Nahost

Das falsche Pferd im Libanon

Ein Schatten ihrer Selbst: Hisbollah-Mitglieder im Sommer 2024 Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Jahrzehntelang war die Hisbollah die schlagkräftigste Terrormiliz im Nahen Osten, bis an die Zähne bewaffnet, finanziert und politisch gestützt vom Regime in Teheran. Doch nach Jahren der Kriege und Niederlagen wirkt die schiitische Organisation heute wie ein Schatten ihrer selbst. Während Israel und die USA gegen den Iran Krieg führen, versucht die Hisbollah zunehmend, ihre Rolle neu zu definieren – und sich zumindest rhetorisch von ihrem wichtigsten Geldgeber zu distanzieren.

Diese neue Linie zeigte sich deutlich in einer Fernsehansprache von Hisbollah-Chef Naim Qassem. Die Raketenangriffe auf Israel seien eine Reaktion auf angebliche israelische Verletzungen der Waffenruhe, erklärte er. Vor allem aber betonte Qassem, die Angriffe stünden »in keinem Zusammenhang mit irgendeiner anderen Schlacht« – eine bemerkenswerte Formulierung inmitten des eskalierenden Konflikts zwischen Israel, den USA und dem Iran.

Mit dieser Botschaft versucht die Organisation offensichtlich, sich von dem regionalen Krieg ihres wichtigsten Verbündeten zu distanzieren. Die Hisbollah entstand in den 1980er-Jahren mit iranischer Unterstützung, wurde von den Revolutionsgarden ausgebildet und entwickelte sich zum zentralen Instrument der iranisch-imperialistischen Bestrebungen im östlichen Mittelmeer.

Die Terrormiliz wurde von den Revolutionsgarden ausgebildet

Shmuel Bar, einst hochrangiger israelischer Geheimdienstmitarbeiter, ist heute Sicherheitsforscher und Mitglied der Organisation »Commanders for Israel’s Security«. Aus seiner Sicht lässt sich der Einfluss Teherans auf die Miliz kaum überschätzen. »Man kann den Iran nicht vom Libanon trennen, denn die Hisbollah ist komplett unter der Kontrolle der iranischen Revolutionsgarden«, erklärt er. Lange Zeit sei sie das wichtigste Instrument der regionalen Strategie Teherans gewesen. »Die Hisbollah war das Kronjuwel der Teheraner Proxystellungen.«

Andere Verbündete des Iran, Milizen im Irak und in Syrien sowie die Huthi im Jemen und die Hamas im Gazastreifen, seien heute derzeit deutlich eingeschränkter handlungsfähig. Deshalb habe Teheran in der Vergangenheit besonders auf die Hisbollah gesetzt. Gleichzeitig sei Israel sich dieser Lage bewusst gewesen, sagt Bar. Jerusalem habe deshalb entschieden, einen Präventivschlag gegen die Organisation zu führen.

Israel wolle jedoch nicht erneut tief in den Libanon eindringen, sondern die Hisbollah vor allem so weit schwächen, dass die libanesische Armee und Regierung die Kontrolle übernehmen können. »Das ist die Schlüsselstrategie Israels derzeit«, interpretiert Bar. »Denn es ist eine goldene Möglichkeit, den Wiederaufbau der Hisbollah zu stoppen.«

Sicherheitsforscher Shmuel Bar: »Es ist eine goldene Möglichkeit, den Wiederaufbau der Hisbollah zu stoppen.«

Zugleich habe Israel verhindern wollen, dass die Miliz erneut, wie nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, den Norden des Landes unter Dauerbeschuss nimmt. »Man will auf keinen Fall wieder evakuieren. Das wäre ein wirklich falsches Symbol«, sagt Bar. »Stattdessen will Israel dem Libanon ein für alle Mal klarmachen, dass sie mit der Hisbollah auf das falsche Pferd setzen.«

Die Kriege der vergangenen Jahre haben die militärischen Fähigkeiten der Miliz stark geschwächt. Israelische Operationen zerstörten große Teile ihrer Infrastruktur im Süden des Libanon und dezimierten ihre Führung. Auch der langjährige Generalsekretär Hassan Nasrallah wurde im Verlauf des Konflikts getötet.

Hinzu kommt wachsender politischer Druck im eigenen Land. Nach neuen Raketenangriffen auf Israel erklärte die libanesische Regierung Anfang der Woche, militärische Aktivitäten der Hisbollah seien nicht mehr akzeptabel. Ministerpräsident Nawaf Salam betonte, die Entscheidung über Krieg und Frieden liege ausschließlich beim Staat und verbot Tätigkeiten der Miliz. Gleichzeitig gibt es Berichte, dass Sicherheitskräfte mutmaßliche Hisbollah-Kämpfer festnehmen und Waffen beschlagnahmen.

Für die Terrorgruppe ist das eine dramatische Entwicklung. Jahrzehntelang war sie faktisch ein Staat im Staat – mit eigener Armee, eigenem Raketenarsenal und großem Einfluss auf die Politik. Nun versucht Beirut erstmals ernsthaft, dieses Machtmonopol anzutasten.

Stimmen im Libanon danken Israel

Auch innerhalb der libanesischen Gesellschaft wächst der Widerstand. Viele Menschen werfen der Hisbollah vor, das Land immer wieder in Konflikte hineinzuziehen, die vor allem iranischen Interessen dienen. Selbst frühere Unterstützer äußern zunehmend Frustration darüber, dass der Libanon für regionale Machtspiele geopfert werde. Es gibt sogar Stimmen im Land, die Israel dafür danken, das Ende der Hisbollah eingeläutet zu haben.

Vor diesem Hintergrund könnte Qassems Botschaft auch als politisches Signal nach innen verstanden werden. Indem er betont, der Konflikt mit Israel sei unabhängig vom Krieg gegen den Iran, versucht er offenbar zu zeigen, dass die Hisbollah nicht mehr automatisch im Namen Teherans handelt. Wie glaubwürdig diese Distanzierung ist, bleibt jedoch offen. Zwar bleibt die Organisation finanziell und militärisch stark vom Iran abhängig – doch Teheran hat derzeit andere Probleme, als große Ressourcen in seine Stellvertreter zu investieren.

Auch die Führung in Beirut steht unter enormem Druck: wirtschaftliche Krise, politische Instabilität und die Angst vor einem weiteren verheerenden Krieg mit Israel. In dieser Situation versuchen staatliche Institutionen erstmals ernsthaft, die Kontrolle über bewaffnete Gruppen zurückzugewinnen.

So entsteht ein paradoxes Bild: Eine Bewegung, die einst als Speerspitze der iranischen »Achse des Widerstands« galt, versucht nun, ihre Rolle neu zu definieren – nicht mehr als regionaler Stellvertreter im Namen Teherans, sondern als angebliche nationale Verteidigungskraft des Libanon. Ob diese Neujustierung im eigenen Land gelingt, ist schwer vorherzusagen. Klar ist jedoch: Die Hisbollah befindet sich in einer Phase tiefgreifender Schwäche – militärisch, politisch und gesellschaftlich.

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