Raketen

Ruhe vor dem nächsten Sturm

70 Prozent der Einwohner aus den Gemeinden in unmittelbarer Nähe zum Gazastreifen flüchteten, und nicht alle wollen zurückkehren. Foto: Flash 90

Nach 50 Tagen heftiger Kämpfe sollen die Waffen schweigen. Am Dienstagabend haben Israel und die Hamas mit der Hilfe Ägyptens eine Feuerpause ohne zeitliche Begrenzung vereinbart. Kurz vor dem Inkrafttreten um 19 Uhr starben zwei Israelis durch palästinensische Raketen aus dem Gazastreifen, bei beiden handelte es sich um Familienväter. Die Zahl der während der Militäroperation »Protective Edge« getöteten Israelis stieg damit auf 70.

Eine der Voraussetzungen für den Waffenstillstand soll die Öffnung der Übergänge zum Gazastreifen für die Einfuhr von Baumaterial sowie humanitärer Hilfe und medizinischer Versorgung sein.

Die Hamas bejubelte das Abkommen als »Sieg«. Tausende von Menschen feierten in Gaza-Stadt bis tief in die Nacht, während sich die Anführer aus ihren Bunkern trauten und sich zum ersten Mal wieder in der Öffentlichkeit zeigten. In Israel ist die Stimmung derweil verhalten, niemand scheint dem »Frieden« zu trauen. Die Knessetabgeordnete Miri Regev von der Likud-Partei erklärte, die Israelis glaubten nicht an eine Vereinbarung mit der Hamas. »Die meisten sind sicher, dass die Terrororganisation die Pause nur zum erneuten Aufrüsten nutzt.« Damit man ein solches Abkommen ernst nehmen könne, müsse Israel eine komplette Entwaffnung des Gazastreifens verlangen, forderte Regev.

Umsiedlung Dieser Meinung ist auch die große Mehrheit im Süden des Landes. In den Tagen vor dem Waffenstillstand waren israelische Familien in Massen aus der umkämpften Region geflohen. Seit Anfang Juli wurde die Gegend fast pausenlos von der Hamas beschossen. 70 Prozent der Einwohner aus den Gemeinden in unmittelbarer Nähe zum Gazastreifen flüchteten, und nicht alle wollen zurückkehren. Allein 700 Familien beantragten in den letzten Tagen der Kämpfe staatliche Hilfe für eine langfristige Umsiedlung. Nach der Eskalation der Gewalt hatte die Regierung all jenen, die umziehen wollten, finanzielle Unterstützung zugesagt.

Idan Levi hat die Hilfe noch nicht beantragt. Doch auch sie will nicht mehr zurück in ihre Heimatstadt Sderot, das sei ihr in den letzten Tagen klar geworden. »Ich habe die Nase voll vom Leben unter Beschuss, ich will Ruhe für meine Familie.« Innerhalb weniger Wochen flüchtete sie drei Mal aus Sderot zu Freunden nach Tel Aviv, schlief mit ihrem sechs Monate alten Baby auf dem Sofa.

»Anfangs wollte ich nicht gehen, aber es war nicht auszuhalten«, resümiert die junge Mutter ihre Odyssee während des Krieges. Bei jeder Rückkehr dachte sie, dass nun Ruhe herrsche. Doch sie irrte. »Bis auf die wenigen Tage des ersten Waffenstillstands hörten die Sirenen kaum mehr auf. Ich habe praktisch in unserem Treppenhaus gewohnt. Einen Bunker haben wir ja nicht.«

So wie ihr ging es in den Tagen des Krieges auch Zigtausenden anderen Israelis. Mancher Ort im Süden des Landes gleicht noch immer einer Geisterstadt. Etwa der Kibbuz Nachal Oz. Die Kooperative ist nur zwei Kilometer von der Grenze entfernt. In der vergangenen Woche erlangte sie traurige Berühmtheit, als der vierjährige Daniel Tregerman von einer Mörsergranate der Hamas getötet wurde. 360 Menschen sind hier eigentlich zu Hause. In den letzten Tagen des Krieges war niemand mehr da. Auch die Eltern von Daniel machten klar, dass sie hier nicht mehr wohnen werden.

Bunker
Chaim Yellin, der Vorstand der Eschkol-Region, in der die zwei jüngsten Opfer zu beklagen sind, erklärte, dass sich die Bewohner nicht sicher fühlten. »Es ist leicht, eine Entscheidung aus dem Bunker heraus zu treffen, wie die Hamas es getan hat. Vielleicht gibt es auch eine Waffenruhe in Jerusalem, wo sich die Menschen in Sicherheit wägen. Hier aber fühlen wir uns alles andere als sicher.«

Bei einem Besuch in der geplagten Region Anfang der Woche sagte sogar Sicherheitsminister Yitzhak Aharonovitch, dass all jene, die nicht unbedingt hier bleiben müssen, besser gehen sollten. »Sie sollen sich eine Atempause vom Beschuss der Hamas gönnen.« Gleichzeitig wurde von offizieller Stelle betont, es handele sich nicht um eine Evakuierung. Verteidigungsminister Moshe Ya’alon machte klar, dass es keine Empfehlung aus Jerusalem gibt, die Häuser zu räumen, die Regierung aber jene, die fliehen, verstehe und unterstütze. Dieser feine Unterschied in der Terminologie ermöglicht es der Regierung, nach dem Ende des Krieges umfassende Kompensationsforderungen abzuwehren.

Atempause Jael Stadin, Vorsteherin des Kibbuz Gan Haschloscha, floh mit Hunderten Leidensgenossen vor der nicht endenden Gewalt. Die meisten ihrer Gemeindemitglieder wohnen derzeit noch in einem Hostel in Jerusalem, organisiert von der Behörde für Krisenmanagement. »Uns wurde gesagt, wir dürften es nicht Evakuierung nennen, sondern nur Atempause. Doch es ist, was es ist. Wir haben den Kibbuz verlassen, weil es unmöglich war, dort zu bleiben«, erzählt Stadin. »Es ist wie russisches Roulette. Bleiben heißt, das Leben zu riskieren.« Viele andere Menschen aus dem Süden haben dank der privaten Hilfsbereitschaft von Kibbuzim und Moschawim im Norden Unterschlupf gefunden. Wie viele Mitglieder dauerhaft zurückkehren wollen, weiß Stadin nicht.

Idan Levi aus Sderot ist zwar erleichtert, dass ein Waffenstillstand erreicht wurde – dass er lange hält, daran glaubt sie allerdings nicht. Sie will langfristig nicht mehr in Sderot leben. Allein wegen der Sicherheit ihrer Tochter. »Die Waffen der Hamas sind tödlich, das haben wir ja leider erleben müssen. Wenn sie auch nicht sofort wieder fliegen, dann doch sicher irgendwann. Das hat uns die Vergangenheit immer wieder gezeigt. Warum sollte es denn jetzt anders sein?«

Terror

Held von Flug FZ1073: Jetzt spricht erstmals der Flydubai-Pilot

Der bei dem Messerangriff in einer Flydubai-Maschine von Dubai nach Tel Aviv verletzte Flugkapitän äußert sich zu den Vorgängen im Cockpit. Er berichtet auch, was ihm Mut gegeben hat

 02.10.2026

Nahost

Flydubai-Drama: Auch VAE-Vertreter spricht von Terror

Aus Israel kam schon früh die Einschätzung, dass es sich bei dem Vorfall um einen Anschlagsversuch handelte. Nun äußert sich ein emiratischer Regierungsvertreter ähnlich

 02.10.2026

Kibbuz Nahal Oz

Drei Jahre nach dem Hamas-Angriff entsteht die Kollektivsiedlung neu

Der 7. Oktober 2023 hat eine tiefe Wunde in die israelischen Gemeinden entlang des Gazastreifens gerissen. Mittlerweile ist der Wiederaufbau in vollem Gange – mit gemischten Gefühlen

von Andrea Krogmann  02.10.2026

Jerusalem

Herzog über mögliche Linken-Regierung in Berlin: »Das ist äußerst verstörend«

Im ausführlichen Interview mit der WELT spricht der israelische Präsident auch über den »Fly Dubai«-Angriff, den Iran und das britische Embargo gegen sein Land

 02.10.2026

Tel Aviv

Nach Geiselhaft: »Das Leben wird nie wieder dasselbe sein«

Am 07. Oktober 2023 überfielen Terroristen aus dem Gazastreifen Grenzorte in Israel. Sie ermordeten und entführten viele Menschen, darunter auch Deutsche. Wie geht es den ehemaligen Geiseln heute?

von Cindy Riechau  02.10.2026

Besuch

Berlins scheidender Regierungschef reist nach Israel

Israels Botschafter in Deutschland äußerte kürzlich Sorge um die Sicherheit der jüdischen Community in der deutschen Hauptstadt. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner reist nun nach Tel Aviv

 02.10.2026

Kommentar

Fair Play – es sei denn, es geht um Israel

Irlands Nationalspieler verweigern Israelis den Handschlag, diskutieren darüber, ob sie überhaupt gegen sie antreten wollen – und die UEFA schweigt. So funktioniert die schleichende Etablierung von Antisemitismus als Akt des vermeintlichen humanitären Widerstandes

von Dorothea Schupelius  02.10.2026

Tel Aviv

»Es ist viel sicherer, mit einer israelischen Airline zu fliegen«

Der Sicherheitsexperte Eyal Tsir Cohen über den Anschlag auf den »Fly Dubai«-Flug, die aktuelle Terrorbedrohung im Luftverkehr und die Effizienz israelischer Maßnahmen

von Detlef David Kauschke  02.10.2026

Tel Aviv

Co-Pilot aus Oman trotz Einreiseverbot mehrfach nach Israel geflogen

Warum wurden Sicherheitsregeln nicht umgesetzt?

 02.10.2026