Projekt

Und morgen ein Paradies

Zwischen dem Touristenzentrum Caesarea und dem Kibbuz Maagan Michael liegt ein Dorf. Eine einzige bucklige Straße führt nach Jizr az Zarka. Staus gibt es hier nie. Jizr, wie es die Einheimischen nennen, lockt kaum jemanden an. Das soll sich ändern. Denn die Lage des einzigen arabischen Dorfes an Israels Küste könnte nicht besser sein. Direkt an einer sandigen Bucht des Mittelmeers gelegen, schreit es förmlich danach, Touristen zu beherbergen. Eine private Initiative will genau das in die Tat umsetzen.

Neta Hanien und Ahmed Juha sitzen im Café am Dorfplatz und besprechen die Umbauarbeiten. Im Gebäude hinter ihnen wird gehämmert, gesägt, geschraubt und gestrichen. Die beiden Geschäftspartner könnten unterschiedlicher kaum sein: Die Jüdin Hanien ist ehemalige Staatsanwältin des Justizministeriums, wohnt mit ihrem Ehemann und den drei Kindern im beschaulichen Moschaw Aviel. Juha, arabischer Israeli, ist der Eigentümer des Cafés, Vater von sieben Kindern und lebt seit Generationen in Jizr.

Die beiden haben einen gemeinsamen Traum: Sie wollen Tourismus nach Jizr az Zarka bringen, in eines der ärmsten Dörfer des Landes. Hanien kennt die Wünsche der Backpacker als ehemalige Tauchlehrerin im Sinai genau und träumt davon, ein Gästehaus für Individualreisende mit kleinem Geldbeutel zu eröffnen. Obwohl viele ihrer Bekannten sie warnen, die arabische Gemeinde mit 14.000 Einwohnern sei kein einladender Ort für Besucher, ist Hanien von ihrer Sache überzeugt: »Ich bin und bleibe naiv. Denn würde ich mich auf alle Vorurteile einlassen, käme ich ja zu nichts.«

Selbsthilfe Auch Juha ist Optimist. Bereits seit Jahren hat er die Vision, sein Dorf auf die touristische Landkarte zu bringen. Mit den »Ramadan-Tours«, die er mit einem Partner organisiert, will er jüdischen Israelis die Bräuche des muslimischen Fastenmonats näherbringen. »Es gibt kaum Arbeitsmöglichkeiten bei uns«, weiß er aus eigener Erfahrung. »Die meisten Frauen gehen morgens zum Putzen in die jüdischen Gemeinden und kommen abends zurück.«

Doch nun fangen die Bewohner an, ihn zu fragen, was da vor sich geht, Interesse zu zeigen und Pläne zu schmieden. Einer will vielleicht ein Restaurant eröffnen, erzählt Juha, ein anderer sein Café erweitern und außer Getränken und Wasserpfeifen bald auch Snacks anbieten. »Auf einmal liegt bei uns so etwas wie Hoffnung in der Luft.« Tausendundeine Hilfsorganisation sei bereits in Jizr gewesen. »Doch wir wollen mit unserem Projekt den Ansporn zur Selbsthilfe geben.«

Da den beiden das nötige Startkapital fehlte, versuchten sie per Crowdfunding im Internet die Schekel für die Umbauarbeiten zusammenzubekommen. Schon nach rund zwei Wochen war das Ziel von umgerechnet 12.000 Euro erreicht. Mittlerweile haben sie mehr als 17.000 Euro zusammen.

Unterstützer Dass die Kooperation zwischen der Jüdin und dem Araber von manchen mit Skepsis betrachtet wird, stört Juha nicht sonderlich: »Es gibt immer und überall Kritiker. Für die meisten ist es aber kein Problem.« Es geht den beiden nicht nur darum, Geld zu machen. An diesem Ort soll verantwortlicher Tourismus entstehen, der andere zur Nachahmung inspiriert. »Wir wollen, dass alle Beteiligten profitieren.« Juha stammt aus einer angesehenen Familie im Dorf und hat das Talent, die Einwohner für eine Sache zu begeistern. In der Lokalverwaltung haben die beiden zudem mit dem Ratsmitglied Mohammed Amasch einen großen Unterstützer gefunden.

Auch der israelische Backpack-Guru Maoz Inon, der bereits erfolgreiche Hostels in Nazareth und Jerusalem eröffnet hat, hilft den beiden, ihren Traum zu verwirklichen. »Er ist unser Mentor geworden«, freut sich Hanien. »Wenn es bei ihm geklappt hat, warum nicht auch bei uns?« Auf jeden Fall wird das Gästehaus von Jizr in das nationale Hostelregister ILH aufgenommen.

Authentisch Denn nicht nur Tel Aviv und Jerusalem seien sehenswert, sagt die Frau mit dem Lockenkopf. »Es gibt so viele authentische Orte in unserem Land, die in den Reiseplänen der Individualtouristen ganz oben stehen würden – wenn sie nur davon wüssten.« Bereits im Oktober sollen die ersten Besucher im Fünf-Zimmer-Haus nächtigen. Neben zwei Privaträumen gibt es drei Mehrbettzimmer für bis zu zehn Gäste. Auf dem Dach wird ein schattiges Matratzenlager eingerichtet, wo sich die Touristen nach Ausflügen entspannen können.

Keine Frage, das Dorf hat Potenzial. Kaum hat man die Hauptstraße hinter sich gelassen, sieht man bereits das Meer glitzern. Ein Fußweg von zehn Minuten, und man steht an einer bildhübschen Bucht, in der Schifferboote auf den Schaumkronen schaukeln. In einer Dreiviertelstunde ist man in Caesarea, in 15 Minuten im historischen Städtchen Zichron Jaakov. Direkt um die Ecke liegt der Taninim-Fluss, der nationale Wanderweg »Schwil Israel« führt mitten durch den Ort. Doch bislang ist keinerlei touristische Infrastruktur vorhanden. Die Partner hoffen, dass ihr Gästehaus nur der Anfang ist. »Diese Bäckerei backt wundervolles Pita.« Hanien zeigt auf einen kleinen Laden. »Sie sollten ein paar Stühle und Tische für Gäste auf die Straße stellen.«

Am Strand ordnet der Fischer Moussa seine Netze. Auch er träumt von Touristen, die es sich bei ihm schmecken lassen. Zwar saßen auf seiner muschelgeschmückten Veranda bereits Gäste aus aller Welt und genossen den frischen Fang, doch ein Streit mit einem Geschäftspartner machte den Traum vom eigenen Restaurant zunichte. Nun zählt Moussa auf das Projekt Gästehaus. Ab sofort will er an den Wochenenden wieder öffnen. »Es ist doch logisch, dass Touristen herkommen«, meint er. »Denn es ist hier ein Paradies. Vielleicht eines von morgen – aber auf jeden Fall ein Paradies.«

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