Der Norden Israels steht derzeit in voller Blüte. Die Gegend in Obergaliläa, unweit der Golanhöhen, ist übersät mit weiten Feldern, die grünen Zweige der Bäume sprießen, überall sind farbenprächtige Blüten zu sehen. Gerade im Frühling ist die Gegend bei Touristen und Einheimischen sehr beliebt. Doch keiner hat im Moment Zeit, die Idylle zu genießen. Der Norden ist wieder unter Beschuss.
Nach dem 7. Oktober 2023 befand sich die Region 14 Monate lang aufgrund der heftigen Angriffe der Hisbollah im Ausnahmezustand. Die meisten Bewohner wurden evakuiert.
Auch der Kibbuz Snir, nur 400 Meter von der libanesischen Grenze entfernt, wurde damals geräumt. Einige Zeit nach der Waffenruhe kehrten die Menschen langsam wieder zurück. Doch nun, nachdem die Hisbollah in den Krieg mit dem Iran eingegriffen hat, sitzen sie wieder in Bunkern und Schutzräumen. Die libanesische Terrormiliz feuert Raketen und schickt Drohnen aus dem Libanon, immer wieder schrillt der Alarm.
Avocados, Erdnüsse und Mais
Lior Shelef, der eigentlich als Tourguide die Besucher durch die Region führt, hat wieder seine Uniform angezogen. Der 50-Jährige ist Chef des Sicherheitsteams des Kibbuz. Er und seine Männer sind jetzt ständig unterwegs in der Siedlung und auf den Feldern. »Es ist vor allem für die Kinder wichtig, das Sicherheitsteam hier zu sehen, damit sie sich beschützt fühlen.«
Sein Team habe verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Es gehe nicht nur darum, das Tor des Kibbuz zu bewachen und am Außenzaun zu patrouillieren. »Gestern Abend zum Beispiel, als hier eine Rakete einschlug, sind wir sofort zur Stelle gewesen.« Wenn es wegen der Raketeneinschläge zu Bränden kommt, dann bekämpfen sie das Feuer. Sie leisten auch Hilfe für ältere Menschen, wenn diese sie benötigen. »Es ist Teil der Aufgabe des Sicherheitsteams, dafür zu sorgen, dass der Kibbuz weiterhin bestehen bleibt«, erzählt Shelef.
Er lebt mit seiner Frau und den drei Kindern im Kibbuz, den seine Eltern 1967 mitbegründet haben. In der Siedlung werden Avocados, Erdnüsse und Mais angebaut, außerdem werden Rinder gezüchtet.
Gäste sagen ab
Mit seinem Bruder betreibt er seit mehr als 16 Jahren das kleine Tourismusunternehmen »Shelef-Trails«: »Wir bieten einzigartige Touren an der israelisch-libanesisch-syrischen Grenze an. Es geht um die Ursprünge des Jordans und um Geopolitik. Wir zeigen den Menschen auf der ganzen Welt das schöne Gesicht Nordisraels. Darauf sind wir sehr stolz.« Nach der Waffenruhe im November 2024 hatte er große Hoffnung. Viele Einzelreisende und Gruppen wollten jetzt im Frühling zu ihnen kommen. Sie hatten schon gebucht. Doch mit Beginn des Krieges haben erneut alle Gäste abgesagt.
Dass es im Norden wieder zu Angriffen aus dem Libanon kommt, hat Lior Shelef nicht erwartet. »Ich muss sagen, dass ich nicht gedacht hätte, dass die Hisbollah so dumm sein würde, sich am Iran-Krieg zu beteiligen.« Und dass nun die israelische Armee gegen die Bedrohung entschlossen vorgeht, findet er richtig. Doch glaubt er nicht, dass dies zu einer dauerhaften Befriedung führt. »Die Hisbollah ist keine Person. Die Hisbollah ist eine Idee. Und eine Idee kann man nicht töten.« Natürlich wolle man auch im Norden Israels Frieden. Aber Frieden sei ein großes Wort. »Wir wollen erst einmal, dass es hier wieder ruhig ist.« Nach dem Zweiten Libanonkrieg 2006 herrschte zumindest für einige Jahre weitgehend Ruhe an der Grenze.
Auf diese Ruhe hoffe er jetzt auch wieder. Und trotz der derzeit schwierigen Lage verliert er die Zuversicht nicht. »Menschen, die in Israel in der Tourismusbranche arbeiten, insbesondere hier an der Grenze, brauchen eine Menge Optimismus.« Dies sei ein fragiles Land. »Aber wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir geben nicht auf.«
Er erzählt, dass ihm viele Gäste bei der Stornierung in den vergangenen Tagen gleich mitgeteilt hätten, dass sie zwar jetzt nicht kommen könnten, ihren Besuch aber nur verschieben würden. Das sei sehr erfreulich, meint Lior Shelef. »Schließlich ist das hier die schönste Gegend Israels. Hier blüht alles. Am Ursprung des Jordan gibt es Wasser. Auf dem Berg Hermon liegt Schnee. Es ist die beste Zeit des Jahres.« ddk