Corona

Sehnsucht nach Zion

Für viele derzeit in weiter Ferne: die Kotel in Jerusalem Foto: Getty Images/iStockphoto

Israel erntet gegenwärtig weltweit Anerkennung für sein umfassendes Impfprogramm und dessen effiziente Umsetzung. Und, was noch wichtiger ist, auf diese Weise werden Tausende Menschenleben vor Krankheit und Tod bewahrt. Weniger bekannt ist, dass diese Erfolge nicht nur der Tüchtigkeit der Regierung und des modernen israelischen Gesundheitsapparats zu verdanken sind, sondern auch der besonderen Verbundenheit der Juden der Diaspora mit Zion.

Premier Benjamin Netanjahu und sein Kabinett wussten ebenso wenig wie andere Regierungen, welche Firma als Erstes ein wirksames Impfmittel entwickeln würde. Erst als deutlich wurde, dass dies die Pharma-Unternehmen Pfizer/BioNTech sein würden, setzte sich der israelische Premier umgehend mit Albert Bourla in Verbindung. Der Pfizer-Vorstandsvorsitzende Bourla kommt aus Thessaloniki. Er ist griechischer Jude. Seine Familie hat wie die meisten Juden dieser Stadt während des Völkermordes ein grausames Schicksal erlitten.

»judenbonus« Albert Bourla wanderte 1995 als Veterinär in die Vereinigten Staaten aus und machte bei Pfizer eine steile Karriere. Unter anderem war er für die Forschung verantwortlich, ehe er CEO des Pharmakonzerns wurde. In der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Not sprach Netanjahu mit Albert Bourla. Sie verhandelten insgesamt 17-mal miteinander. Einen »Judenbonus« gab es für Israel nicht.

Im Gegenteil. Israel zahlte den doppelten Preis, den die Europäer boten, übernahm anders als die EU alle Haftungsansprüche, die aus der Verabreichung des Vakzins entstehen würden, und erklärte sich bereit, Pfizer die anonymisierten Daten aller Geimpften zur Verfügung zu stellen. Dennoch ist davon auszugehen, dass der Zugang des israelischen Premiers zu Bourla durch das gemeinsame Judentum entscheidend erleichtert wurde. Die uralte Verbundenheit des Glaubens und der Schicksalsgemeinschaft besteht.

»Wenn ich deiner vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte«, mit diesen Worten schildert der Prophet Jeremijahu (Jeremia) im 137. Psalm die Haltung der Juden im babylonischen Exil. Die Hebräer waren nach der ersten Eroberung Jerusalems im Jahr 597 vor der Zeitrechnung nach Babel in Gefangenschaft entführt worden. Dort lebten sie mehr schlecht als recht an den Strömen von Babel, weinten, klagten und sehnten sich nach ihrer biblischen Heimat und deren religiösem Zentrum Jerusalem.

verbundenheit Die Verbundenheit der damaligen Diaspora-Juden allenthalben mit Jerusalem und dem Land Israel vor zweieinhalb Jahrtausenden war dermaßen stark, dass sie die Bibel eigens hervorhebt. Diese Sehnsucht hat nie nachgelassen, sie war die Grundlage des Zionismus und damit der Schaffung Israels im Jahre 1948 und der Verbundenheit der Juden allenthalben mit Zion.

Israel darf bei aller Vorsicht das Band zur Diaspora nicht vergessen.

Daher ist es konsequent, dass Israels treueste Besucher die Juden aus allen Ländern sind. Gewiss, das kleine Land an der Ostküste des Mittelmeers hat außergewöhnliche Sehenswürdigkeiten und Erholungsplätze zu bieten.

Aber seien wir ehrlich, lohnt der Besuch dieser Orte die lange beschwerliche Reise aus New York, Rio de Janeiro, Sydney nach Tel Aviv oder Ein Gedi allein aus touristischen Erwägungen? Der Grand Canyon, der Amazonas oder der Uluru (Ayers Rock) sind nicht weniger beeindruckend. Die guten Juden besuchen und pilgern – ebenso wie viele Christen und Säkulare – nicht wegen der Schönheit der Landschaft, sondern in erster Linie wegen ihrer mentalen Verbundenheit nach Zion.

abwehr Was ihnen gegenwärtig – außer in ganz wenigen Ausnahmefällen – nicht erlaubt ist. Denn Israel schützt sich aufgrund der Corona-Pandemie mit drastischen Mitteln. Ein Instrument dieser präventiven Abwehr ist die Sperrung des internationalen Flughafens Ben Gurion. Juden ist damit der Zutritt zum Land ihres Ursprungs, zu ihren Familien und Freunden, nach Jerusalem und anderen Orten untersagt.

Schutz, darunter Prävention, sind wichtig. Niemand reist nach Israel, um die Menschen dort zu gefährden. Dennoch kann es unter den Ankommenden Infizierte geben. Doch dies lässt sich durch Schnell- und gründliche PCR-Testungen sowie durch Quarantänemaßnahmen fast komplett ausschließen.

Die Besucher könnten, wie gesagt, auch woanders Erholung und Unterhaltung finden. Die jüdischen Israel-Reisenden aber wollen zumeist ins Land, um ihre Familien zu besuchen. Die Kinder, die Enkel, die Geschwister wiedersehen. Viele von uns haben jährlich Monate in Israel verbracht. Wir unterstützen Israel aus Überzeugung. Sowie aus religiöser, historischer, kultureller Verbundenheit und aus Tausenden anderen individuellen Gründen.

pessach In wenigen Wochen feiern wir Pessach. Der Seder wird mit dem traditionellen Ausruf: »Nächstes Jahr in Jerusalem!« beendet. Das ist mehr als ein frommer Spruch, es ist ein Versprechen. Wir Juden kommen ursprünglich aus Israel. Der Zionismus als Rückkehrbewegung entstand im Exil. Bei allem Pioniergeist in Zion, ohne die Juden der Diaspora wäre die Entstehung des Staates unmöglich gewesen.

Israel darf bei aller Vorsicht das Band zum Auslandsjudentum nicht vergessen. Es darf nicht gelockert oder gar gelöst werden. Auch das hat sich in der Pandemie erwiesen.

Der Autor ist Schriftsteller und Historiker. Zuletzt erschien: »Hannah und Ludwig. Heimatlos in Tel Aviv.«

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