Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Schulleiter Hudhaifa Al-Mashhadani in Berlin-Neukölln in der Nähe der Deutsch-Arabische Schule Foto: picture alliance / SZ Photo

Hudhaifa Al-Mashhadani sagte sofort zu, als die Jüdische Allgemeine ihn im Juni 2025 für ein Interview anfragte. Es war ein warmer Tag, in der U8 roch es nach Schweiß, draußen zog der Duft von Honigmelonen in die Nase, die vor einem Supermarkt in der Sonne nachreiften. In einer schmalen Kopfsteinpflasterstraße wachte ein Polizeiauto vor einer Schule. Al-Mashhadani, ihr Rektor, war wenige Tage zuvor mit dem Tode bedroht worden.

Der Leiter der privaten Arabischschule in Neukölln setzte sich seit dem 7. Oktober 2023 öffentlich gegen Antisemitismus und für Israel ein. Dafür, so erzählte er, habe er Drohnachnichten per WhatsApp erhalten, ein Stein sei in sein Klassenzimmer geflogen, als er gerade unterrichtete. Nun sei ein Zettel an dem Gebäude aufgetaucht: »Kein Verräter wird verschont bleiben«, stand unter anderem auf dem Papier, auf Englisch und Arabisch.

Der kräftige Mann mit dem markanten schwarzen Schnauzbart freute sich über das Interesse einer jüdischen Zeitung. Er brühte Kaffee auf und zählte seine jüdischen Freunde in Berlin auf, seine Augen leuchteten. Woher kam dieses Interesse? Sein vorbehaltloses Einstehen für Israel, dessen Krieg in Neukölln zu diesem Zeitpunkt nicht nur von den Radikalen kritisiert wurde? Im Innenhof der Schule, auf einer Polsterecke mit Kelimmuster, begann Al-Mashhadani aus seinem Leben zu erzählen. Sein Deutsch war holprig, aber er vermochte mit wenigen Worten starke Bilder zu malen.

Er wurde in Bagdad geboren, erzählte er, 1980 – im Jahr des Ausbruchs des Ersten Golfkriegs. Im Irak Saddam Husseins sei seine sunnitische Familie bestens situiert gewesen. Doch schon als Jugendlicher sei ihm aufgefallen, wie ungerecht es im Land zuging: »Wir hatten einen Toyota, andere nicht mal etwas zu essen.« Oft habe er mit seinem Vater diskutiert. Doch außenpolitisch sei man sich schon immer einig gewesen: »Wir trauen Israel. Aber niemals Iran.«

Als 2003 die ersten amerikanischen Panzer durch die Stadt rollten, war Hudhaifa Al-Mashhadani ein junger Student. Er erzählt, dass er im Bürgerkrieg in einer Gruppe aktiv gewesen sei, die sich für Demokratie und einen multikulturellen Irak einsetzte. In dieser Zeit habe ihm ein irakischer Jude im Ausland Geld gesendet, um Verletzte zu versorgen. Später habe er für das amerikanische Außenministerium gearbeitet und im Ausland Israelis getroffen. Wahrscheinlich auch deshalb sei er bei seiner Rückkehr in den Irak verhaftet worden.

Eine Biografie, die wie ein Film klingt

Al-Mashhadanis Geschichte war beeindruckend – und schien gleichzeitig so überzogen, dass die Redaktion dieser Zeitung beschloss, dass es mehr Treffen bräuchte, um diesen Mann porträtieren zu können. Hudhaifa Al-Mashhadani erzählte, dass seine Familie jüdische Nachbarn geschützt und gedeckt habe – es klang wie das Drehbuch eines Films. Er kritisierte das politische System im Irak – gab aber trotzdem an, in hohen Positionen darin gearbeitet zu haben. Seine Karriere schien steil und gleichzeitig sprunghaft: Medizinstudium, Widerstand, irakisches Parlament, Außenministerium in Washington, Doktorat in Texas, zwei Jahre Gefängnis, Folter, Flucht.

Im Juni 2025, als bei der Jüdischen Allgemeinen leise Zweifel aufkamen, wunderte sich bereits jemand anderes über diese außergewöhnliche Vita: Tom Khaled Würdemann, Nahostwissenschaftler an der Universität Heidelberg, war im Internet auf ein Interview mit Hudhaifa Al-Mashhadani gestoßen. »In der arabischen Welt ist das eine höchst ungewöhnliche Biografie – das hätte man überprüfen müssen«, sagt er heute.

Doch wie wichtig waren die Fakten über seine Vergangenheit im Irak, bei allem, was er in der Gegenwart in Berlin möglich machte? Fragte man Menschen in seinem Umkreis, erzählten sie begeistert von seinem Einsatz.

Er spricht mit seinen Schülern nicht nur über arabische Grammatik, sondern auch über Demokratie, über die deutsche Geschichte, den Holocaust.

Arabisch Hunderte arabischsprachige Eltern schicken ihre Kinder jeden Samstag in seine Schule, damit sie ihre Muttersprache lernen. Die Schüler gehören verschiedenen Ethnien und Religionen an, die in ihren Heimatländern oft verfeindet sind. Hudhaifa Al-Mashhadani spricht mit ihnen nicht nur über Grammatik, sondern auch über Demokratie, über die deutsche Geschichte, den Holocaust.

Schon vor dem 7. Oktober 2023 geht er auf jüdische Vereine in Berlin zu. Während des Gaza-Kriegs organisiert er ein Treffen zwischen seinen älteren Schülern und jungen Israelis. Im Ramadan lädt er zum Fastenbrechen in ein queeres Café ein. Er trifft sich mit einer liberalen Imamin und orthodoxen Rabbinern. Mitten in Neukölln gewinnt er Vertrauen, wo vorher Missgunst herrschte, und knüpft Freundschaften, die Kritikern des »Problemkiezes« unmöglich schienen.

Viele in Neukölln schätzen ihn

»Wir haben immer sehr gut mit Herrn Al-Mashhadani zusammengearbeitet«, sagt Martin Hikel (SPD), Bezirksbürgermeister von Neukölln. »Er war immer verlässlich, hat Wort gehalten.« Er habe sich sehr glaubhaft für Verständigung eingesetzt. Viele in Neukölln schätzten ihn dafür. Und einige bedrohten ihn.

Fünf Monate nach dem Besuch der Jüdischen Allgemeinen bei Al-Mashhadani taucht sein Gesicht in den bundesweiten Nachrichten auf – sogar israelische Medien berichten. Im November 2025 behauptet der Schulleiter, jemand habe versucht, ihn in Neukölln vor die U-Bahn zu stoßen – ein Mordversuch. Viele solidarisieren sich mit ihm, auch Berlins Bürgermeister Kai Wegner (CDU).

Die »Süddeutsche Zeitung« widmet Al-Mashhadani ein großes Porträt, der Reporter kehrt mit ihm an den Tatort zurück, steht mit ihm am Bahnsteig. Al-Mashhadani wiederholt noch einmal, was geschehen sei: Nur weil er sich reflexartig gegen den Stoß lehnte, habe er überlebt. Der Angreifer habe mit zwei Fingern auf seine Augen gezeigt und dann eine Geste gemacht, die ihm symbolisch den Hals abschneidet.

Ein Stoß oder Schubser ist nicht zu erkennen, die Bedrohungsgeste scheint aufgebauscht – man könnte auch sagen: Hudhaifa Al-Mashhadani hat den brutalen Angriff auf sich offenbar erfunden.

Der Angriff macht Hudhaifa Al-Mashhadani über Berlin hinaus bekannt. Der Neuköllner hat nun eine Stimme, und er nutzt sie. Wenn er nicht mit Journalisten spricht, postet er auf Facebook, Instagram und TikTok. Dort hat er Tausende Follower. Er zeigt seine Erfolge und seine Schule. Oft sind die Beiträge aber auch politisch, manchmal polemisch. Dem Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten wirft er vor, eine »Hamas-Botschaft« zu sein. Mitarbeitende hätten ihm gesagt, seine politische Haltung sei der Grund, warum sein Führerscheinverfahren nicht vorankomme. Im Dezember erhält er die Neuköllner Ehrennadel. Er wird sogar für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Die Senatsverwaltung arbeitet daran, dass seine Schule bald auch finanziell unterstützt wird.

Warum sollte der Schulleiter lügen?

Doch dann erscheint Anfang März 2026 ein Artikel in der »taz«: Die Journalisten äußern erhebliche Zweifel an Al-Mashhadanis Darstellung des angeblichen Mordversuchs. Vier Tage später gelingt es Reportern des »Tagesspiegel«, die Aufnahmen der Überwachungskameras zu sichten. Darauf steigt Hudhaifa Al-Mashhadani mit Kaffeebecher in der Hand in den ersten Waggon einer U-Bahn – und wird erst dann von einem Mann angetippt, der mit zwei Fingern auf seine Augen deutet. Ein Stoß oder Schubser ist nicht zu erkennen, die Bedrohungsgeste scheint aufgebauscht – man könnte auch sagen: Hudhaifa Al-Mashhadani hat den brutalen Angriff auf sich offenbar erfunden.

Doch warum sollte der Schulleiter lügen? Das fragt sich auch Bezirksbürgermeister Hikel. Er sei ratlos, warum ein Mann, der in Neukölln »durchaus realen Gefahren ausgesetzt ist«, nun so etwas erfinden sollte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wohl bereits länger gegen Al-Mashhadani wegen möglicher falscher Verdächtigung. Doch es gelte die Unschuldsvermutung, und Vorverurteilungen verbieten sich, sagt Hikel. Falko Liecke (CDU), Staatssekretär für Jugend und Familie, sagt am Telefon, er sei durch die Berichte »sehr irritiert«. Andere, mit denen der Schulleiter in Neukölln eng zusammenarbeitete, äußern Enttäuschung über den Mann, dem sie stets Vertrauen geschenkt haben.

Lesen Sie auch

Man könnte Hudhaifa Al-Mashhadani zugutehalten, dass in einer ständigen Bedrohungslage das Gedächtnis vielleicht Dinge durcheinanderbringt. Schon beim Treffen im Juni drehte er sich immer wieder nervös zur Eingangstür, die tatsächlichen Drohungen setzten ihn zunehmend unter Stress. Man könnte auch mutmaßen, dass er den Angriff erfunden hat, um einen besseren Schutz zu erhalten. Im Juni sagte er, der Gebäudeschutz vor seiner Schule würde keinen radikalen Angreifer mit Waffe aufhalten können.

Keinerlei Belege für beruflichen Werdegang

Doch mit den vielen Unklarheiten in Hudhaifa Al-Mashhadanis Biografie fügt sich der Fall auch in das Bild eines Mannes, der es grundsätzlich mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Die »Süddeutsche Zeitung« musste in ihrem Porträt über den Schulleiter eine Passage streichen, in der er behauptete, von Markus Söder kontaktiert worden zu sein. Das Büro des bayerischen Ministerpräsidenten hatte die Zeitung darüber informiert, dass es diesen Anruf nicht gegeben hat.

Auch einige der biografischen Angaben, die er im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen machte, scheint er Reportern anderer Medien anders erzählt zu haben. Laut Recherchen der »taz« lassen sich im Internet keinerlei Belege für seinen beruflichen Werdegang finden, der bis vor Kurzem noch auf der Seite der Schule abrufbar war.

Dass lange kaum jemand Zweifel an der Authentizität des Rektors hegte, mag auch daran liegen, dass er in Neukölln etwas aufgebaut hatte, das viele ersehnten.

Zudem hat der Nahostwissenschaftler Tom Khaled Würdemann unter Hudhaifa Al-Mashhadanis Namen Artikel entdeckt, die zwischen 2019 und 2021 in verschiedenen arabischen Medien erschienen sind. Texte, die ganz anders klingen als der für Verständigung werbende Schulleiter aus Neukölln: antizionistische Phrasen, aggressive Hetze gegen Schiiten, Verschwörungstheorien und Antisemitismus.

Antisemitische Artikel unter seinem Namen

In einem Artikel bezeichnet der Autor den ägyptischen Präsidenten abfällig als »Sohn einer Jüdin«. Zu einem anderen Text existiert auch ein Autorenfoto – es zeigt eindeutig den Neuköllner Schulleiter mit seinem markanten Schnurrbart. »Der ähnliche Stil und Inhalt der Texte sprechen stark dafür, dass alle diese Artikel von ihm stammen«, sagt Würdemann. Auch eine zusätzliche Angabe, dass der Autor aus Berlin komme, und die Tatsache, dass der Schulleiter selbst auf seinem Facebook-Profil angab, für eines der Medien zu schreiben, liefern Hinweise, dass hier nicht einfach eine Namensdoppelung vorliegt.

Al-Mashhadani äußerte sich bis Redaktionsschluss zu den Vorwürfen nur sehr allgemein in einer E-Mail: »Einige Darstellungen, die in den letzten Artikeln über mich erschienen sind – insbesondere zu Teilen meiner Biografie oder zu angeblich von mir verfassten arabischsprachigen Texten – entsprechen aus meiner Sicht nicht der Realität.« 

Auch Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel kennt die Recherchen zu den Artikeln. Er schließt nicht aus, dass Al-Mashhadani tatsächlich der Autor sein könnte und seitdem einen Gesinnungswandel vollzogen habe: »Er wäre nicht der Erste.« Nur – im Gegensatz zu prominenten Extremismusaussteigern hat Al-Mashhadani nie öffentlich darüber gesprochen. Und auch seine Erzählung, er sei schon Jahre vor dem Erscheinen jener Artikel proisraelisch eingestellt gewesen, erscheint in diesem Kontext unglaubwürdig.

Er füllte eine Lücke, baute etwas auf, das viele ersehnten.

Ist Hudhaifa Al-Mashhadani also ein Opportunist? Einer, der sich für seinen Neuanfang in Berlin eine Karriere ausdachte, die ihm Respekt verlieh? Einer, der sich gegen Antisemitismus engagiert, weil das einen arabischen Schulleiter in Neukölln zu einer Ausnahmefigur macht, die von Medien umgarnt und von der Politik dringend gebraucht wird?

Staatssekretär Liecke betont, er habe in dem Bereich lange kaum jemanden gefunden, mit dem er zusammenarbeiten konnte. Im Gegensatz zu anderen Bildungsträgern habe es bei der Schule von Al-Mashhadani keine Hinweise auf Hamas- oder Hisbollah-Nähe gegeben. »Er unterrichtet Arabisch ohne Ideologie. Es geht um Sprache«, lobt Liecke.

Sollten die Artikel tatsächlich aus der Feder Al-Mashhadanis stammen, wäre das ein herber Rückschlag, findet der Politiker – und nicht nur er. Viele fürchten, dass durch die Berichterstattung nun auch die Schule in Verruf geraten könnte, die Hunderten Kindern und Jugendlichen einen Ort ohne Extremismus bietet. Dass lange kaum jemand Zweifel an der Authentizität ihres Rektors hegte, mag auch daran liegen, dass er in Neukölln eine Lücke füllte, etwas aufgebaut hatte, das viele ersehnten. Und über Berlin hinaus eine Strahlkraft entwickelte, die möglicherweise blendete.

Interview

»Diese Geschosse sind grausam«

Nahostexperte Eyal Zisser über Irans Einsatz von Streubomben gegen Zivilisten und deren internationale Ächtung

von Sabine Brandes  11.03.2026

Jerusalem

Isaac Herzog: Wir verändern die gesamte Konfiguration des Nahen Ostens

»Es ist eine Lektion für die Welt, dass man Grausamkeit mit viel Anstrengung und Stärke begegnen muss, ohne mit der Wimper zu zucken«, sagt Israels Präsident

 11.03.2026

Nahost

Nächtliche Angriffe und neue Spannungen in der Region: Iran feuert Raketen auf Israel

Die Lage im Überblick

 11.03.2026

Krieg

Netanjahu ruft Iraner zum Sturz der Führung auf

In den kommenden Tagen wolle man Bedingungen schaffen, die es den Menschen im Iran ermöglichen sollen, »ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen«, kündigte der israelische Regierungschef an

 10.03.2026

Jerusalem

Israels Außenminister: Wir wollen keinen endlosen Krieg

Wann die Ziele im Krieg mit dem Iran erfüllt sind, wolle Israel mit den US-Partnern abstimmen, sagte Gideon Saar

 10.03.2026

Cyberkrieg

Vom Iran im Netz für tot erklärt

Hackerangriffe gegen Israel nehmen zu und Teheran verbreitet gezielt Falschmeldungen – auch über einzelne Personen

von Sabine Brandes  10.03.2026

Jerusalem

Wadephul macht Solidaritätsbesuch in Israel

Knapp eineinhalb Wochen nach Beginn der Angriffe auf den Iran reist der deutsche Außenminister nach Israel. Während eines Raketenalarms muss er Schutz in einem Bunker suchen

 10.03.2026 Aktualisiert

Nahost

Iran: Neue Raketen auf Israel gefeuert - Sirenen heulen

Die 34. Angriffswelle erfolgt laut Angaben des Mullah-Regimes in Teheran mit präzisionsgelenkten ballistische Raketen

 10.03.2026

Tel Aviv

Zwischen Alltag und Angriffen: So erleben Israelis den Krieg

Mal Espresso, dann wieder Sirenengeheul: Die Menschen versuchen, sich ein Stück Normalität zu bewahren. Eindrücke aus einer Stadt zwischen Alltag und Ausnahmezustand

von Cindy Riechau  10.03.2026