Park im Stadtzentrum. Lange galt die Anlage als verrufen und wurde von vielen Einwohnern gemieden. Gerade deshalb wurde sie zu einem Treffpunkt homosexueller Männer. Heute befindet sich dort das LGBTQ+-Zentrum der Stadt. »Früher kamen die Menschen hierher, weil sie sich verstecken mussten«, erzählt Erez. Heute sei derselbe Ort ein Symbol für Sichtbarkeit und Selbstbewusstsein. Unmittelbar vor dem Zentrum steht ein Mahnmal in Form eines rosa Dreiecks. Das Symbol, mit dem die Nationalsozialisten Homosexuelle kennzeichneten, ist jetzt Symbol des Widerstands gegen Diskriminierung.

Die Pride ist nicht selbstverständlich: Bis 1988 war Homosexualität in Israel strafbar.

Die ersten Schritte in die Öffentlichkeit der Gemeinschaft erfolgten Anfang der 90er-Jahre. 1993 organisierten Aktivisten die erste Pride Parade Tel Avivs. Unterstützung aus Politik oder Verwaltung gab es kaum. Einer der Teilnehmer musste nach seinem Coming-out die Armee verlassen.

Den eigentlichen Durchbruch verbindet Erez mit einem Namen: Dana International. Als die Transfrau 1998 den Eurovision Song Contest gewann, veränderte sich nach Ansicht vieler Aktivistinnen und Aktivisten die Wahrnehmung der Gemeinschaft in Israel grundlegend. »Vor Dana sah man queere Menschen meist nur in negativen Rollen«, sagt Adam Litaor, Leiter des LGBTQ+-Zentrums. »Plötzlich gab es eine erfolgreiche, starke Persönlichkeit, die Israel auf der internationalen Bühne repräsentierte – und siegte.«

»Die Stadt hat sich schon vor langer Zeit entschieden, in unsere Gemeinschaft zu investieren«

Das Zentrum im Meir-Park ist das Herzstück der Community. Das Gebäude wird vollständig von der Stadt Tel Aviv finanziert. Eine Besonderheit, auf die Litaor mit Stolz verweist. »Die Stadt hat sich schon vor langer Zeit entschieden, in unsere Gemeinschaft zu investieren«, sagt er. Bereits 2008 stellte die Kommune der Community ein eigenes Zentrum zur Verfügung, später wurde ein neues an dieser Stelle gebaut. Die große Glasfassade ist bewusst gewählt. »Wir verstecken uns nicht mehr. Wir haben nichts zu verbergen«, erklärt Litaor.

Das Zentrum versteht sich dabei nicht als geschlossener Raum für eine Minderheit. Im Gegenteil: Viele Besucher gehörten gar nicht zur LGBTQ+-Gruppe. Familien aus der Nachbarschaft, Senioren, Künstler und Unterstützer nutzten die Angebote. Theateraufführungen, Chöre, Kunstkurse, Sportgruppen und Kulturveranstaltungen ermöglichen Begegnungen. »Wir wollen keine abgeschottete Gemeinschaft sein«, sagt Litaor, »sondern Teil der israelischen Gesellschaft.«

Innerhalb des Nahen Ostens gilt Israel als Vorreiter bei LGBTQ+-Rechten. Während in Israel Pride-Paraden stattfinden, gleichgeschlechtliche Paare zunehmend rechtliche Anerkennung erfahren und queeres Leben sichtbar wird, sind homosexuelle Menschen in vielen Nachbarstaaten der Verfolgung ausgesetzt. In mehreren Ländern der Region drohen für gleichgeschlechtliche Beziehungen Gefängnisstrafen, in einigen sogar die Todesstrafe. Für viele Aktivisten ist die Pride in Tel Aviv deshalb nicht nur ein Fest der Vielfalt, sondern auch ein Symbol für Freiheiten, die in weiten Teilen des Nahen Ostens noch immer unerreichbar sind.

Erez erinnert zugleich an die dunklen Kapitel dieser Geschichte: den Anschlag auf das Jugendzentrum Bar-Noar in Tel Aviv im Jahr 2009, bei dem zwei Menschen getötet wurden, und den Messerangriff auf die Jerusalem Pride 2015, bei dem die 16-jährige Shira Banki ums Leben kam.

Kinder, Senioren, Familien und queere Jugendliche finden selbstverständlich nebeneinander Platz

Auch Litaor sieht neue Herausforderungen. Seit dem 7. Oktober hätten manche internationale Künstler und Kulturinstitutionen die Zusammenarbeit mit israelischen Einrichtungen eingestellt. »Ich glaube nicht an Cancel Culture«, macht er klar. »Sie lässt keinen Raum für Dialog.« Dennoch überwiegt für ihn die Hoffnung. Das zeige sich nicht zuletzt im Alltag des Zentrums, in dem Kinder, Senioren, Familien und queere Jugendliche selbstverständlich nebeneinander Platz finden.

Während draußen die letzten Klänge der Pride Parade über die Strandpromenade ziehen, erscheint dieser Gedanke wie ein Programm. Bürgermeister Huldai bringt es auf den Punkt: »Wir werden diese Werte weiter feiern und verteidigen – bis sie an jedem Tag des Jahres in ganz Israel Realität sind.«

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