Den Haag/Jerusalem

»Perversion der Rechtsprechung«

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Foto: imago images / Steinach

Angeblich sollen bald schon Hunderte von derzeitigen und ehemaligen Angestellten aus dem israelischen Sicherheitsbereich zu Besprechungen mit der Regierung eingeladen werden. Dies berichten israelische Medien, nachdem der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag (IStGH) am Freitag entschieden hatte, dass Untersuchungen mutmaßlicher Kriegsverbrechen seitens Israels und der Hamas zugelassen werden.

REAKTION Premierminister Benjamin Netanjahu äußerte sich in einer Stellungnahme auf verschiedenen Kanälen. Er sagte: »Wenn der ICC (englisch International Criminal Court) Israel wegen erfundener Kriegsverbrechen untersucht, ist das purer Antisemitismus«. Der Gerichtshof weigere sich, brutale Regimes wie in Syrien oder im Iran zu untersuchen, die fast täglich grauenvolle Taten anrichteten, führte Netanjahu aus. »Doch wir werden diese Perversion der Rechtsprechung mit aller Macht bekämpfen.«

Die Chefanklägerin am Haager Gerichtshof Fatou Bensouda hatte die Ergebnisse ihrer vorläufigen Ermittlungen aus dem Dezember 2019 eingereicht, woraufhin das Gericht urteilte, es gebe eine Basis für eine weitere Untersuchung. Der Gerichtshof entschied zudem, dass er die juristische Zuständigkeit über Ost-Jerusalem, das Westjordanland und Gaza habe.

Bensouda zog drei Arten von mutmaßlichen Kriegsverbrechen in Erwägung: jene, die von Israel und der Hamas im Jahr 2014 begangen worden sein könnten. Jene, die Israel während der Massenproteste an der Grenze zwischen Gaza und Israel begangen haben könnte sowie Verbrechen, die von Israel durch den Bau von zivilen israelischen Siedlungen in den palästinensischen Gebieten verübt worden sein könnten.

»Israels Meinung nach ist dies eine unfaire und unwesentliche Entscheidung ohne Autorität.«

Israelisches Sicherheitskabinett

Gleichsam machten Quellen im israelischen Justizministerium klar, dass das Haager Tribunal noch keine Untersuchung gegen Israel eingeleitet habe. Demzufolge bestehe derzeit keine Gefahr, dass Israelis im Ausland festgenommen würden. Sollte dies dennoch geschehen, werde das Justizministerium für jeden Israeli, der angeklagt wird, vollen Schutz bieten, heißt es. Man geht davon aus, dass sich der Gerichtshof auf hochrangige Personen fokussieren werde, etwa Minister oder Militärs.

VERTRAGSSTAAT Im Anschluss an die Entscheidung veröffentlichte die israelische Armee eine Erklärung, dass sie den Schritt des IStGH bedauere. »Israels Meinung nach ist dies eine unfaire und unwesentliche Entscheidung ohne Autorität.« Der Staat Israel erkennt die Autorität des IStGH nicht an und argumentiert, dass Israel weder ein Vertragsstaat sei noch die Palästinensischen Autonomiegebiete ein autonomer Staat.

Die Tageszeitung Haaretz berichtete über die angebliche Existenz einer geheimen Regierungs-Liste mit Namen von Entscheidungsträgern und ranghohen Militär- wie Sicherheitsangehörigen, die im Ausland verhaftet werden könnten. Mehrere Vertragsstaaten des IStGH haben sich bereit erklärt, vorher eine Warnung auszusprechen, sollte es ein Interesse geben, einen Israeli, der in ihr Land einreist, zu verhaften.

PRINZIPIEN Das Sicherheitskabinett erklärte am Sonntag, das Urteil sei »ungeheuerlich«. Dies würde den Gerichtshof als »parteiisch entlarven, der sich in die internationalen Organisationen einreiht, die von antisemitischen Prinzipien geleitet werden«.

Alle Behörden müssten jetzt die notwendigen Schritte einleiten, »um die Interessen des Staates zu schützen sowie seine Bürger und Soldaten zu verteidigen«. Es gibt keinen zeitlichen Rahmen, in dem Bensouda angeben muss, ob sie eine weitere Ermittlung einleitet. Ihre Amtszeit endet im Juni dieses Jahres. »Der internationale Gerichtshof wurde eingerichtet, um Gräueltaten zu verhindern, wie jene, die den Juden von den Nazis angetan wurden«, so das Sicherheitskabinett. »Doch stattdessen stellen sie den jüdischen Staat vor Gericht.«

Politik

Netanjahu-Vertrauter rechnet mit Likud ab

Der langjährige Likud-Politiker Zachi Hanegbi will am 27. Oktober erstmals seit fast 50 Jahren nicht für den Likud stimmen. In einem Zeitungsbeitrag nannte der 69-Jährige die Gründe

von Sabine Brandes  22.10.2026

Israel

Gadi Eizenkot stellt klar: »Werde in keine Regierung mit Netanjahu eintreten«

Der Herausforderer des amtierenden Ministerpräsidenten hat ausgeschlossen, mit ihm eine Koalition einzugehen, und kritisiert Benjamin Netanjahu für dessen Versagen vor dem 7. Oktober 2023

von Sabine Brandes  22.10.2026

Wahlen

»Ein Geschenk an Israels Feinde«

Yair Lapid wirft Netanjahu vor, mit Provokationen gegenüber dem Iran aus Wahlkampfkalkül die Sicherheit des Landes aufs Spiel zu setzen / Verteidigungsminister Katz macht die Opposition für mögliche künftige Anschläge verantwortlich

von Sabine Brandes  22.10.2026

Siedlergewalt

Huldai: »Ich schäme mich und schweige nicht mehr«

Tel Avivs Bürgermeister verurteilt die Gewalt gegen palästinensische Olivenbauern und Journalisten scharf. Er warnt vor dem Zerfall rechtsstaatlicher und zionistischer Werte

von Sabine Brandes  22.10.2026

Nahost

Israelische Kampfjets fliegen bis an iranische Grenze – Sorge vor Eskalation vor der Wahl

Was passierte im Luftraum über Syrien und dem Irak und warum?

 22.10.2026

Jerusalem

Netanjahu: »Alle Feinde Israels wollen, dass ich verliere«

Der israelische Ministerpräsident wirft Iran und verbündeten Gruppen vor, die bevorstehende Wahl beeinflussen zu wollen

 22.10.2026

Gaza/Jerusalem

Hamas droht mit neuem Angriff nach dem Muster des 7. Oktober

Die palästinensische Terrororganisation soll Israel über einen UN-Vermittler mit einem weiteren Massaker gedroht haben. Die Warnung bezieht sich auf mögliche Anschläge in Israel und im Ausland

 22.10.2026

Israel

Knessetwahl: Soldaten können bereits abstimmen

In weniger als einer Woche wählt Israel ein neues Parlament. Bereits jetzt dürfen Soldaten die Wahlkabinen betreten - diese werden ihnen bis in den Libanon und nach Syrien gebracht

 21.10.2026

New York/Gaza

Frühere Lehrerin aus Gaza warnt vor Judenhass an UNRWA-Schulen

Die Pädagogin sagt, die ideologische Indoktrinierung palästinensischer Kinder könne den Nährboden für ein weiteres Massaker wie das vom 7. Oktober 2023 schaffen

 21.10.2026