Am Sonntag schien die Richtung klar. Israel hatte in Reaktion auf die permanenten Angriffe der libanesischen Terrororganisation Hisbollah die nach eigenen Aussagen strategisch wichtige Beaufort-Festung im Südlibanon eingenommen, Verteidigungsminister Israel Katz sprach von einer »historischen Rückkehr«, und aus Jerusalem kam die Botschaft, dass man sich auf mögliche Angriffe auf Ziele der Hisbollah in Beirut vorbereite.
Es sollte keine 24 Stunden dauern, bis eine gänzlich andere Realität herrschte. US-Präsident Donald Trump verkündete nach einem Telefonat mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen neuen Waffenstillstand. Israel werde nicht in Beirut angreifen und die Hisbollah ihr Feuer einstellen, hieß es aus dem Weißen Haus. Gleichzeitig verdichteten sich Berichte, wonach Washington und Teheran kurz vor einer neuen Vereinbarung stehen könnten.
Krieg und Waffenstillstand, militärischer Druck und Diplomatie, Eskalation und Deeskalation
Das ständige Umschlagen der Ereignisse lässt viele Israelis kopfschüttelnd zurück. Kaum scheint sich eine neue strategische Richtung abzuzeichnen, wird sie schon von einer anderen Entwicklung überholt. Krieg und Waffenstillstand, militärischer Druck und Diplomatie, Eskalation und Deeskalation scheinen fast zeitgleich zu existieren.
Dabei ist die Lage im Norden Israels alles andere als ruhig. In den vergangenen Tagen feuerte die Hisbollah erneut Drohnen und Raketen auf israelische Soldaten im Südlibanon sowie auf Gemeinden entlang der Grenze ab. In Metulla schlugen Geschosse in der Nähe israelischer Militärbasen ein. Für die Bewohner der Region, die seit dem 7. Oktober 2023 Evakuierungen, ständigen Raketenalarm und monatelange Unsicherheit erlebt haben, wirkt die Rede von einem stabilen Waffenstillstand daher oft wie die Beschreibung einer anderen Wirklichkeit.
Der Konflikt hat auf beiden Seiten der Grenze einen hohen Preis gefordert.
Der Konflikt hat auf beiden Seiten der Grenze einen hohen Preis gefordert. Seit Beginn der Angriffe auf Israel wurden zahlreiche israelische Soldaten und Zivilisten getötet. Als Reaktion auf diesen Terror griff Israel Hisbollah-Stellungen im Libanon an, dabei kamen auch Zivilisten ums Leben, Hunderttausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen, um im Krieg nicht verletzt zu werden.
»Was zum Teufel machst du da?«
Gerade deshalb lösten Berichte über Trumps Telefonat mit Netanjahu große Verwirrung aus. Nach Angaben des US-Portals Axios soll Trump den israelischen Regierungschef ungewöhnlich scharf angegangen haben. »You are f… crazy« – »Du bist verdammt verrückt«, habe Trump gewütet. An anderer Stelle soll er gefragt haben: »Was zum Teufel machst du da?«
Besonders bemerkenswert waren dem Bericht zufolge jedoch andere Aussagen. »Wenn ich nicht wäre, säßest du im Gefängnis. Ich rette dir den Hintern. Jeder hasst dich inzwischen. Jeder hasst Israel deswegen«, habe Trump in den Hörer geschrien. Und Netanjahu soll geantwortet haben: »Okay, okay …«
Ob die veröffentlichten Details in jeder Einzelheit zutreffen, ist fast nebensächlich. Entscheidend ist, was die Berichte über das Verhältnis zwischen Washington und Jerusalem verraten. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass die amerikanische Regierung und die israelische Führung nicht nur unterschiedliche Methoden anwenden, sondern teilweise auch völlig unterschiedliche Prioritäten haben. Aus Sicht der israelischen Regierung steht offenbar die Frage im Mittelpunkt, wie verhindert werden kann, dass die Terrororganisation Hisbollah ihre militärischen Fähigkeiten wiederherstellt, das politische Hin und Her jedoch macht das Umsetzen dieser Politik schwierig bis unmöglich. Denn offenbar arbeitet Washington bereits an einem größeren regionalen Plan – und Israel nimmt dabei wohl nur eine Zuschauerrolle ein.
Unberechenbarkeit des amerikanischen Präsidenten
Nach den Aussagen von Trump ist offensichtlich geworden, dass sich Israel, Libanon und die Hisbollah nicht von den Gesprächen mit dem Iran trennen lassen. Für die amerikanische Regierung scheint die Stabilisierung der Nordfront inzwischen Teil einer größeren Strategie zu sein, die letztlich auf einen Deal mit Teheran abzielt. Zumindest, wenn man in der Betrachtungsweise die Unberechenbarkeit des amerikanischen Präsidenten außer Acht lässt.
Damit entsteht der Eindruck, dass die Region in eine neue Phase eintritt, in der lokale Konflikte zunehmend zur Verhandlungsmasse bei größeren geopolitischen Deals werden. Die Frage ist nicht länger, ob die Waffen schweigen, sondern wer die neuen Rahmenbedingungen im Nahen Osten bestimmt. Für Israel wirft das schwierige Fragen auf: Denn jeder mögliche Deal mit dem Iran könnte Auswirkungen auf fundamentale Sicherheitsfragen haben – immerhin drohen die Mullahs in Teheran seit Jahrzehnten mit der Zerstörung des jüdischen Staates.
Für die Israelis im Norden wirkt die Rede von einem stabilen Waffenstillstand surreal.
Die Kritik, Premier Netanjahu würde in Gesprächen mit Trump nachgeben, kommt mittlerweile nicht nur aus der Opposition, sondern auch aus Teilen des politischen Lagers, das den Premier stützt. Mehrere Politiker warfen dem Ministerpräsidenten in harschen Worten vor, sich dem Druck aus Washington zu schnell zu beugen.
Besonders scharf formulierte es der ehemalige Generalstabschef Gadi Eizenkot. »Es hat noch nie einen israelischen Premier gegeben, der vor einer solchen Forderung kapituliert hat«, erklärte er. Mit Blick auf die andauernden Angriffe der Hisbollah fügte der General hinzu: »Der Libanon liegt direkt vor unserer Haustür, Metulla steht unter Beschuss, israelische Gemeinden sind menschenleer – das ist inakzeptabel.« Diese Worte treffen einen Nerv. Denn die Israelis fragen sich, wie ein Waffenstillstand aussehen soll, wenn weiterhin Raketen und Drohnen auf den Norden des Landes abgefeuert werden.
Entstehung einer neuen regionalen Ordnung
All das wird nicht nur in Jerusalem aufmerksam registriert. Auch Teheran, Beirut, Damaskus und die Golfstaaten beobachten genau, wie weit der Handlungsspielraum Israels reicht und welche Rolle die Vereinigten Staaten künftig spielen wollen. Gerade deshalb geht es bei den aktuellen Entwicklungen um weit mehr als um die Frage, ob die Waffen in dieser Woche schweigen oder nicht. Vielmehr steht die Entstehung einer neuen regionalen Ordnung im Raum, deren Konturen noch niemand klar erkennen kann. Die militärischen Frontlinien sind zwar deutlich zu erkennen, doch die politischen scheinen sich inzwischen mit jedem Telefonat und Social-Media-Beitrag aus Washington neu zu verschieben.
Schon unter normalen Umständen gleicht die Politik im Nahen Osten einem Tanz auf dem Pulverfass. Doch die vergangenen Tage haben noch einmal gezeigt, dass sich die Region inzwischen in einem Zustand befindet, in dem militärische Operationen, Waffenstillstände, Machtpolitik und diplomatische Konzepte kaum mehr vorhersehbar sind. Bei alldem ist nur eines gewiss: Egal, was kommt – die Unsicherheit wird bleiben.