Jerusalem

Opposition warnt vor »Katastrophe für Generationen«

Oppositionsführer Yair Lapid Foto: copyright (c) Flash90 2025

Israelische Oppositionspolitiker haben mit ungewöhnlich scharfen Worten auf die Entscheidung des Kabinetts reagiert, die vollständige Einnahme von Gaza-Stadt anzuordnen. Wie mehrere israelische Medien berichten, wurde der Beschluss am Montagabend gefasst – trotz erheblicher Bedenken aus den Reihen von Militär und Sicherheitsdiensten.

Oppositionsführer Yair Lapid bezeichnete die Entscheidung in einem Beitrag auf X als »Katastrophe, die zu vielen weiteren Katastrophen führen wird«. Der Beschluss stehe »in völligem Widerspruch zu der Einschätzung der militärischen und sicherheitspolitischen Ebene«.

Der Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, und Finanzminister Bezalel Smotrich hätten Premierminister Benjamin Netanjahu »in einen Schritt gedrängt, der Monate dauern, das Leben von Geiseln und vielen Soldaten kosten, den israelischen Steuerzahler Dutzende Milliarden kosten und zu einem politischen Zusammenbruch führen wird«.

»Planloses Besatzungsszenario«

Lapid warnte, die Hamas habe genau diesen Zustand angestrebt: Israel solle in einem »ziel- und planlosen Besatzungsszenario« gefangen werden, ohne eine Vorstellung vom »Tag danach«.

Auch Avigdor Lieberman, Vorsitzender der Partei Israel Beiteinu und früherer Verteidigungsminister, warf der Regierung vor, die Meinung militärischer Experten zu ignorieren. Die Entscheidung zeige, »dass über Leben und Tod entgegen den sicherheitspolitischen Erwägungen und den Kriegszielen entschieden wird«. Netanjahu, »der Premierminister des 7. Oktober«, opfere erneut die Sicherheit israelischer Bürger, »nur um seinen eigenen Sitz zu retten«.

Yair Golan, Vorsitzender der Partei Die Demokraten, erklärte gegenüber dem Armeesender, das Kabinett habe mit seiner Entscheidung »den Tod weiterer Geiseln in Kauf genommen«. Der Schritt sei bezeichnend für das Vorgehen Netanjahus: »Er ist schwach, leicht unter Druck zu setzen, unfähig, Entscheidungen zu treffen, und nicht in der Lage, zwischen den Vorschlägen der Fachleute und den messianischen Kräften in seiner Regierung zu vermitteln.«

»Messianische Visionen«

Golan sprach von einer »Katastrophe für Generationen«: »Unsere Söhne und Enkel werden noch in den Gassen von Gaza patrouillieren, wir werden über die Jahre Hunderte Milliarden bezahlen – und all das aus Gründen des politischen Überlebens und messianischer Visionen.« Zugleich stellte er die Frage, wie die Regierung den Gazastreifen entwaffnen wolle: »Wollen wir durch Tunnel kriechen und das letzte Kalaschnikow-Gewehr bergen?«

Nach übereinstimmenden Berichten israelischer Medien hatten hochrangige Vertreter von Armee und Geheimdiensten vor einem groß angelegten Vormarsch nach Gaza-Stadt gewarnt. Sie befürchten langwierige Häuserkämpfe, hohe Verluste und eine weitere Verschärfung der humanitären Lage. Zudem gilt die Eroberung der Stadt ohne ein klares Konzept für die Nachkriegsordnung als riskant – nicht zuletzt, weil unklar ist, wer die Kontrolle nach einem möglichen Abzug übernehmen würde.

Lesen Sie auch

Der Beschluss fällt in eine Phase anhaltender politischer Spannungen in Israel. Netanjahu steht seit Monaten innenpolitisch unter Druck, sowohl wegen seines Umgangs mit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 als auch wegen der schleppenden Rückführung der noch in Gaza festgehaltenen Geiseln. Beobachter sehen in der Entscheidung für die Operation in Gaza-Stadt auch den Versuch, innenpolitische Schwäche durch militärische Entschlossenheit zu überdecken. ja

Interview

»Ich würde gerne mit Benjamin Netanjahu sprechen«

Der umstrittene Podcaster Ben Berndt schreibt Mediengeschichte. Sein YouTube-Format »Ungeskriptet« erreicht Millionen. Ein Gespräch

von Sven Gösmann, Stella Venohr  07.07.2026 Aktualisiert

Jerusalem

Deutschland verfünffacht Beitrag für Yad Vashem

Die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel erinnert an die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden. Die Bundesrepublik will sich künftig verstärkt an der Finanzierung beteiligen

 07.07.2026

Schweiz

Ein Jahr Gefängnis für jugendlichen Täter

Der Schweizer mit tunesischen Wurzeln hatte am 2. März 2024 auf der Straße einen orthodoxen Juden niedergestochen. Am Dienstag wurde der 17-Jährige verurteilt

von Nicole Dreyfus  07.07.2026

Humantitäre Hilfe

IDF arbeitet mit an Venezuelas Wiederaufbau

Nach den verheerenden Erdbeben entwickelt eine IDF-Delegation mit der Übergangsregierung einen Plan für die zerstörten Regionen. Oberrabbiner Cohen hofft, dass die humanitäre Operation ein erster Schritt zur Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Caracas und Jerusalem sein könnten

von Sabine Brandes  07.07.2026

Jerusalem

Deutschland verfünffacht Unterstützung für Yad Vashem

Außenminister Wadephul und sein israelischer Amtskollege Sa’ar haben auf einer gemeinsamen Pressekonferenz einen Ausbau der Förderung für die israelische Holocaust-Gedenkstätte angekündigt. In den Fragen zu Iran und Libanon herrschte Einigkeit, beim Westjordanland nicht

von Sabine Brandes  07.07.2026

Türkei

Netanjahu warnt die USA vor einem Kampfjet-Deal mit der Türkei

Israel sieht das Gleichgewicht im Nahen Osten gefährdet, sollte es zu einem Deal zwischen der Türkei und den USA kommen

 07.07.2026

Jerusalem

»Antisemitische Hetze« und »Aufruf zum Völkermord«: Streit zwischen Israel und Türkei eskaliert

Türkeis Außenminister hatte Israel als Problem für die Menschheit bezeichnet, das nicht länger ertragen werden könne

 07.07.2026

USA

Wie Ägyptens Nationaltrainer bei der Fußball-WM Lügen über Israel verbreitet

Politische Botschaften sind während des Turniers eigentlich verboten. Ägyptens Trainer lässt sich davon nicht beeindrucken

 07.07.2026 Aktualisiert

Hintergrund

UNRWA: Die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Israel-Lobby

Eine neue Studie der linksparteinahen Stiftung präsentiert jüdische und pro-israelische Organisationen in Deutschland pauschal als Sprachrohre der Regierung in Jerusalem

von Michael Thaidigsmann  06.07.2026